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Totenstille nach dem SPD-Desaster

Totenstille nach dem SPD-Desaster

Der Schock saß tief. Totenstille breitete sich in der SPD-Zentrale aus, als am Sonntagabend die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme flimmerten. Mit diesem Desaster hatte niemand gerechnet.

Das Foyer im Willy-Brandt-Haus war dicht gefüllt. Viele Anhänger waren gekommen, um die vorhergesagten Verluste der CDU/CSU zu feiern und die fest eingeplanten eigenen Zuwächse zu bejubeln. Doch der Rückschlag für die Union geriet eher zur Nebensache. Die Fassungslosigkeit über das eigene Ergebnis stand im Mittelpunkt.

Ratlosigkeit war auch Parteichef Franz Müntefering anzumerken, als er schon um 18.15 Uhr gemeinsam mit dem Spitzenkandidaten Martin Schulz vor den geplätteten Anhang trat. Die gesamte SPD-Spitze hatte zuvor im fünften Stock der Zentrale nach Gründen für das Debakel gesucht. Richtig kam man dabei nicht weiter. Mit versteinerter Miene trat der Parteichef vor das Publikum, wo er zunächst mit mattem Beifall begrüßt wurde. Der Applaus steigerte sich dann aber noch und wurde zu einem trotzigen „jetzt erst recht“.

Immer wieder hatte Müntefering im Wahlkampf in Vorfreude auf das erhoffte Ergebnis verkündet: „Leute, räumt die Vase vor dem Fernseher weg. Die Balken für die Schwarzen gehen steil nach unten und unsere kräftig nach oben.“ Dass dies eine bittere Selbsttäuschung war, darüber wollte er am Wahlabend nicht groß herumreden. „Das Ergebnis ist deutlich schlechter als erhofft und enttäuschend“, räumte er unumwunden ein. Am „tollen Wahlkampf“ der SPD habe es sicher nicht gelegen. Vor allem sei es wohl die fehlende Mobilisierung der eigenen Mitglieder gewesen, lautete der Befund.

Einen kleinen Erfolg sah er immerhin darin, dass die eigene Partei keine Stimmen an die Linke abgegeben habe. Auch Schulz, der die SPD nun zum zweiten Mal in Folge in eine solche Katastrophe geführt hatte, hatte keine Erklärung parat. Es sei wohl schwer, vor allem die Arbeitnehmer bei Europa an die Wahlurne zu bringen, meinte Schulz, der seine Ambitionen auf einen EU-Kommissarposten seit Sonntag endgültig abschreiben kann.

In weiser Voraussicht hatten die Sozialdemokraten den Aufwand ihrer Wahlparty in Grenzen gehalten. Statt des sonst üblichen teuren Buffetts, wurden nur Brezeln angeboten. Müntefering versuchte die deprimierten Genossen wenigstens etwas aufzurichten. 112 Tage blieben immerhin noch bis zur Bundestagswahl. Das sei noch genügend Zeit, um für ein anderes Ergebnis zu sorgen.

Erst einmal unsichtbar blieb der SPD-Kanzlerkandidat in der Parteizentrale. Frank-Walter Steinmeier hatte sich für den Wahlabend zu einer Talk-Show im Fernsehen angesagt. Eigentlich wollte er dort die Begründung dafür geben, warum die SPD kräftig Stimmen gewonnen und die CDU verloren habe. Kurzfristig musste Steinmeier dieses Konzept nun umstellen. Stattdessen gestand er schon kurz nach den ersten Hochrechnungen in der ARD zerknirscht ein: „Es ist ein enttäuschendes Wahlergebnis, da gibt es nichts drumherum zu reden. Das hätte ich anders erwartet und insbesondere hätte ich es mir anders gewünscht.“