1. Dossier

Viereinhalb schreckliche Minuten am 1. Dezember in der Fußgängerzone Trier: Warum eine Amokfahrt?

Amokfahrt in Trier : Warum?

Viereinhalb schreckliche Minuten verändern am 1. Dezember das Leben einer ganzen Stadt und seiner Bürger. Ein Amokfahrer tötet und verletzt wahllos zahlreiche Menschen in der Trierer Fußgängerzone. Wer tut so etwas – und vor allem: Warum?

Wenn es einen Tag gibt, der sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt Trier und ihrer Bürger einprägen wird, dann ist es der 1. Dezember 2020. Am frühen Nachmittag dieses Tages tötet ein 51-jähriger Amokfahrer bei einer halsbrecherischen Fahrt durch die Fußgängerzone fünf Menschen, darunter ein neunwöchiges Baby und den 45-jährigen Vater des kleinen Mädchens. Die Mutter und der eineinhalbjährige Sohn werden verletzt. Auch mehr als 20 weitere Passanten erleiden teils lebensgefährliche Verletzungen, Hunderte, die das schreckliche Geschehen zwischen Konstantin- und Christophstraße miterleben, werden traumatisiert.

Das Drama dauert nur viereinhalb Minuten, dann wird der mutmaßliche Täter – ein Mann aus dem Trierer Stadtteil Zewen – unweit der Porta Nigra festgenommen. Der 51-Jährige steht grinsend und rauchend neben seinem auf dem Bürgersteig abgestellten Landrover, als ihn die Polizisten überwältigen. Sein Motiv ist auch Wochen nach der Tat immer noch unklar. Der Beschuldigte kommt in Untersuchungshaft, obwohl es auch Hinweise auf eine mögliche psychische Erkrankung des zuletzt in seinem Wagen lebenden Mannes gibt.

Großeinsatz nach Amokfahrt durch die Trierer Altstadt. Foto: Roland Morgen Foto: Roland Morgen

Die Stadt trauert. Vor der Porta Nigra, auf dem Trierer Hauptmarkt und an allen Plätzen in der Fußgängerzone, an denen Menschen starben, werden schon Stunden nach dem tragischen Geschehen Kerzen entzündet und Blumen abgelegt. Es werden im Laufe der nächsten Tage immer mehr.

Wenn es dunkel ist, sind an vielen Orten der Stadt die flackernden Lichter der zum Gedenken an die Opfer entzündeten Kerzen zu sehen, während die Weihnachtsbeleuchtung die Fußgängerzone erhellt. Es ist eine merkwürdige Stimmung. Und es ist ungewöhnlich still.

Der sich über Hunderte Meter hinziehende Tatort in der Trierer Fußgängerzone ist abgesperrt, Helfer kümmern sich um die Opfer des Amokfahrers. Dessen mörderische Fahrt begann in der Konstantin- und endete in der Christophstraße. Dort wurde der 51-jährige Trierer von Zivilpolizisten gestellt und festgenommen. Er sitzt unter Mordverdacht in Untersuchungshaft.  Foto: TV/Rolf Seydewitz

Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe drückt in wenigen Worten aus, was eine ganze Stadt fühlt. „Trier trauert, Trier leidet, aber Trier resigniert nicht“, sagt er am Tag nach der Amokfahrt bei einer kleinen Gedenkfeier vor der Porta Nigra. Man hätte in diesem Moment die Gefühlslage der von einer Minute auf die andere so sehr traumatisierten Stadt und ihrer Bürger kaum besser auf den Punkt bringen können, als es der OB mit diesen acht Worten getan hat.

Schon am Tag zuvor hat Leibe durch seine persönliche Schilderung des Erlebten die Herzen vieler Menschen erreicht. Vor laufender Kamera erzählt der Oberbürgermeister, wie er kurz zuvor durch die Fußgängerzone gegangen ist und in der Simeonstraße einen einzelnen Turnschuh liegen sah – „und nicht weit entfernt die junge Frau, der der Turnschuh offenbar gehört. Sie ist tot.“ Leibes Stimme stockt, als er das erzählt, in seinen Augenwinkeln sind Tränen zu sehen.

01.12.2020, Rheinland-Pfalz, Trier: Ein Polizist in der Innenstadt von Trier. Am Nachmittag war ein Mann mit einem Auto durch die Fußgängerzone von Trier gefahren und hat dabei Menschen verletzt und getötet. Foto: Thomas Frey/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Thomas Frey

Der Oberbürgermeister hat diese tragische Geschichte in den Tagen danach noch häufiger erzählt, auch weil ihm die Bilder einfach nicht aus dem Kopf gehen wollen. „Es ist wichtig, dass wir uns in der ganzen Professionalität auch Gefühle leisten und diese auch zeigen“, antwortet der 60-Jährige einem Reporter, als er danach gefragt wird.

