Notfälle am Nürburgring Zwischen Bier, Bass und Blasenpflastern: Was Sanitäter bei Rock am Ring erleben

Nürburgring · Inmitten der Massen aus Metalheads, Rock- und Punk-Fans stechen sie sofort ins Auge: die Sanitäter des Roten Kreuzes. Was sie auf dem Festival erleben – und warum sie manchmal zu Bratwurst eingeladen werden.

Fotos Rock am Ring: So sind Sanitäter für Notfälle gewappnet​
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Rock am Ring: So ist das Rote Kreuz für Notfälle gewappnet

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Foto: TV/Claire Herrmann

Freitagabend, es ist kurz vor Mitternacht. Auf der Main Stage wollen Die Ärzte gerade ihren Song „Perfekt“ zum Besten geben, als es in der Menschenmenge plötzlich zu einem Notfall kommt. Das Publikum reagiert sofort, macht die Band auf sich aufmerksam, die Rettungskräfte vom Roten Kreuz sind binnen kürzester Zeit vor Ort.

Schlagzeuger Bela B nutzt den Anlass, um die Sanitäter – dem angestimmten Song entsprechend – als die „perfekten Menschen“ zu feiern. Das Publikum stimmt zu, tosender Applaus brandet auf.

1.263 haupt- und ehrenamtliche Sanitäter bei RaR im Einsatz

Aber spulen wir ein paar Stunden zurück. Es ist Freitagnachmittag, Rock am Ring 2024 ist soeben gestartet. Direkt an der Bundesstraße gelegen, herrscht beim „Haus C“ des Deutschen Roten Kreuz (DRK) reges Treiben. Rettungswagen fahren vor, andere verlassen gerade den Parkplatz. Einige Sanitäter stehen vor der Tür, unterhalten sich, während sie auf den nächsten Einsatz warten.

Beim Eintreten in das Gebäude fällt der Blick auf die Vielzahl der an die Wand gepinnten Dienstpläne. Vorbei an der Küche, aus der Stimmengewirr und der Geruch von Essen dringen, durch den Flur bis zum Büro von Armin Link. Er ist der Leiter des medizinischen Bereichs am Nürburgring.

 Armin Link ist Leiter des medizinischen Bereichs am Nürburgring, einerseits für das Deutsche Rote Kreuz (DRK), andererseits ist er der medizinische Beauftragte des Nürburgrings.

Armin Link ist Leiter des medizinischen Bereichs am Nürburgring, einerseits für das Deutsche Rote Kreuz (DRK), andererseits ist er der medizinische Beauftragte des Nürburgrings.

Foto: TV/Claire Herrmann

“Wir haben insgesamt 1.263 Einsatzkräfte akkreditiert, sowohl haupt- als auch ehrenamtliche.“ Dazu zählen nicht nur die Kräfte des Nürburgring Rettungsdienstes des DRK, sondern auch jene der Sanitätsdienste der Ortsvereine. „Wir haben seit Jahren ein fest eingespieltes Team aus ganz Deutschland, das uns unterstützt“, so Link. „Das ist mittlerweile eine große Familie.“ Und er weiß, wovon er spricht. Der Mann ist immerhin seit gut 48 Jahren beim Roten Kreuz, seit 35 Jahren am Ring.

Einsatzkräfte bei Rock am Ring: „Eine große Familie“

Für die Einsatzkräfte sei es natürlich ein absolutes Highlight, ein solches Event betreuen zu dürfen: „Wer kann schon von sich behaupten, auf der größten Rennstrecke der Welt im Dienst zu sein und dann am Abend Keanu Reeves auf der Bühne zu sehen, der eigentlich Schauspieler ist und plötzlich mit der Gitarre rumklimpert?! Das ist schon ein Privileg und trotz alledem steht die Familie immer im Sinn.“

Insgesamt zwölf Sanitätsstellen betreibt das Rote Kreuz bei Rock am Ring. Unmittelbar bei den Bühnen natürlich, aber auch im Außenbereich bei den Eingängen zum Beispiel. Zudem gibt es ein Medical Center, in das die Besucher eigenständig gehen oder gebracht werden können, wenn sie Hilfe brauchen. Für die schweren Fälle befinden sich dort aber auch zwei Schockräume. „Es ist rund um die Uhr eine Crew da, die schwerverletzte oder intensivpflichtige Patienten für ein kurzes Zeitintervall versorgen kann.“

Blick in einen der zwei Schockräume im Medical Center auf dem „Rock am Ring“-Gelände. Die Crew kann hier vor Ort beispielsweise direkt ein Trauma-Ultraschall machen, wenn es zu schwereren Verletzungen kommt. “ Wenn wir das Ergebnis der Untersuchung haben, entscheiden wir, was mit dem Patienten weiter geschieht“, berichtet eine Mitarbeiterin. „Wird er weiter verlegt oder hier versorgt?“

