1. Dossier

Wer kauft wo? Städte kämpfen um die Kunden

Wer kauft wo? Städte kämpfen um die Kunden

Der Einzelhandel in der Region boomt. Städte und Kreise wollen nicht mehr Trier allein die Kunden überlassen. Wie sich der Handel verändert, welche Risiken diese Entwicklung birgt und welche Chancen, ist das Thema unseres großes Specials "Handel im Wandel".

Moderate Töne zur Situation des Einzelhandels in der Region findet Alfred Thielen. Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes hat sein Büro zwar in Trier. Im Blick haben muss er allerdings nicht nur das traditionell enorm umsatzstarke Oberzentrum. "Auch wenn Trier an Attraktivität nichts eingebüßt hat", so Thielen, "können sich die Mittelzentren sehr gut behaupten".

Städte wie Bitburg, Daun oder Schweich haben seiner Meinung nach in den vergangenen Jahren deutlich an Anziehungskraft gewonnen.

Konzepte
Wesentliche Voraussetzung dafür ist eine Vorgabe im Landesentwicklungsprogramm. Diese ermöglicht Kommunen die Ausweisung neuer Ansiedlungsflächen nur dann, wenn das mit der bestehenden Einzelhandelsstruktur abgestimmt ist. Analysiert und festgeschrieben wird das in Form von kommunalen Einzelhandelskonzepten. Im Kern geht es dabei um den sogenannten großflächigen Einzelhandel, also Betriebe mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche. Am falschen Fleck gebaut können solche großen Geschäfte den Handel in einer Innenstadt enorm beeinträchtigen.

Hermeskeil und Wittlich werden von den Experten als problematische Beispiele genannt.
"Wittlich hat zwar ein hervorragendes Entwicklungskonzept für die Innenstadt", bestätigt Alfred Thielen. "Wegen der großen Verkaufsflächen außerhalb der City und der fehlenden räumlichen Möglichkeit, einen weiteren Kundenmagneten in der Innenstadt zu installieren, tut sich die Stadt aber dabei schwer, mehr Kunden anzuziehen."

Potenziale
Dabei ist das Potenzial groß, wie der Blick auf die für die Attraktivität einer Einkaufsstadt wichtige Kennziffer der Einzelhandelszentralität zeigt (siehe Extra). Bitburg, Wittlich, Hermeskeil, Konz und Trier liegen zum Teil deutlich über dem Wert von 200.

In einigen Städten haben diese Werte Goldgräberstimmung ausgelöst. Die Summe der in all ihren Einzelhandelskonzepten ausgewiesenen Areale für den großflächigen Einzelhandel addiert sich auf 130.000 Quadratmeter - ohne die Stadt Trier, die derzeit eine umfassende Fortschreibung ihres Konzeptes von 2003 und 2006 vorbereitet. Nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer würde sich dadurch die derzeitig vorhandene Gesamtverkaufsfläche in der Region (750.000 Quadratmeter) um 20 Prozent erhöhen.

Gefahren
Matthias Schmitt, IHK-Geschäftsführer für den Bereich Standortpolitik und Unternehmensförderung, warnt vor negativen Folgen: "Wir müssen aufpassen, dass die Kommunen nicht in einen gehetzten Wettstreit geraten, bei dem am Ende niemand gewinnt." Er verweist dabei unter anderem auf die inzwischen gescheiterten Pläne in Bitburg. "Die Bit-Galerie hätte dringend mit den umliegenden Orten abgestimmt werden müssen." So bedauert er, dass die Landesregierung die Kommunen zwar zu kommunalen Einzelhandelskonzepten verpflichtet, die Notwendigkeit der Abstimmung mit anderen Städten aber nur anregt.

Die IHK habe zwar versucht, einen regionalen Einzelhandelsdialog unter Einbeziehung eines neutralen Gutachters und Moderators zu initiieren. "Von den politischen Entscheidungsträgern ist das aber nicht gutgeheißen worden."

Konkurrenz
Problematisch könnte die unabgestimmte Ausweitung der Flächen vor allem deshalb werden, weil der Umsatz im Handel zwar seit drei Jahren wieder leicht ansteigt, in der Tendenz allerdings stagniert. Vor allem die kleineren Geschäfte setzt es unter Druck, wenn mehr und vor allem umsatzstarke Geschäfte ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, der nicht größer wird. Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz durch den Online-Handel.

IHK-Standortexpertin Stephanie Illg sieht vor allem ein Problem für die Nahversorgung im ländlichen Raum. "In der Eifel haben schon jetzt 80 bis 85 Prozent der Orte keine oder nur eine rudimentäre Nahversorgung." Hinzu kämen angesichts der Altersentwicklung der Gesellschaft besonders Schwierigkeiten bei der Nachfolgeregelung. Eine umfassende Befragung zum Thema Nahversorgung soll noch in diesem Jahr weitere Erkenntnisse bringen.
Es ist auch in der Stadt Trier ein wichtiger Punkt des neuen Einzelhandelskonzepts, dessen Entwurf morgen erstmals präsentiert wird. Ein wichtiger Aspekt wird beispielsweise die bessere Versorgung der Stadtteile Ehrang, Pfalzel, Biewer und Quint sein. Von dort fahren derzeit viele Menschen nach Schweich, um Lebensmittel oder Drogerieartikel einzukaufen.

Johannes Weinand, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik, ist besonders stolz darauf, dass die Stadt seit 2003 über eine sehr umfassende und tiefgründige Datensammlung zum Einzelhandel in Trier verfügt. Die genauen Daten lassen ihn aber auch zum Mahner werden: "Wir haben in Trier als Einkaufsstadt zwar noch ein hohes Niveau. Aber der Rückgang der Kaufkraftströme aus dem Umland ist deutlich messbar und tut weh. Ohne die Trier-Galerie wären wir in der Einzelhandelszentralität unter 200 gesunken."

Chancen
Die Idee eines großen Shoppingcenters im Bereich der Europahalle in Trier brachte dem langjährigen Städteplaner heftige Kritik ein. Die Händler in der City befürchteten eine Verlagerung der Einkaufsströme in Richtung Südstadt. Die Absicht, ein solches Center irgendwann im Bereich Treviris/Simeonstraße zu ermöglichen, findet inzwischen aber auch deren Zustimmung.

"Unser neues Einzelhandelskonzept ist in enger Abstimmung mit dem Flächennutzungsplan erarbeitet worden", freut sich Johannes Weinand. Es soll detailliert die Entwicklung der Innenstadt und der Stadtteile steuern.
Natürlich ist auch der großflächige Einzelhandel ein wichtiges Thema. "Wir brauchen ein abgestimmtes Handelskonzept für die Region", stimmt Weinand mit IHK-Geschäftsführer Matthias Schmitt überein. "Allerdings wird das nur funktionieren, wenn wir für Teilregionen finanzielle Ausgleiche möglich machen."