Musik: Familiär, freakig, fantasievoll: 40 Jahre Lott-Festival

Musik : Familiär, freakig, fantasievoll: 40 Jahre Lott-Festival

Das Lott-Festival wird im August 40 Jahre alt. Für eine Großveranstaltung, die ehrenamtlich gestemmt wird, ist das ein stolzes Alter. Der TV sucht nach den Gründen, warum das Ereignis für Helfer und Besucher bis heute so besonders ist.

Das Lott-Festival Anfang August bei Raversbeuren, Rhein-Hunsrück-Kreis, ist eine feste Größe in Terminkalendern in der Region. Längst ist es von einer alternativen Jugend- zu einer familiären Großveranstaltung geworden.
In diesem Jahr feiert der Event, der in jedem Jahr rund 8000 Menschen anzieht, vom 4. bis 6. August 40. Geburtstag. Und das ist für Veranstaltungen dieser Größenordnung schon eine Hausnummer. Warum es die Lott noch gibt? "Sie ist ein fester Bestandteil unseres Lebens", sagt die 39-jährige Ina Meisberger aus Kröv, die Vorsitzende der Lott-Gesellschaft. Sie wird übrigens am Lott-Samstag 40 Jahre alt und sie feiert - wie könnte es anders sein - "auf der Lott und sonst gar nicht".

Das Selbstverständnis Die Geselligkeit ist neben der Musik die Haupttriebfeder für die "Lottler", wie sie sich selbst nennen. "150 Helfer engagieren sich seit vielen Jahren und kommen jedes Jahr, um beim Aufbau und Abbau zu helfen und natürlich auch, um das Festival zu erleben", schildert Meisberger. Beispielsweise der 62-jährige Eike Gall aus Enkirch, ein Mann der ersten Stunde. Das Festival-Urgestein aus Enkirch hat rund 30 Jahre in Berlin gelebt und dennoch über die Jahrzehnte ganze zwei (!) Festivals versäumt. Was für ihn die Lott so besonders macht? "Die Menschen", sagt er. Es gebe eine große Gruppe von Lott-Enthusiasten, die seit vielen Jahren miteinander befreundet sind. Und: "Wir wollten damals einen Platz schaffen, wo wir unsere Kultur ausleben können und auch Freunde treffen", blickt er zurück. Ganz wichtig für alle Lottler: Das Festival soll Ausdruck gelebter Demokratie und Teilhabe sein, ohne hierarchische Strukturen und Kommerzgedanken.

Die Anfänge Die Anfänge sind Legende. Grafikdesigner Gall erinnert sich: Eine Jugendgruppe in Enkirch will ein Wohltätigkeitskonzert für behinderte Menschen veranstalten. Vorgesehen ist der Saal des evangelischen Gemeindehauses. Doch der Pfarrer spielt nicht mit, so Gall weiter. Kurzerhand wird das Konzert ins Freie verlegt, auf eine Fläche, auf der die Karnevalsgesellschaft Enkirch ihre Waldfeste feiert. Das Flurstück heißt Lott. Womit auch geklärt ist, wie das Festival zu seinem Namen kam.

Erste Hürden Die Veranstaltung droht, bereits im Vorfeld zu scheitern. Ihr fehle die Genehmigung, monieren die Behörden, als die ersten Plakate hängen. Andere Vereine springen in die Bresche. "Gut 600 Besucher erleben eine entspannt freakige, lange Nacht", heißt es in der Chronik, die zum Jubiläum herausgegeben wird.
Es spielen Bands und Interpreten aus dem Bekanntenkreis - ohne Gage. Bei dem einen Festival bleibt es nicht. Wegen Haftungsfragen und laut Vereinschronik, "um Behörden zufriedenzustellen", wird 1979 ein Verein gegründet: die Lott-Gesellschaft. In den Folgejahren klettern die Besucherzahlen stetig, 1982 und 1983 sind - vorher und nachher - unerreichte 10 000 Gäste auf dem Lott-Gelände.

Die Organisation Improvisation ist das Gebot der Stunde. Plumpsklos werden ausgehoben. Strohballen dienen als Lärmschutzwände. Ein Rohr mit drei Duschköpfen und drei Wasserhähnen - das sind die ersten Waschgelegenheiten. "Wir waren ja Hippies, da kam es nicht so drauf an", erinnert sich Gall. Doch das ist Geschichte. Technik, Struktur und Logistik haben sich stetig weiterentwickelt. Dennoch streben die Organisatoren keine Perfektion an. Meisberger: "Das Festival soll dem Publikum stattdessen Freiraum für individuelle Entfaltung bieten."

Vor dem Aus Natürlich gibt es in 40 Jahren Festivalgeschichte nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. 1982 kommt Gegenwind aus dem Enkircher Gemeinderat. Die Lott möge politischen Gruppen wie Friedeninitiativen kein Forum mehr bieten. Jagdpächter erstreiten 1985 vor Gericht, dass das Festival nicht mehr auf dem bisherigen Gelände stattfinden darf. Ein Landwirt aus Raversbeuren stellt spontan ein Ersatzgelände zur Verfügung. Wegen der geringen Besucherzahlen firmiert die Veranstaltung später als "Lottchen". Die Auseinandersetzungen gehen auch an den Organisatoren nicht spurlos vorbei. Drei Jahre lang fällt das Festival aus. Danach gibt es einen Neuanfang. Inzwischen haben sich die Zuschauerzahlen bei rund 8000 jährlich eingependelt.