Die Anteilnahme und die Hilfe sind grenzenlos. Aus der ganzen Republik und aus vielen Nachbarländern erreichen die Stadt in den Tagen nach dem schrecklichen Ereignis Worte des Trostes und Zuspruchs. Der Bundespräsident kondoliert, die Kanzlerin, aber auch viele ganz normale Bürger, denen das Schicksal der Opfer und die Trauer der Angehörigen und Freunde nahegegangen ist.

Amokfahrt in Trier, Eindrücke vom Polizeieinsatz und der ersten PK mit Oberbürgermeister Leibe. Plus: vermutliches Tatauto. Fotos: Hans-Peter Linz Foto: TV/Hans-Peter Linz

Es ist „eine kollektive Trauer“, die da stattfindet, sagt die Glücksforscherin Michaela Brohm-Badry von der Universität Trier. „Die meisten von uns kennen die Opfer ja nicht persönlich, und dennoch trauern wir mit.“ Die Amokfahrt, die viele Menschen in der belebten Innenstadt miterlebt haben, mache die eigene Verletzlichkeit deutlich, die Tat hole „den Tod in unser Leben“, sagt die Wissenschaftlerin.

Schon unmittelbar nach den traumatischen viereinhalb Minuten und noch vor dem Eintreffen der ersten Rettungswagen kümmern sich in der Fußgängerzone Passanten um die Opfer des Amokfahrers. Deswegen sei die Innenstadt nicht nur ein Tatort, sagt der Oberbürgermeister später, „sondern auch ein Ort, an dem Menschen menschlich reagiert und geholfen haben“. Es gibt also in dem ganzen Leid und der Tragik des Geschehens auch noch Dinge, die die Dunkelheit zumindest ein klein wenig heller erscheinen lassen und Hoffnung machen.

Foto: dpa/Harald Tittel

Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung ist groß. Nach nicht einmal einer Woche sind auf einem Spendenkonto für Opfer und Angehörige schon über 642 000 Euro von 7800 Bürgern eingegangen. Und weitere Unterstützung ist angekündigt. Der Opferbeauftragte der Landesregierung ist schon vom ersten Tag an eingeschaltet, um Betroffenen möglichst rasch und unbürokratisch zu helfen.

Stichwort Helfer: Nach der Amokfahrt sind insgesamt 857 Frauen und Männer von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk im Einsatz. Als später Bilanz gezogen wird, heißt es, dass alle Verletzten schon nach 25 Minuten versorgt in den Krankenhäusern sind. Die vorinformierten Kliniken haben zusätzliches Personal alarmiert, ebenso die Hilfsorganisationen, Feuerwehren und Polizei. Aus der gesamten Region und auch aus dem benachbarten Großherzogtum sind Einsatztrupps vor Ort. „Sie alle haben in diesen schweren Stunden einen großartigen Dienst geleistet, für die Betroffenen, für die Stadt Trier und für unser Land“, sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer, als sie sich anderthalb Wochen nach dem Einsatz mit Helfern trifft.

Die Menschen hätten wahrgenommen und seien dankbar dafür, wie gut, schnell, koordiniert und professionell die Hilfeleistung im Katastrophenfall organisiert sei, fügt der Oberbürgermeister hinzu.

Die Kirchen laden noch am Abend der Amokfahrt zu einem ökumenischen Gebet in den Dom ein; schon den ganzen Tag über und auch in der Folgezeit kümmern sich Notfallseelsorger um die Traumatisierten. „Noch gibt es für die furchtbare Tat keine Erklärung“, sagt Bischof Stephan Ackermann. Aber das Gebet wolle Raum geben, der Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit und Trauer, die in der Stadt angesichts der brutalen Gewalttat“ herrsche, Ausdruck zu verleihen. Parallel zu dem Gottesdienst läuteten in allen Trierer Kirchen die Totenglocken. Es ist ein weit hörbares Zeichen der Trauer. Auch am übernächsten Tag läuten in der ganzen Stadt noch einmal die Glocken, als es um 13.46 Uhr eine Gedenkminute für die Opfer gibt. Zwei Tage zuvor startete exakt um diese Uhrzeit die viereinhalbminütige Amokfahrt des 51-Jährigen, die so viele Tote, Verletzte, Traumatisierte forderte.

Auch der Trierer Bischof glaubt, dass sich „eine solche Tat in das kollektive Gedächtnis einer Stadt einbrennt“. Die Trauer und Verarbeitung dieses Geschehens „werden uns lange – wenn auch nicht mehr so öffentlich sichtbar wie im Moment – begleiten“, so Stephan Ackermann. Etwas Ähnliches sagt auch der Opferbeauftragte Detlef Placzek: „Der 1. Dezember 2020 wird sich für viele über Jahre, für manche für immer in die Herzen und Seelen einbrennen.“ Eine Befürchtung, die auch Trauma-Expertin Sybille Jatzko aus Krickenbach bei Kaiserslautern hat. „Viele werden ihr ganzes Leben lang beeinträchtigt sein“, sagt sie und zitiert einen Angehörigen, der bei einem anderen Anschlag jemanden in seiner Familie verloren habe: „Der Täter kriegt vielleicht zehn Jahre Haft, aber ich habe lebenslang bekommen.“