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Wehe Füße, wacher Geist

Wehe Füße, wacher Geist

50 Pilger aus dem Saarburger Stadtteil Beurig haben sich gestern auf den beschwerlichen Weg nach Trier gemacht. Mitten in der Nacht. Einige trugen die Marienstatue auf den Schultern. Volksfreund-Reporter Tobias Senzig ist mitgepilgert.

Saarburg/Konz/Trier. 22 Kilometer sind es von Saarburg bis zum Heiligen Rock im Dom von Trier. Keine große Entfernung, legt man sie mit dem Auto zurück. Zu Fuß sieht das ganz anders aus. Gläubige aus der Pfarreiengemeinschaft Saarburg sind den Weg gegangen. Auf ihren Schultern haben sie die berühmte Beuriger Madonna, eine mehr als 700 Jahre alte Marienstatue, getragen.

Ich bin auf meine erste Pilgertour adäquat vorbereitet, denke ich. Leichte Turnschuhe, kühles Wasser und vitaminreiche Leberwurstbrötchen. Das muss reichen, um von Saarburg nach Trier zu marschieren.

Um vier Uhr morgens herrscht auf den Straßen von Saarburg gähnende Leere. In der Kirche St. Marien im Ortsteil Beurig hat sich zu dieser Stunde trotzdem ein stattlicher Teil der Gemeinde versammelt. Mehr als 50 Menschen sind zu dem kleinen Gotteshaus in der Ortsmitte gekommen, dem Zuhause der kleinen Marienstatue, die die Beuriger so verehren. Sie stimmen Wallfahrtslieder an und beten. Die Menschen wollen in dieser Nacht zum Heiligen Rock ins mehr als 20 Kilometer entfernte Trier pilgern. Ihre Statue nehmen sie mit.

Unsere Pilgergruppe ist, was das Alter angeht, bunt gemischt. Schulkinder, Hausfrauen, Arbeiter, auch der ein oder andere Teenager. Die Rentner sind mit dem besten Sport- und Wanderequipment ausgestattet und sehen aus, als könnten sie ohne Probleme den Mount Everest besteigen. Es sind wahre Sportrentner. Im Gegensatz zu ihnen bin ich vom rasanten Tempo, das der Kreuzträger an der Spitze unserer Prozession vorlegt, verblüfft. Bis jetzt ist die Geschwindigkeit kein Problem für mich. Aber mir wird langsam klar: Das hier wird kein Spaziergang.

Schnellen Schrittes und leise verlassen die Pilger das schlafende Beurig. Die vier Männer, die die Marienstatue tragen, haben schnell herausgefunden, dass das Gestell mit der Reliquie mit den Händen leichter zu tragen ist als auf den Schultern. Dunkelheit empfängt die Gruppe am Saarufer. Taschenlampen werden angeknipst. Irrlichternd geht es den Fluss hinab. Der Vikar stimmt über eine Lautsprecheranlage das Beuriger Wallfahrtslied an.
So läuft also ein Pilgermarsch ab. Ob der frommen Klänge fühle ich mich befremdet. Nur drei Meter hinter mir tragen Menschen ein hölzernes Abbild der Muttergottes durch die Nacht. Einem weltlichen Geist würde diese Gruppe ziemlich bizarr erscheinen.

"Der Pfarrgemeinderat von Schoden!", ruft jemand an der Zugspitze. Es ist 5.15 Uhr, und der Morgen graut. Vier Pilger warten da im Funzellicht am Ortseingang. Nachdem sie sich mit der Prozession vereint haben, geht es über das Wehr zum anderen Saarufer. Mächtig donnern die Wasser den Fluss hinab. "Heiliger dreifaltiger Gott", betet der Vikar vor. "Erbarme Dich unser", hallt es als Antwort durch die Nacht. Der Herrenberg auf der anderen Saarseite wirft das Echo zurück.

Erst sechs Kilometer unterwegs und ich zeige erste Ausfallerscheinungen. Mein rechter Fuß beginnt leicht zu schmerzen. Offenbar hatte ich meine Pilgerturnschuhe nicht ordentlich geschnürt. Ärgerlich, denn Puste habe ich noch genug. Ein im Gehen verschlungenes Leberwurstbrötchen hilft mir über meinen Kummer hinweg.

