1. Dossier

So wählt man einen Oberbürgermeister

So wählt man einen Oberbürgermeister

Mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland haben Probleme, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. Wahlunterlagen stellen eine unüberwindbare Hürde dar. Für die Oberbürgermeisterwahl in Trier gibt es nun eine Anleitung in einfachen Worten.

Trier. Inklusion, Integration und Barrierefreiheit: Die Frage, wie Menschen mit Beeinträchtigungen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, wird von der Schulpolitik bis zum Straßenbau diskutiert.
Dass Barrierefreiheit nicht nur Fahrstühle und Blindenleitsysteme meint, zeigt die Broschüre zur Oberbürgermeisterwahl in Trier in leichter Sprache (siehe Extra). Die Idee dazu hatten Ruth Strauß vom Projekt Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener (Apag) und Kerstin Schmitz von der Lebenshilfe Trier bei der zurückliegenden Kommunalwahl. Gemeinsam mit dem in diesem Jahr gegründeten Netzwerk leichte Sprache Trier beschlossen sie, eine Erklärung zur Oberbürgermeisterwahl am 28. September zu erarbeiten.
Strauß ist begeistert, auf wie viel Interesse sie gestoßen ist: "Alle, die wir gefragt haben, waren sofort dabei", erzählt sie. Das Wahlbüro der Stadt stellte die nötigen Informationen bereit, Mitarbeiter der Lebenshilfewerke prüften die Verständlichkeit, und Johannes Kolz von Alles Trier übernahm Illustration und Gestaltung der Broschüre. Oberbürgermeister Klaus Jensen, Schirmherr des Netzwerks leichte Sprache, wünscht sich, dass generell stärker auf eine einfachere Sprache geachtet wird: "Alle Menschen müssen an allem teilhaben können", sagt er. Gerade in einer Demokratie müsse jeder die Möglichkeit haben, alles zu verstehen, um sich so beteiligen zu können. Die Übersetzung der komplizierten Wahlunterlagen gestaltete sich teilweise als sehr schwierig. Mehrfach mussten die Texte vom Wahlbüro und Prüfern überarbeitet werden. "Ohne die Prüfer hätte das alles nicht funktioniert", erzählt Kerstin Schmitz. Beate Macher, Jessica Neu und Patrick Loppnow, die selbst Lernschwierigkeiten haben, wiesen auf zu komplexe Passagen und missverständlich formulierte Aussagen hin. "Aber ich fand es von Anfang an ziemlich gut und habe nicht viel geschimpft", erzählt Loppnow.
Die Broschüre liegt in der Stadtbibliothek und auf dem Bürgeramt aus und kann im Internet auf www.lebenshilfe-trier.de/wahl.html heruntergeladen werden.
Für den Vorsitzenden der Lebenshilfe, Wolfgang Enderle, ist die Broschüre erst der Anfang: "Leichte Sprache ist ein ganz heißes Thema. Verständliche Texte sind sinnvoll für sehr viele Menschen," sagt er. Beate Macher, eine der Prüferinnen, freut sich erst einmal über die Hilfestellung pünktlich zu Wahl: "Das ist einfach genial!"Extra

2013 haben das Netzwerk leichte Sprache und das Arbeitsministerium Regeln für Leichte Sprache veröffentlicht (der TV berichtete). Die leichte Sprache soll sprachliche Barrierefreiheit ermöglichen und für alle verständlich sein. Vor allem funktionale Analphabeten, die nur einzelne Wörter oder einfache Sätze lesen können, und Menschen mit Lernschwierigkeiten sollen von dieser Art der Kommunikation profitieren. Beispiele: Zusammengesetzte Wörter werden getrennt geschrieben, die Sätze sind möglichst kurz und die Worte einfach. jco Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.leichtesprache.org