1. Dossier

Analyse: Der Trumpismus wird bleiben

Analyse : Der Trumpismus wird bleiben

Die Vereinigten Staaten sind zerrissen: Warum der Trumpismus mit Trump nicht verschwindet und warum fast die Hälfte der Amerikaner einen Mann wählt, den die meisten in Europa unmöglich finden.

George Packer hat Bücher geschrieben, die sie detailgenau abbilden, die oft eher triste Realität in der amerikanischen Provinz. Jenseits von Washington, jenseits von New York, jenseits vom Silicon Valley, jenseits von Hollywood. Wer sie liest, versteht besser, warum Donald Trump 2016 die Wahl gewinnen konnte. Und wieso er vier Jahre später eben nicht die klare Niederlage kassierte, von der seine Gegner geträumt hatten und die von den meisten Meinungsforschern prognostiziert worden war. In der Zeitschrift „The Atlantic“ rät Packer dazu, eine bittere Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. „Wir sind zwei Länder, und keines der beiden wird so bald erobert werden oder verschwinden.“

Das Votum des Jahres 2016 sei kein Betriebsunfall gewesen, keine Eintagsfliege. Vielmehr habe es die Stimmung der Wählerschaft in einem entlang der Mittellinie gespaltenen Land ziemlich exakt widergespiegelt, eine Stimmung, an der sich seitdem nicht viel geändert habe. Viele Millionen von Amerikanern, spitzt es Packer zu, könnten sich für die Parole „Make America Great Again“ offenbar mehr begeistern als für die Demokratie.

„Wir haben gelernt, dass wir noch immer in demselben Land leben, das Donald Trump vor vier Jahren gewählt hat“, doziert wiederum Dana Milbank, Kolumnist der „Washington Post“ und in seiner Zeitung einer der schärfsten Kritiker des Präsidenten. Damals, nach der überraschenden, für die Demokraten so deprimierenden Niederlage Hillary Clintons, hatte er, nach Clintons ausgefallener Siegesparty im Zug von New York nach Washington sitzend, spontan einen Brief an seine zwölfjährige Tochter verfasst. Das Mädchen machte sich Sorgen um ihr Land, Milbank beruhigte sie mit den Worten, dass es viele Leute gebe, auch Republikaner, die kämpfen würden, sollte Trump ins Dunkle abgleiten, sollte er autokratische Tendenzen erkennen lassen. Jetzt schreibt er: „Trump mag vielleicht verschwinden, aber der Trumpismus wird bleiben“. Vor dem Land liege viel Arbeit, um die Fähigkeit zum zivilen Diskurs, zu Mitgefühl, Kompromiss und Kooperation wiederherzustellen.

Kompromiss und Kooperation, es sind Worte, die auch Joe Biden oft benutzt. Schon im Wahlkampf hat er das Versprechen gegeben, eine zerrissene Nation einen zu wollen. Das ist nun auch der Tenor, der nach dem Votum jedes seiner knappen Statements bestimmt. In seinem Fall ist es wohl mehr als ein frommer Wunsch. Man kann ihm abnehmen, dass er es ernst meint. Der Ex-Senator Biden, der 36 Jahre in der kleineren, feineren der beiden Kongresskammern saß, versteht etwas von der Suche nach Mittelwegen. Barack Obama, der Präsident, dem er als Stellvertreter diente, hat ihn immer davon vorgeschickt, wenn es galt, mit den Republikanern im Parlament nach nervenaufreibendem Poker den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Biden war der Mann, der verhärtete Fronten aufzulockern hatte. Gelang es ihm, lag es auch daran, dass er die handelnden Akteure gut kannte, manche schon seit Jahrzehnten, Die Vorgeschichte erklärt, warum ihm der eine oder andere Wähler der Mitte am ehesten zutraut, hier und da eine Brücke über politische Schluchten zu bauen - immer vorausgesetzt, er wird tatsächlich Präsident.

Allerdings ändert die – angesichts vorangegangener Enttäuschungen eher leise geäußerte - Erwartungshaltung nichts an der nüchternen Realität. Bidens knapper Sieg, wenn er sich denn bestätigt, ändert nichts an dem Riss, der quer durch die Vereinigten Staaten geht. Die blaue Welle, auf die die Demokraten, nach ihrer Parteifarbe die Blauen, gehofft hatten, ist nicht durch Amerika gerollt. Trump hat mindestens 68 Millionen Stimmen erhalten, fünf Millionen mehr als 2016. Die hohe Beteiligung, ein Rekord in der jüngeren Geschichte der USA, ist nicht allein darauf zurückzuführen, dass Alarmierte, die mit ihm die Zukunft der amerikanischen Demokratie gefährdet sahen, keine weitere vier Jahre mit einem Möchtegern-Monarchen im Weißen Haus riskieren wollten. Auch der Amtsinhaber hat seine Anhänger mobilisiert.

Fast die Hälfte der Wähler, nach der vorläufigen Zählung waren es 48 Prozent, hat in Kauf genommen, dass er praktisch täglich die Wahrheit verbog, dass er Regeln brach und bei seinen Attacken, gegen wen auch immer, keinerlei Hemmschwelle kannte. Trumps Beliebtheitswerte haben die Marke von 50 Prozent zu keiner Zeit überschritten, was sich so von keinem anderen Präsidenten der jüngeren US-Geschichte sagen lässt. Nicht ein einziges Mal während seiner Zeit im Oval Office war eine Mehrheit seiner Landsleute einverstanden mit seiner Amtsführung. Nur: Die andere Hälfte der Amerikaner, die in ihm den furchtlosen, kantigen, politisch nicht korrekten Rebellen im Kampf gegen eine bequem gewordene Elite sah, hat ihm die Treue gehalten. Seine Fans, den Eindruck bekam man, wenn man mit ihnen sprach, sind ihm im November 2020 noch loyaler verbunden, als sie es im November 2016 waren. Die soziale Ungleichheit, die Angst vor dem Abgehängt-Werden hat eine große Gruppe weißer Amerikaner ohne College-Abschluss bewogen, ihn wie einen Retter zu bejubeln. Einst Stammwähler der Demokraten, sind sie zu einem Populisten übergelaufen, der nationalistische Lösungen für die Probleme der Globalisierung verspricht. In Menschen anderer Hautfarbe, in Großstädtern, die auf ein Gewehr im Schrank gut verzichten können und lieber Wein als Bier trinken, in Leuten, die sonntags nicht in die Kirche gehen, sehen viele von ihnen die Gegenseite, von der sie allein schon kulturell ein breiter Graben trennt.

Das alles verschafft Trump eine Machtbasis, derer er sich auch in Zukunft bedienen kann, auch dann, wenn er im Januar das Haus an der Pennsylvania Avenue Nr. 1600 verlässt. Bei Twitter kommt er auf 88 Millionen Follower. Vertraute erzählen im Sender Fox News von Gedankenspielen, nach denen er womöglich einen eigenen Fernsehsender gründet. Im kleinen Kreis, berichtet die „New York Times“, soll er neulich gewitzelt haben, dass er im Fall einer Niederlage umgehend seine Präsidentschaftskandidatur für 2024 ankündigen werde. Der Mann verfüge über eine riesige Anhängerschaft, räumt auch der Ex-Senator Jeff Flake ein, in den Reihen der Republikaner einer der wenigen, die es wagten, sich offen gegen ihn zu stellen. „Und es sieht nicht danach aus, dass er die Bühne so bald verlässt“.