1. Dossier

Was hat Tante Gretchen mit dem Heiligen Rock zu tun ?

Was hat Tante Gretchen mit dem Heiligen Rock zu tun ?

Meine Großmutter mütterlicherseits, Josefine, genannt Oma Fienchen, hatte eine Cousine namens Gretel, für uns Tante Gretchen. Über 1,8 Millionen konnten damals 1959 am Heiligen Rock in Andacht vorbeiziehen. Tante Gretchen war es nicht vergönnt.

Sie betrieb mit ihrem Mann die Fähre in Steinbach an der Saarschleife. Die beurkundete Erlaubnis diese Fähre zu betreiben, reichte bis ins 17te Jahrhundert, mit dem fürstlichen Siegel derer von Nassau-Saarbrücken. Das Fährschiff hieß jeweils immer "Saarfürst". Das Fährgeschäft mit Gasthaus, Zeltlagerplatz für Paddler hieß Kiefer - Dor. Hier trainierte auch die spätere saarländische Kanutin Therese Zenz. Sie machte den 9ten Platz bei den Olympischen Sommerspielen 1952. Soweit ich alle Vornamen der Familie Kiefer - Dor noch zusammenbekomme, so hieß Tante Gretchens Mann Nicklas, der älteste Sohn, war der Wolfgang, dann kam Ludwin, Mattes und Wendelin.

Wenn wir Tante Gretchen jeweils im Sommer mit meinen Eltern besuchten, wurden wir nicht in der Gaststube, sondern in ihrer privaten guten Stube großzügig bewirtet. Schweinebraten aus eigener
Schlachtung, Kartoffeln und Salat aus eigener Ernte und das selbstgebackene, knusperige Brot kam frisch aus dem Steinbackofen und wurde vor dem Anschnitt mit dem langen, gezahnten Brotschneidemesser bekreuzigt. Tante Gretchen war immer guter Laune und sehr gottesfürchtig, aber nicht bigottisch. Das muss man erwähnen, da sie das Schicksal arg mitgenommen hatte. Ihr Mann Nicklas erlag Mitte der 50ziger Jahre einem folgenschweren Unfall. Er befüllte an einem Sommerabend auf dem Fährschiff "Saarfürst" eine noch brennende Petroleumslampe, da übergoss er sich so unglücklich mit der Flüssigkeit, dass er wie eine lebende Fackel in die kalte Saar sprang und einem Herzschlag erlag. Sohn Ludwin war als Steingut- Porzellanmaler und Designer bei der Firma Villeroy und Boch in Mettlach beschäftigt. Wegen eiliger Messeterminen ging er trotz einer toxischen Grippe arbeiten, um den bevorstehenden Termin einzuhalten. Das überstand sein Herz nicht und er verstarb. Mattes war in Ausbildung bei der Bundeswehr und fuhr mit einem Kleinwagen, einem Goggomobil, von der Eifel nach Hause, blieb mit den kleinen Reifen an einem unbeschrankten Bahnübergang hängen und wurde von einem Schellzug erfasst. Der Jüngste, Wendelin, hütet die fünf
braungescheckten Kühe. Er schaffte es bei einem heftigen Gewitter sich nicht mehr in Deckung zu bringen und wurde vom Blitz erschlagen. So hatte Tante Gretchen nur noch Wolfgang.

Über einem Saba Musikschrank in der guten Stube hing ein geschnitztes Kruzifix, umrahmt mit den
Fotos ihres verstorbenen Mannes und ihrer toten Söhne. Heute fällt es mir noch immer schwer, mit wel-cher Kraft, Stärke und Gottesfürchtigkeit, diese kleine inzwischen längst grau gewordene stark gehbehinderte Frau ihr Schicksal bewältigte. Sie war weder missmutig noch zerknirscht und sie haderte nicht mit ihrem Schicksal. Zumal ihre starke Gehbehinderung einen Bezug zu ihrem Glauben und ihrer Frömmigkeit hatte.

Tante Gretchen hatte einen Cousin mit dem französisch klingenden Namen Pignon. Mit Vornamen hieß er Jakob und war katholischer Pfarrer in verschiedenen Gemeinden innerhalb der Diözese Trier. Im Heiligen Rock Jahr 1959 war er stark mit der Organisation der Wallfahrt und der Ausstellung des Heiligen Rock im Einsatz. Für diese Mitarbeit erhielt er von dem damals amtierenden Trierer Bischof Matthias Wehr eine Dankesurkunde mit einem aufgeklebten Stück Seide
indem der Hl. Rock vom Jahre 1933 bis zum Jahre 1959 eingehüllt war.

Der eigentliche Grund meiner bis hierhin erzählten Geschichte beeindruckte nicht nur mich, sondern verwunderte bis heute alle diejenigen, denen ich Tante Gretchen nahe brachte, aber auch sicherlich Dich lieber Leser. Denn an einem vom Wetter begünstigen Sommertag fuhr der letzte lebende Sohn, von Tante Gretchen mit seinem Motorrad, einer 250 ccm NSU-Max mit seiner alten Mutter auf dem Sozius zur Heilig Rock Wallfahrt nach Trier. Über Serpentinen schraubte sich das schwarze Gefährt durch das nördliche Saarland bis über die Anhöhe vor der im Moselkessel liegen Ziel, der Domstadt Trier. Wolfgang hielt an, schob seine Motorradbrille auf die Stirn, schaute über das vor ihm liegende Panorama. Er wollte sich zu seiner Mutter umdrehen, aber ach du Schreck, der Soziussitz war leer. Mit schlagendem Herzen und sich schuldig fühlend fuhr er die Strecke zurück, sich vorwurfsvoll umschauend, um seine abgestürzte Mutter zu finden. Etwa zehn Kilometer zurück lag Tante Gretchen weinend vor Schmerzen in einem Graben vor einem Ginsterbusch. Wolfgang hielt ein vorbeifahrendes Auto an. Es wurde Hilfe geholt. Bei der harsch Gestürzten wurde außer vielen Prellungen ein Oberschenkelhalsbruch festgestellt, der sehr schlecht verheilte, daher später die massive Gehbehinderung. Über 1,8 Millionen konnten damals 1959 am Heiligen Rock in Andacht vorbeiziehen. Tante Gretchen war es nicht vergönnt. Aber weder ihre Gottesfürchtigkeit hatte darunter gelitten, noch ihre liebevolles Wesen ließen die Narben ihrer Seele erkennen. Ich kannte sie nur als freundliche, liebevolle Frau. Selbst als sie hochbetagt war, besuchte ich sie noch einmal mit meiner Frau, die von der Stärke dieser kleinen, tapferen Tante Gretchen tief beeindruckt war. Nach der Verabschiedung sagte meine Frau, für mich ganz überraschend, zumal sich ihre Frömmigkeit in Grenzen hält:" Das Tante Gretchen wollte nicht zum Heiligen Rock wegen ihres geistlichen Cousins, sondern es war für sie ein Bedürfnis, ihre Nöte zu überwinden und für sie wäre es eine Massage für ihre Seele gewesen".

Wigand Mahlberg, Inzigkofen