Warum die Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht

Warum die Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht

Agatha Christie und Stieg Larsson, Henning Mankell und Edgar Wallace begeistern Millionen. Warum lesen wir so gerne Kriminalgeschichten? Anglistik-Professorin Hilary Dannenberg von der Uni Trier spricht über die faszinierende Aura des Verbrechens.

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett - so heißt ein alter Schlager von Bill Ramsey. Doch warum muss es ein Krimi sein? Warum liest Mimi keine schöne Biografie, ein klassisches Drama oder Micky Maus? "Kriminalgeschichten beinhalten in intensiver und geballter Form die wesentlichen Eigenschaften, die grundsätzlich gute Geschichten kennzeichnen", sagt Literaturexpertin Hilary Dannenberg. "Sie erwecken gleichzeitig Neugier sowie Spannung im Leser."
Diese Neugier auf die wahre Identität und Motivation des Täters und die Spannung, zu sehen und mitzuraten, wie der Detektiv den Fall löst, biete dem Leser einen "ästhetischen und kognitiven Genuss in leicht verdaulicher Form".
Diese klassische Form der Kriminalgeschichte hat Agatha Christie und ihrer schrulligen Miss Marple ebenso Weltruhm beschert wie Sir Arthur Conan Doyle und seinem verschrobenen Sherlock Holmes. Whodunnit nennen die Fans diese Geschichten - eine Verballhornung des englischen Who has done it (Wer hat es getan). Agatha Christie hat auch das Negerlein-Prinzip - ein vom berühmten Kinderlied der zehn kleinen Negerlein geprägter Jargon-Begriff für ein klassisches Stilmittel in Kriminalgeschichten - geprägt und meisterhaft präsentiert: Ein Kreis von Personen, möglicherweise eine Versammlung hoffnungsfroher Erben in einem düsteren Landhaus, wird durch die Hand eines unbekannten Mörders immer kleiner, bis seine Identität am Ende offenbar wird und den Leser, der seinen Hauptverdächtigen schon mehrmals wechseln musste, ein letztes Mal überrascht.
Agatha Christie hat 66 Kriminalromane verfasst, dazu kommen zahlreiche Kurzgeschichten und Theaterstücke. Nach vorsichtigen Schätzungen hat die 1976 im britischen Wallingford verstorbene Königin des Krimis mehr als zwei Milliarden Bücher verkauft. Das ist ein klarer Weltrekord. "Christies Qualität ist auf jeden Fall in der Handlungskonstruktion und in ihrer überzeugenden Darstellung psychologisch glaubwürdiger Figurentypen sehr stark", sagt Dannenberg. "Die Komplexität und Exzentrizität ihrer Detektivfiguren Hercule Poirot und Miss Marple, die auch beide menschlichere und wärmere Persönlichkeiten sind als Sherlock Holmes, ergeben eine unschlagbare Kombination." Und so wurde Frau Christie wesentlich häufiger gelesen als ihre Zeitgenossen James Joyce oder Virginia Woolf. "Deren relativ handlungsarme, aber tiefgründige Figurendarstellung konnte der damaligen Avantgarde nicht die Qualität bieten, die eine Mehrzahl der Leser von Erzählungen und Romanen erhoffen", so die Professorin. "Christie bietet dem Leser kognitiven Genuss und Befriedigung, Spannung und letztendlich Entspannung durch die Lösung des Falles mit einer erfolgreichen Kombination von mehreren Elementen."
Agatha Christie hat den Weg gewiesen und bereitet, viele folgen ihm. Das Negerlein-Prinzip findet der Leser überall in der Belletristik und der Welt des Films, ebenso wie die Lösung eines zentralen Rätsels. In Stieg Larssons Verblendung (Schweden 2005, im Original: Männer, die Frauen hassen) lösen der Journalist Mikael Blomkvist und die Hackerin Lisbeth Salander - sie ist eine der Stars des modernen Krimis - ein mörderisches Familiendrama. Dennis Lehane schickt seinen Hauptdarsteller Edward Daniels in Shutter Island (USA 2003) auf eine Suche, deren Ende den Leser wie ein Schlag in den Magen trifft. Der Protagonist ist nicht mehr der moralisch und geistig überlegene Detektiv der klassischen englischen Schule, sondern steckt mittendrin und kann die Auflösung seiner Welt und Existenz nur selbst verhindern. Doch das Prinzip - Genuss, Spannung und Entspannung - funktioniert noch so wie zu Miss Marples Zeiten.

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