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„Wie fünf Tatorte und dann noch Zwillinge“

„Wie fünf Tatorte und dann noch Zwillinge“

Mal liegt CDU-Kandidatin Hiltrud Zock vorne, mal hat SPD-Kandidat Wolfram Leibe die Nase vorn: Das Auszählen der Stimmen bei der Stichwahl um das Amt zum Trierer Oberbürgermeister ist am Sonntagabend zur Nervenprobe geraten.

Welche der beiden Säulen, die mit Eintreffen der Einzelergebnisse millimeterweise wachsen, gerade die andere überragt, ist auf der Großleinwand nicht zu erkennen. Zu nah liegen die Zwischenergebnisse beieinander. Nur die Prozentzahlen unter der Grafik geben Aufschluss. "50,17 Prozent" steht um 18.24 Uhr unter der schwarzen Säule, "49,83 Prozent" unter der roten. "Aber gleich kommt Olewig, dann geht Frau Zock - hui - nach oben", hofft die ehemalige CDU-Stadträtin Martha Scheurer und reckt den Daumen nach oben. Dann kommen die Ergebnisse aus Olewig - und das Hui bleibt aus. Hauchzart liegt Zock in Olewig zwar vorne, um ihren Vorsprung auszubauen, reicht das allerdings nicht.

Die wenigen CDUler, die im Rathaus-Foyer das Eintrudeln der Ergebnisse aus den 73 Wahlbezirken verfolgen, sind entsetzt. Dass ihre Kandidatin ihren Vorsprung aus dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen von immerhin 9,5 Prozentpunkten auf SPD-Konkurrent Wolfram Leibe komplett verlieren würde, damit hat wohl niemand gerechnet.

Um 18.30 Uhr liegen die beiden gleichauf. 50 Prozent steht unter beiden Säulen, bei den absoluten Stimmen liegt Zock mit einer vorn. "Das ist ja spannender als beim Grand Prix d'Eurovision", versucht sich jemand an einem Scherz. Nur zwei Minuten lang hat Leibe wieder einen Vorsprung - von drei Stimmen. Die Spannung ist schier unerträglich. SPD-Bundestagsabgeordnete Katarina Barley klammert sich an die Schulter eines Parteikollegen. Das Rathaus-Foyer ist mittlerweile rappelvoll. Jedes neue Einzelergebnis lässt die Beobachter die Luft anhalten. Mal liegt Zock vorne, mal Leibe. Um 18.35 Uhr - 64 von 73 Wahlbezirken sind ausgezählt - wieder ein Patt, diesmal mit einer Stimme mehr für Leibe.

Um 18.58 Uhr fehlt nur noch das Ergebnis der Briefwahlstimmen, die in den letzten beiden Tagen im Rathaus abgegeben und nicht mehr in die dazugehörigen Wahllokale verteilt worden sind. Rund 1400 Wahlzettel sind das. "Briefwähler wählen traditionell eher konservativ", hofft ein Zock-Anhänger. Er irrt. Um 19.04 Uhr steht fest: 637 Briefwahlstimmen für Zock, 791 für Leibe. Die rote Säule wächst hauchzart über die schwarze hinaus. Die Nervenprobe ist zu Ende.

Wilder Jubel brandet auf. "Wolfram, Wolfram", hallt es durchs Foyer. Und der von vielen als kühler, unemotionaler Kopfmensch Gescholtene muss die Brille absetzen, um sich mit einem Papiertuch über die Augen wischen zu können. Er ist nicht der einzige, dem die Tränen kommen. Die Genossen liegen sich ungläubig in den Armen, schreien, lachen, klopfen sich die Schultern. Es dauert ein paar Minuten, bis die Tochter des neuen Oberbürgermeisters sich zu ihrem Vater durchdrängeln kann. Den Trenchcoat nass vom Regen, fliegt sie in seine Arme. "Das ist ein Gefühl, wie fünf Tatorte hintereinander und dann Zwillinge bekommen", sagt Leibe lachend, und: "Jeder, der zur Wahl gegangen ist, hat gezeigt, dass er Politik mitentscheiden kann!"

Gegen 19.15 Uhr kommt auch Hiltrud Zock, geleitet von CDU-Parteichef Bernhard Kaster, ins Rathaus. Die Stimmenauszählung hat sie im Casino am Kornmarkt verfolgt, wo ein großes Büfett aufgebaut und die Bühne für Live-Musik hergerichtet sind. Doch die Siegesfeier fällt aus. "Ich bin sehr, sehr traurig über das Ergebnis", sagt die Verliererin. "Zwar hatte sich abgezeichnet, dass es eng werden könnte, aber damit habe ich nicht gerechnet." Die CDU-Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani spendet Trost, auch SPD-Chef Sven Teuber reicht die Hand. "Unsere Kandidatin hat alles gegeben - am Schluss hat ein kleines Quäntchen leider gefehlt. Das ist sehr bitter für uns", sagt Parteichef Kaster.

Für die SPD geht das Feiern im nahen Restaurant Handelshof weiter. Mit Leibe und seiner Familie feiern Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Triers amtierender Oberbürgermeister Klaus Jensen und rund 150 weitere SPD-Anhänger den Sieg. "Danke!", sagt Leibe immer wieder, strahlt, schüttelt Hände und muss sich gleich noch einmal die Augen wischen.