Kandidaten im Porträt Europawahl 2024: Das ist Grünen-Spitzenkandidatin Terry Reintke

Terry Reintke will die Grünen in Europa so stark wie möglich machen und tritt dafür auch mit dem Anspruch an, die Partei würde Wohlstand sichern, lange eigentlich ein Element im Portfolio von Liberalen und Konservativen.

 Schnell noch ein Selfie mit allen: Spitzenkandidatin Terry Reintke (links) beim Auftakt für den Europa-Wahlkampf der Grünen in Berlin

Schnell noch ein Selfie mit allen: Spitzenkandidatin Terry Reintke (links) beim Auftakt für den Europa-Wahlkampf der Grünen in Berlin

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Vor einigen Wochen ging es so richtig los. Vor Terry Reintke lagen einige Tausend Kilometer durch halb Europa. Station eins: ein ehemaliges Wasserwerk in Berlin-Wilmersdorf, das heute eine Eventlocation ist. Wasser ist erneuerbare Energie.

Und davon kann die Wahlkämpferin Reintke in diesen Wochen jede Menge brauchen. Dort war Auftakt für den Europawahlkampf, aber vorher stellten sich Reintke, die Parteichefs Ricarda Lang und Omid Nouripour und die Grünen-Promi-Minister Annalena Baerbock und Robert Habeck für ein gemeinsames Foto auf. Europa-Pose. Strahlen für ein möglichst gutes Wahlergebnis.

Die Latte hängt hoch: Bei der letzten Europawahl 2019 schafften die Grünen ihr bisheriges Rekordergebnis von 20,53 Prozent. Mit dieser Euphorie im Rücken war damals bald klar: Die Grünen würden für die Bundestagswahl 2021 erstmals in der Parteigeschichte mit einer Kanzlerkandidatin oder einem Kanzlerkandidaten ins Rennen gehen. Baerbock übernahm, Habeck steckte zurück. Für 2025 ist eine Antwort auf die grüne K-Frage noch offen.

Terry Reintke ist doppelte grüne Spitzenkandidatin

Aber jetzt ist erst einmal Europawahlkampf. Reintke ist doppelte Spitzenkandidatin. Listenplatz 1 in Deutschland im Duo mit dem deutschen Europa-Abgeordneten Sergey Lagodinsky auf Platz zwei. Und sie ist auch Spitzenkandidatin der europäischen Grünen – gemeinsam mit dem Niederländer Bas Eickhout.

Im Februar haben die europäischen Grünen Reintke und Eickhout bei einem Kongress in Lyon ganz offiziell zu ihren Spitzenkandidaten gewählt. Reintke sitzt seit 2014 für die deutschen Grünen im Straßburger Parlament und war damals mit 27 Jahren die jüngste Abgeordnete. Seit 2022 ist sie Co-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europa-Parlament.

Reintke, gerade 37 Jahre alt geworden, Kind des Ruhrgebiets, redet so, wie man im Pott und ihrer Heimatstadt, „dem schönen Gelsenkirchen“, eben redet: direkt, nahbar, ohne Schnörkel. Und aus ihrem Vornamen Theresa ist einfach „Terry“ geworden.

Schon bei ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin in Lyon machte sie klar, dass die Grünen mehr Verantwortung für Europa übernehmen wollen, auf dass der Kontinent grün werde. „Wir stehen als politische Kraft für einen kritischen, aber konstruktiven Politikansatz“, sagte sie. „Wir sind bereit, Teil der Mehrheit zu werden.“

Beflügelt von der Klimabewegung und „Fridays for Future“ stürmten die Grünen bei der Europa-Wahl vor fünf Jahren auf jene 20,5 Prozent, die dieses Mal eine ziemlich hohe Hürde für Reintke, Eickhout und die Europa-Grünen sind. Da müssen sie erst einmal drüber. Dafür tourt Reintke knapp vier Wochen durch Deutschland und durch rund ein Dutzend europäischer Länder. Reintke wirkt damit wie der personifizierte Green Deal ihrer Partei.

Wohlstand ein Thema bei den Grünen im Europa-Wahlkampf

Sommer-Farbe Weiß für ein grünes Europa. In Lyon zur Krönungsmesse war Reintke im weißen Hosenanzug hinter das Rednerpult getreten, zum Wahlkampfauftakt in Berlin wählt die Politikwissenschaftlerin ein weißes Sommerkleid. Draußen scheint die Sonne, 24 Grad, drinnen im einstigen Wasserwerk sagt Reintke, sie wolle „Europa fit machen für das 21. Jahrhundert. Wir wollen ein Player sein auf den grünen Märkten der Zukunft“.

So redet sie über notwendige Investitionen in grüne Wasserstoffnetze, über grünen Stahl, über den großen „Green Deal“, mit dem Europa bis 2050 klimaneutral werden will. Dass die Grünen gegen Atomkraft waren, lange gegen Aufrüstung und Kriege, für Klimaschutz und Umwelt sind, ist keine Überraschung.

Doch in diesem Europa-Wahlkampf besetzen die Grünen einen Begriff, der lange zum Portfolio von Liberalen und Konservativen gehörte: Wohlstand. Reintke sagt unter anderem: „Wir müssen unseren Wohlstand erneuern und deswegen brauchen wir den Green Deal.“

Auch Nouripour, Lang, Baerbock und Habeck lassen bei ihren kurzen Statements jeweils mindestens zweimal die Vokabel „Wohlstand“ fallen, Habeck gleich sechs Mal. Ja, sind die Grünen jetzt zur Wohlstandspartei geworden? Reintke sagt: „Wir haben uns sehr bewusst entschieden, diesen Begriff in den Mittelpunkt zu stellen.“ Man wolle den „Widerspruch auflösen“, wonach Klima und Wirtschaft, ebenso Wettbewerbsfähigkeit, nicht miteinander zu haben seien – wo Liberale und Konservative doch gerade wieder diesen Widerspruch aufmachen wollten.

Der Green Deal bedeute eben auch, „dass wir unseren Wohlstand erneuern. Diese Brücke zu bauen, das ist die zentrale Herausforderung in diesem Wahlkampf.“ Hoffentlich mehr Wahl als Kampf, wird Reintke an die gestiegene Zahl von Angriffen auf Politiker und Wahlkampfhelfer erinnert. Speziellen Personenschutz hat sie nach eigenen Worten nicht. Vielleicht hilft die Farbe Weiß. Und Weiß steht für Frieden.