Der Fahrradweg durchschneidet den Brennnesseldschungel an der Saar, ab und zu ein Pilz, von Bärenklau keine Spur. Der Frachter Franca passiert die Pilgergruppe an Backbord. Um 6.45 Uhr kommen die ersten Häuser von Könen in Sicht. Eine halbe Stunde später erreicht die Pilgergruppe die Stadt Konz. Die Maria wird auf dem Parkplatz hinter dem Rathaus abgestellt. Schnittchen, Bananen und Wasser tauchen aus den Pilgerrucksäcken auf.

Während der Pause frage ich verschwörerisch herum, wer denn noch Wehwehchen verspürt. Das Ziehen im Fuß hat sich mittlerweile auf das ganze rechte Bein ausgebreitet. Eine etwa 70 Jahre alte Sportrentnerin hopst von einem Geländer und sagt voller Elan: "Bei mir kein Problem!" Na, vielen Dank. Immerhin: Ein Jugendlicher sagt, dass sein Fuß ebenfalls schmerzt.

Die Gruppe ist gewachsen. Menschen aus Konz, Schoden und Mannebach sind hinzugekommen. Um kurz vor acht machen sich 137 Pilger auf in Richtung Mosel.

Ein Wegweiser am Konzer Jachthafen zeigt noch 9,9 Kilometer bis nach Trier an. Ein leises Raunen geht durch die Menge. Aha! Bin ich also nicht der Einzige, der auf dem Weg zum Seelenheil leidet. Trotzdem ziehen zwei Sportrentner frech an mir vorbei.

Auf den Rucksäcken und dicken Fleecejacken steht Tatonka, Deuter und Jack Wolfskin. Die Versammelten sind von ihrer Anzahl selber überrascht. Mit so vielen Pilgern hat niemand gerechnet. "Das liegt auch viel an Pfarrer Leick", sagt ein Pilger aus Freudenburg.
Der Marsch sei eine Art "Abschiedspilgern" für den Mann an der Gemeindespitze. Noch in diesem Jahr wird er Saarburg verlassen. Sehr zum Bedauern vieler Gläubiger aus der Pfarrei. Die Ersten geben auf und bleiben auf Parkbänken zurück. Der Rest betet das Ave Maria. Rechts zieht die Betonwand der Bundesstraße entlang.

Als Trierer bietet mir das gegenüberliegende Moselufer Orientierung. Erst kommt Oberkirch. Dann das Schloss Monaise. Die Staustufe. Allem Ziehen und Drücken zum Trotz schreite ich weit aus. In heimatlichen Gefilden werde ich mir keine Blöße geben. Dann merke ich, dass das Gebäude, das ich für die Staustufe gehalten habe, erst der Jachthafen ist! Die blöde Staustufe ist noch zwei Kilometer entfernt! Ich bin einer Fata Morgana aufgesessen. Meine frisch gewonnene Pilgermotivation sinkt ins Bodenlose.

9.30 Uhr, Ankunft in St. Matthias. "Sie ist schon auf Facebook", sagt eine Frau. Ihre Tochter hat ein Foto der Marienstatue ins Internet gestellt. "Vor 16 Minuten" steht neben dem Eintrag. Die Fußpilger vereinigen sich mit anderen Gläubigen aus dem Dekanat Konz-Saarburg, die per Bus gekommen sind. Es sind mehr als 200 Menschen, die sich hier versammeln.

Mein Fuß schmerzt. Mein Bein schmerzt. Mein Arm schmerzt. Alles schmerzt, wenn man kein Sportrentner ist. Die Pilgergruppe zieht an mir vorbei. Sie ist inzwischen so lang, dass ich es unmöglich wieder nach vorne schaffe, bevor wir im Palastgarten ankommen. Heimlich verkrümele ich mich in Richtung Bushaltestelle. Soll mich doch der Teufel holen!

10.50 Uhr. Die Pilgergruppe trifft im Palastgarten ein. Die Marienstatue wird neben den Altar gestellt. Weihbischof Helmut Dieser eröffnet den Gottesdienst: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". "Amen" antworten die Pilger. Eine Frau blickt selig in Richtung Altar. "Das hat sich gelohnt", sagt sie.

22 Kilometer liegen hinter mir und den 50 anderen Pilgern. Von meiner Reise werden mir surreale Szenen am nachtdunklen Saarufer, ein charismatischer Pfarrer und ein deftiger Muskelkater in Erinnerung bleiben. Näher zu Gott hat mich mein Marsch nicht gebracht. Aber mein Auto weiß ich wieder zu schätzen.