Die Musik In den Anfangsjahren ist das Programm auf Folk, Blues und Jazz beschränkt. Heute gibt es keine musikalischen Tabus mehr. Der gemeinsame Nenner? "Kein Mainstream und nach Möglichkeit Unentdecktes", bringt die Vorsitzende es auf den Punkt. Exakt 463 Bands und Einzelinterpreten hatte die Lottgesellschaft in den 40 Jahren unter Vertrag. Sie werden in der Chronik aufgelistet: von "Absinto Orchestra" bis zu "Zeitenklang". Wer bekannte Namen sucht, wird ebenfalls fündig. Etwa die Band Jupiter Jones, die 2005 im Hunsrück auftrat. Die Eifeler Musiker erinnern sich übrigens noch genau an ihren Auftritt: "Das war damals ein unfassbares Ereignis", sagte Gitarrist Sascha Eigner dem TV (siehe auch Info-Box links unten). Wie funktioniert die Auswahl? 15 Männer und Frauen jeglichen Alters, die sogenannte Musikgruppe, sichten viele, viele Bands. Bis das Programm steht, hat jeder 500 bis 1000 Stücke gehört.

Die Bühnen Gespielt wird auf vier Bühnen: auf der Hauptbühne, der kleinen Hangbühne, der Waldbühne und dem Zirkuszelt. Seit 2006 ist der Zirkus Balu fester Bestandteil des Festivals. Neben Clowns und Akrobaten tummeln sich dort auch junge Dichter. Ein Poetry Slam gehört zum Programm. Eine historische Besonderheit: Jahrelang hat eine der Musikgruppen, die Politrockband "Captain Sperrmüll" eine Bühne für Theater und Kabarett in Eigenregie betrieben.

Die Zukunft Die Gründergeneration kommt langsam ins Rentenalter. Für viele Vereine wäre das ein Grund, sorgenvoll in die Zukunft zu schauen. Nicht so bei der Lott, versichert die noch 39-jährige Ina Meisberger, die im Dezember den Vorsitz übernommen hat. Der Generationswechsel ist im Gang. Junge Lottler übernehmen Verantwortung. Sie betreiben die Waldbühne und können dort ihre eigenen Vorstellungen umsetzen. Dort gibt es nicht nur Musik. Auch Podiumsdiskussionen haben ihren Platz. Einen Wunsch für die Zukunft hat Ina Meisberger noch: "Dass die Auflagen der Behörden für uns und andere ehrenamtliche Vereine zu bewältigen bleiben."Extra: VEREIN IN KÜRZE: DIE LOTT-GESELLSCHAFT


Vorstand: erste Vorsitzende Ina Meisberger, Kassenwartin Gabi Kremeskötter, Beisitzer: Clemens Gottke, Silvia Wolff, Jens Skrobotz. Vereinszweck: die Förderung kultureller Veranstaltungen. Mitglieder: 330 Gründungsdatum: 13. Juni 1979 Lott-Festival: vom 4. bis 6. August. Das Festivalticket kostet ab Freitag 35 Euro und ab Samstag 30 Euro. Am Sonntag ist der Eintritt kostenlos. Ein Einzelticket für Freitag ist nicht möglich. Kinder unter 14 Jahren sind frei. Infos über das aktuelle Programm gibt es unter www.lott-festival.deWeitere Veranstaltungen: Die Lott-Gesellschaft lädt zu weiteren Veranstaltungen ein wie Taschenlampenkonzert, Hunsrück-Mosel-Jam und Weihnachtskonzerte. Chronik: Die Chronik "Lott - 40 Jahre Festival, 1977-2017" wird auf dem Festival erhältlich sein. Kontakt: info@lott-festival.deExtra: DAS SAGEN BANDS, HELFER UND BESUCHER


"Es ist großartig, dass es das Festival schon so lange gibt und dass sich immer verrückte Leute finden, die das weiterführen." Sascha Eigner, Gitarrist von Jupiter Jones "Leben und leben leben lassen in einer sehr heterogenen Gesellschaft." Stefanie Koch aus Wehlen "Es ist fast unmöglich, die Einzigartigkeit der Lott in Worte zu fassen. Aber ich versuche es mal: Sommer, Freude, Freiheit, Liebe, Vielfalt, Leichtigkeit, Genuss, Leben! Das ist meine Lott! Die Lott ist einzigartig, verrückt, unbeschreiblich, bunt, glücklich, besonders, unvergesslich, familiär, tolerant, klein, emotional, wundervoll! Überschreite ich den Hügel von Raversbeuren, bin ich im Paradies!" Pauline Leis aus Morbach "Die Lott ist ein Projekt über Generationen hinweg, das funktioniert." Julia Koch aus Trier

Mehr von Volksfreund