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Ziemlich beste Freunde

Ziemlich beste Freunde

Es war, darauf wiesen die Moderatoren mit sichtlichem Stolz hin, eine Premiere: Zum ersten Mal trafen sich im deutschsprachigen Raum zwei Spitzenkandidaten um den höchsten Posten der Europäischen Union zu einem Fernsehduell. Es wurde zur erfolglosen Suche nach inhaltlichen Differenzen, die es offenbar nicht gibt.

Berlin. Es ist 21.15 Uhr im ZDF-Hauptstadt-Studio. Zwei Drittel der Sendezeit für das Duell der Spitzenkandidaten um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten sind schon vorbei, da dämmert Moderator Peter Frey die Aussichtslosigkeit der Aufgabe, die er an diesem Abend übernommen hat.
Europawahl 25. Mai 2014


"Wir würden doch so gerne die Unterschiede zwischen Ihnen herausfinden", sagt er mit einem Unterton der Verzweiflung. Wahlkampf sei doch wohl "kein Grund, sinnlose Massenschlägereien zu organisieren", knurrt Juncker zurück. Und Schulz vermerkt, es spreche doch für Juncker, "dass er in vielen Fragen meiner Meinung ist".
Das Geplänkel zwischen den zwei distinguierten Herren erreicht nie eine Betriebstemperatur in der Nähe des Siedepunkts. Da sitzen zwei in der Wolle gefärbte europäische Realpolitiker, denen Populistisches und Extremes gleichermaßen fremd ist. Anders als bei den Bundestags-Keilereien vor laufender Kamera geht es angenehm sachlich zu, aber eben auch so, dass man Mühe hat, inhaltliche Differenzen festzustellen.
Ukraine-Politik? "Raushalten geht nicht", sagt Schulz. "Wir müssen uns einmischen", sagt Juncker. Beide sind gegen militärisches Säbelgerassel und für Sanktionen mit Augenmaß - selbst wenn sie die Europäer einiges kosten.
Einwanderung in die Sozialsysteme? "Es gibt keinen Sozialtourimus", weist Christdemokrat Juncker die CSU zurecht. Und zitiert den Spruch radikaler Antirassisten: "Kein Mensch ist illegal". Schulz redet von "aufgeblasenen Problemen in einzelnen Städten", fordert eine "legale Einwanderungsquote" für Europa. Kein Widerspruch bei Juncker, der schließlich aus einem Einwanderungsland kommt.
Beide sind für Steuern auf Finanz-Transaktionen, beide wollen, dass Gewinne in dem Land besteuert werden, in dem sie entstehen. Beide geißeln die Gier der Banken und plädieren nachhaltig für den Euro. Dem Merkel-Dekret "Scheitert der Euro, scheitert die EU" stimmen sowohl Schulz als auch Juncker ausdrücklich zu. Eine EU-Erweiterung in den nächsten Jahren halten sie für ausgeschlossen.
Mangels inhaltlicher Unterschiede achtet der geneigte Zuschauer mehr und mehr auf Stil-Fragen. Schulz, dunkle Krawatte, hat seine Wahlparolen gut gelernt und bringt sie, plakativ formuliert, geschickt unter die Leute. Juncker, roter Binder, lässt seinen sarkastischen Humor gelegentlich aufblitzen, wirkt aber manchmal etwas fahrig.
Damit es nicht zu langweilig wird, bewirft man sich ab und zu mit Wattebäuschchen. "Juncker steht für Hinterzimmer-Politik", schimpft Schulz. "Ich habe Herrn Schulz bei Hinterzimmergesprächen kennengelernt", retourniert Juncker prompt.
Co-Moderatorin Ingrid Thurner vom ORF versucht zumindest ansatzweise, den Ärger der Bürger über Eurokraten und EU-Wasserköpfe in die Diskussion zu werfen. Vergeblich. Beide Herren finden es auch nicht gut, dass die EU-Kommission zu groß ist, dass schwachsinnige Richtlinien für Frust sorgen und das Parlament den irren Aufwand zweier Standorte betreibt. Aber das sei ja "nicht unsere Entscheidung", beteuert Schulz. Oder das sei halt "der Preis der Geschichte", wie Juncker trocken anmerkt.
Was schiefläuft bei der EU, den Eindruck erwecken beide Kandidaten, ist gottgegeben oder von den Regierungen der Mitgliedstaaten verschuldet. Das geht so weit an der Stimmungslage im Land vorbei, dass man sich wünscht, da säßen als Fragesteller ein Hendryk M. Broder oder ein Mister Dax. Einfach nur, um klare Erkenntnisse zu gewinnen.
Am Ende, wenn man weiß, dass beide gegen US-Chlorhühnchen sind, bleibt - sorgsam von den Moderatoren vermerkt - nur eine glasklare Differenz: Schulz hat 25 Minuten und 9 Sekunden gesprochen, Juncker 24 Minuten und 6 Sekunden. Selbst da liegen sie nicht weit auseinander.Extra

Das erste deutsche Fernseh-duell der Spitzenkandidaten für die Europawahl am 25. Mai hat relativ wenige Zuschauer angelockt. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) konnte nur 1,79 Millionen Zuschauer (5,8 Prozent) für das Duell zwischen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz gewinnen - fast vier Millionen weniger als sonst am Donnerstagabend zu dieser Sendezeit (ab 20.15 Uhr). Die Reaktionen der Parteien auf das Duell waren vorhersehbar. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte nach der Sendung: "Das Ergebnis ist eindeutig: Martin Schulz hat einen sehr starken Auftritt gezeigt und klar gewonnen." CDU-Generalsekretär Peter Tauber meinte: "Mit großer Sachkompetenz, hoher Glaubwürdigkeit und seinem humorvollen Wesen konnte Jean-Claude Juncker klar überzeugen." SPD-Chef Sigmar Gabriel warnte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unterdessen vor Mauscheleien bei der Kür des künftigen Kommissionspräsidenten. "In der Demokratie gibt es einen Automatismus. Wer die meisten Stimmen bekommt, gewinnt", sagte Gabriel am Freitag in Berlin. Der Vizekanzler reagierte damit auf Äußerungen Merkels, es gebe rechtlich gesehen keinen Automatismus, dass der Sieger des Duells der Parteienfamilien bei der Europawahl den Spitzenposten der Kommission bekommt. Die CDU-Vorsitzende hatte im Interview der Rheinischen Post auf die Rechtslage verwiesen. Die Staats- und Regierungschefs müssen bei ihrem Personalvorschlag an das Europaparlament das Ergebnis der Europawahl berücksichtigen - mehr aber auch nicht. dpa