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Und das alles von unserem Geld ... eine satirische Betrachtung zu Wahlplakaten

Aufruf zur Wahl oder aufdringliche Werbung? Wahlplakate sind umstritten. TV-Fotos: Dieter Lintz/Montage: Gerhard Reis
Aufruf zur Wahl oder aufdringliche Werbung? Wahlplakate sind umstritten. TV-Fotos: Dieter Lintz/Montage: Gerhard Reis
Trier. Sie gehören zu Wahlen wie der Fußpilz zum Freibad, und sie sind ähnlich beliebt: Die Wahlplakate, die alle Jahre wieder, unfreiwillig finanziert vom wahlkampfkostenerstattenden Steuerzahler, die Landschaft verschandeln. Dieter Lintz

Da irrte sogar der große Loriot, als er einst befand, der beste Platz für einen Politiker sei das Wahlplakat, weil er dort "tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen" sei. Heutzutage verursacht schon das Aufstellen der Reklametafeln jede Menge Krach, sind doch immer irgendwelche Parteien zu früh dran, was wiederum zu Protesten der anderen führt. An leichtes Entfernen ist längst nicht mehr zu denken, werden die Kandidaten doch heutzutage hoch gehängt und stabil angebunden, damit sie unbehelligt an Ort und Stelle bleiben.

Tragbar sind die Plakate bei näherem Hinsehen allenfalls als satirische Aktionskunst. Nehmen wir nur den Brüderle. Oder das Brüderle? Bei seinem Plakat haben Fotoshop-Dilettanten gehaust wie die Schönheitschirurgen einst bei Michael Jackson. Alle Falten und Unebenheiten wegretuschiert, die Ohren angelegt, alle Kussspuren von Weinköniginnen beseitigt. Als wissenschaftliches Resultat des fototechnischen Experiments Brüderle drängt sich die Erkenntnis auf, dass die Evolutionskette zwischen Goldhamster und Mensch offenbar kürzer ist, als man bisher angenommen hat.

Immerhin originell sind die Piraten: Da stellt sich eine fesche Spätpubertierende die Frage, die sich jeder Passant auch stellt: "Warum häng ich hier eigentlich?". Später, wenn sie durch eine Verkettung unglücksseliger Umstände im Parlament gelandet sein sollte, wird sie sich fragen: "Was mache ich hier eigentlich?" Was sie nicht davon abhalten wird, das Abgeordnetengehalt mitzunehmen. Gleich nebenan hängt ein Jugendfoto von Ayatollah Chomeini, der - noch ohne den Turban der späten Jahre - die Privatisierung der Religion fordert. Das ist genau so fröhlich-sinnfrei wie die ganze Piraten-Partei als solche.

Die Grünen leiden eher darunter, dass sie ihren Plakaten mehr Sinn aufladen als der Durchschnittsvorbeifahrer in den drei Sekunden, die er das Ding sieht, intellektuell verarbeiten kann. Wetten, dass die sarkastischen Anti-Merkel-Plakate von 90 Prozent der Passanten der CDU-Wahlwerbung zugerechnet werden? Manchmal stehen die Grünen-Tafeln auch teilweise auf dem Kopf, was beim Versuch, ihren Sinn zu entziffern, zu zahllosen Fällen dramatischer Verkehrsgefährdung führt. Wo bleiben da die Aufseher vom Landesbetrieb LBM, die doch sonst hindern, wo immer sie können?

Bei den Wahlplakaten der Linken offenbart sich das alte Problem, dass sie Proletariat und Proletentum verwechseln. "Genug gelabert! 10 Euro Mindestlohn jetzt" rotzen sie dem geneigten Betrachter vor die Füße. Aber vielleicht ist das für den klassischen Linken-Wähler einfach noch nicht plakativ genug. Kleiner Vorschlag zur Steigerung in den letzten Tagen vor dem Wahltermin: "Ey Alter, Kohle her, sonst Fresse dick!"

Da lobt man sich doch die dezente CDU. Deren Wahlplakate verraten sogar die Wahrheit - wenn man etwas genauer hinsieht. "Gemeinsam erfolgreich" heißt der Slogan, aber man sieht nur Kanzlerin Angie und ein paar bis zur Gesichtslosigkeit abgesoftete Schemen im Hintergrund. Treffender und ehrlicher kann man den Zustand des Kanzlerwahlvereins CDU beim besten Willen in dieser Kürze nicht beschreiben. Ob es die Herren Wulff, Merz und Oettinger sind, die für die Statisterie im Hintergrund Modell gestanden haben? Wo die Chefin noch Chefin ist, da wollen sich Frau Merkels Wahlkreiskandidaten denn auch nicht durch besondere Exaltiertheiten hervortun. Patrick Schnieder tritt in der Eifel mit einem Konfirmanden-Bildchen an, und sein Kollege Bernhard Kaster gibt in Trier Mamis Liebling. Als tapferer Vertreter der Heimat darf er in der fernen Hauptstadt persönlich an die Chefin berichten und ist darauf so stolz, dass selbst der Dreitagebart glänzt.

Belassen es die örtlichen CDU-Granden sonst bei vornehmer Blässe, so springt ihre SPD-Konkurrentin Katarina Barley den nichtsahnenden Betrachter vom Plakatständer aus förmlich an - als wolle sie sich als Hauptdarstellerin für die Verfilmung des Gruselromans "Bis(s) zum Wahltag" bewerben. Der Blick saugt sich in die Pupillen des potenziellen Wählers, so starr, als habe man ihr bei einem ihrer zahlreichen Besuche auf Wein- und Grillfesten ein paar Speed-Pillen in die Spätlese geschmuggelt. Eine schier übernatürliche Erscheinung.
Bei so viel Barley bleibt dann allerdings keinerlei Platz mehr für den Problem-Peer. Da müssen schon die Großtafel-Plakatierer von auswärts kommen, um vereinzelt ein Konterfei vom Kanzlerkandidaten an die Straße zu bringen. Ihre guten Plakatständer geben die Genossen vor Ort dafür nur höchst ungern her. Aus Rache hat Peer Steinbrück den Wahlkampf-Auftritt an der Porta abgesagt und schickt den gebrauchten Kandidaten vom letzten Mal. Wie hieß der noch? -müller? -schneider? -bauer? Egal, war jedenfalls auch irgendwas mit Stein.

Den Preis für den dreistesten Wahlslogan haben ohne Frage die geschichtslosen Gesellen von der AFP verdient. "Wir sind das Volk", titeln sie, ganz so, als seien sie Freiheitskämpfer, die unter Einsatz ihres Lebens auf Montagsdemos gegen eine Diktatur antreten. Man muss die Merkels, Brüderles und Steinbrücks ja nicht mögen. Aber sie mit einem solchen Motto subtil in die Ecke der Honeckers und Krenz' zu stellen, ist schon eine ziemliche Frechheit.
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