Blick in einen der zwei Schockräume im Medical Center auf dem „Rock am Ring“-Gelände. Die Crew kann hier vor Ort beispielsweise direkt ein Trauma-Ultraschall machen, wenn es zu schwereren Verletzungen kommt. “ Wenn wir das Ergebnis der Untersuchung haben, entscheiden wir, was mit dem Patienten weiter geschieht“, berichtet eine Mitarbeiterin. „Wird er weiter verlegt oder hier versorgt?“

Foto: TV/Claire Herrmann

So ernsthafte Fälle sind bei Rock am Ring zumindest 2024 dann aber doch eher selten. Auf einem Rundgang zwischen den Sanitätsstellen berichten die Einsatzkräfte am Freitagnachmittag von überwiegend leichteren Fällen. Viele würden nach Blasenpflastern oder Kopfschmerztabletten fragen, einige kämen mit Insektenstichen oder Lebensmittelunverträglichkeiten, auch die Sonne setze zahlreichen Besucherinnen und Besuchern zu. „Die Temperaturen liegen bei 18 bis 21 Grad, wir haben leichten Wind: Das ist die Symbiose für Sonnenbrände“, so Link.

Was sich mit der Sonne ebenfalls nicht allzu gut verträgt? Klar, Alkohol. „Dass die Leute nicht nur alle Wasser trinken, wie der Papa es empfohlen hat, ist selbsterklärend.“ Das sei aber gar nicht so das Problem. Problematischer seien Kreislaufdisregulationen, ein Kreislaufkollaps zum Beispiel. „Die müssen dann in den Sanitätsstellen oder teilweise im Medial Center betreut werden – und wenn es gar nicht anders geht, im Krankenhaus.“

Natalie und Judith sind ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs. In der Sanitätsstelle im Bereich der Boxengasse neben der Rennstrecke warten sie mit ihren Kollegen auf ihren Einsatz. Auch hier steht für schwerere Fälle ein Intensivzelt bereit. Darin befinden sich unter anderem Beatmungsgeräte, aber auch Monitore zur Überwachung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Sauerstoffsättigung.

Natalie und Judith sind ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs. In der Sanitätsstelle im Bereich der Boxengasse neben der Rennstrecke warten sie mit ihren Kollegen auf ihren Einsatz. Auch hier steht für schwerere Fälle ein Intensivzelt bereit. Darin befinden sich unter anderem Beatmungsgeräte, aber auch Monitore zur Überwachung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Sauerstoffsättigung.

Foto: TV/Claire Herrmann

„An so einem Wochenende entsteht eine Großstadt, die es so in der Eifel nicht gibt“

Ob sich das Publikum in puncto Eigenverantwortung über die Jahre verändert habe? „Das Publikum bei Rock am Ring ist mittlerweile eine andere Generation geworden.“ Es habe definitiv Jahre gegeben, in denen es wilder zugegangen sei. Ob das noch Auswirkungen der Pandemie seien, könne Link nicht beurteilen. „Wir müssen uns eigentlich bei den Besuchern bedanken, dass sie wirklich so sorgsam mit sich selbst und ihrer Gesundheit umgehen.“ Dass hin und wieder etwas passiere, sei logisch. Man dürfe immerhin nicht vergessen, dass an einem solchen Wochenende eine Großstadt entstehe, die es so in der Eifel nicht gebe.

Und da – beziehungsweise genauer gesagt auf den Privatfeten auf den Campingplätzen – werde die Besatzung zum Dank auch schon mal spontan zum Essen eingeladen. „Dann heißt es: ‚Wir haben gerade gegrillt. Wollt ihr eine Bratwurst? Wollt ihr ein Steak?‘“

Rock am Ring 2024: DRK-Leiter zieht bisher positive Bilanz

Laut einer offiziellen Pressemitteilung ist es bis zum späten Sonntagnachmittag insgesamt zu 400 Rettungsdiensteinsätzen, 2.600 mobilen Versorgungen durch den Sanitätsdienst sowie einem Hubschrauber-Einsatz gekommen. Das sei deutlich weniger als im Vorjahr. „Insgesamt ist die Lage ruhig.“

Auch 2025 wird der Leiter des medizinischen Bereichs des Nürburgrings wieder mit unzähligen haupt- und ehrenamtlichen Kräften im Einsatz sein. Die Planung für das nächste Jahr hat längst begonnen. Was Armin Link Jahr für Jahr motiviert? „Für mich und das ganze Team ist es ein ganz besonderes Highlight, wenn wir Menschenleben retten oder Menschen helfen konnten, die dann auf einmal bei Rock am Ring oder einem anderen Event auf einen zukommen: ‚Weißt du noch? Ihr habt damals dafür gesorgt, dass ich jetzt wieder hier stehen darf!‘ Das sind Momente, die vergisst man nicht.“

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