„Trier soll eine Musical-Stadt werden“

„Trier soll eine Musical-Stadt werden“

Seit über einem Jahr ist er bereits hinter den Bühnen des Trierer Theaters aktiv, nun eröffnet er am 11.09. als Schauspieler seine erste Spielzeit. Wir sprachen mit dem neuen Trierer Theater-Intendanten Karl M. Sibelius über die neue Spielzeit, Akteure und Veränderungen.

Die neue Spielzeit startet unter dem Motto "Verrückt euch" - wie entstand der Titel?
Karl M. Sibelius: Am Theater herrscht Aufbruchstimmung. Die Existenz wurde hinterfragt. Nun steht die Baufrage im Raum und es soll eine neue Rechtsform gewählt werden. Das gesamte Leitungsteam ist neu. Alles ist irgendwie ver- rückt und deshalb passt das Verrücken sehr gut. Weiterhin gibt es da einen Satz, der Trier geprägt hat: "Solange man Theater noch mit ,Th' schreibt, ist die Welt noch in Ordnung". Weil mein Team und ich mich von solchen Dogmen nicht regieren lassen wollen, haben wir das "h" einfach weggenommen. So heißt die neue Homepage teatrier.de . Wir verrücken auch, indem wir die Sparten neu denken und miteinander verzahnen. Wir machen viele Produktionen, die nicht in ein Genre einzuordnen sind und haben Mut zum Entertainment. Wir sind ein "Ermöglicher-Theater", das ist das Allerwichtigste für uns. Wir möchten vielen Leuten die Möglichkeit geben, sich selbst oder etwas Neues auszuprobieren und sich auch künstlerisch zu verrücken. Deshalb passt der Slogan einfach zu uns.

Sie spielen die Hauptrolle in der ersten Premiere. Worum geht es bei "Alles bleibt anders" und warum fiel die Entscheidung auf dieses Stück?
Karl M. Sibelius: Wir haben das im Team entschieden und beschlossen, jedem Menschen, der irgendwie Lust auf Theater hat, etwas anzubieten und deshalb machen wir nun zehn Premieren an drei Eröffnungswochenenden. Als dieser Plan stand, wurde mir vorgeschlagen, selbst ein Stück zu spielen. Nach anfänglicher Unsicherheit fand ich den Vorschlag gut, weil die Leute mich auf diese Weise nicht nur als Chef, sondern auch als Teil des Betriebs kennenlernen, von meinen Ängsten und Schwächen erfahren. Ich mache das Stück zusammen mit einem Korrepetitor, der vor Kurzem aus Russland hergezogen ist. Inhaltlich geht es um einen alten Schauspieler, der in der Garderobe sitzt und sehr viel Angst
hat - Angst vor dem neuen Intendanten, vor Veränderung, vor dem Neuanfang. Das ist eine super Rolle, in der ich übrigens auch meine eigene Position als Intendant ins Lächerliche ziehe. Wer die Vorstellung besucht, darf zahlen, was er möchte. Neben meiner Wenigkeit wird auch Susanne Linke, die Leiterin der Tanzsparte, einen Abend selbst gestalten: Sie präsentiert ein wunderbares Du- ett, bei dem sie sich den Zuschauern vorstellt.

Wovor haben Sie als neuer Intendant Angst?
Karl M. Sibelius: Angst habe ich keine, aber Respekt. Ich möchte niemanden enttäuschen und hoffe, dass der Eröffnungs-Wahnsinn klappt. Eigentlich überwiegt aber insgesamt mehr die Vorfreude. Wir freuen uns, dass wir loslegen und Theater machen dürfen.

Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit den Fokus?
Karl M. Sibelius: Einer der wichtigsten Ansprüche an mich selbst ist es, den neuen Spartenleitern zu ermöglichen, das zu verwirklichen, was sie umsetzen wollen. Ich kam nicht hierher, um alles umzuschmeißen, Herr Weber hat gute Arbeit geleistet. Dennoch braucht das Theater frischen Wind und neue Energie. Wir möchten Trier bekannter machen. Ich möchte, dass man wieder über die Kunst redet und nicht über Geldprobleme. Zum Thema des Ensemble-Wechsels sage ich nur so viel: Ich bin ein treuer Intendant, ein "Kümmerer", aber man muss sich auch darum kümmern, dass Künstler weiterkommen, dass sie den nächsten Schritt gehen. Trier ist eine wichtige Station, aber auch für mich keine Endstation.

Es wird eine neue Sparte 0.1 geben. Was ist darunter zu verstehen?
Karl M. Sibelius: Das ist eine Sparte, die versucht, diese Stadt kennenzulernen. Sie richtet sich an Menschen, die sich noch nicht getraut haben, im Theater aufzutreten. Wir möchten den Künstlern helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Dazu habe ich zuerst Julia Haebler angefragt, eine Regisseurin. Im Laufe der Vorbereitung sind wir darauf gekommen, dass wir für diese Sparte jemanden brauchen, der sich in der Region auskennt und hier vernetzt ist. Dafür ist nun Marc-Bernhard Gleißner da. Er knüpft fleißig Kontakte. Wir möchten niemanden einvernehmen, sondern stattdessen künstlerische Unterstützung anbieten - Räume, Schauspieler, Equipment. Das ist eine neue Sparte, die wachsen muss. Sie ist eine ganz neue Idee, die daraus entstanden ist, dass wir mit wenigen Mitteln viel erreichen möchten. Wir möchten am Theater Leerräume haben, die wir mit den Menschen füllen, die hier etwas bewegen wollen.

Es gab am Theater stets Projekte, die explizit für Studenten geschaffen wurden. Konzentriert sich die Sparte 0.1 auch auf diese Zielgruppe?
Karl M. Sibelius: Uns geht es nicht darum, dass alle jungen Leute ins Theater gehen oder Theater spielen. Wir möchten mit der Sparte 0.1 jeden Menschen ansprechen. Auf unser erstes Sinfoniekonzert laden wir beispielsweise 50 Flüchtlinge ein. Für mich ist das Theater ein absolut sozialer Ort, an dem jeder Platz haben soll. So werden wir auch mit der Lebenshilfe zusammenarbeiten, deren Menschen an der Garderobe aushelfen, Getränke servieren oder Programmhefte ausgeben. Auch an unserem Spielzeit-Programmheft wird sichtbar, dass wir alle Menschen integrieren: Die Hülle für das Heft haben Menschen mit Behinderung hergestellt. Es wird aber auch weiterhin das Kultursemesterticket für die Studenten geben. Theater soll für alle da sein und jeder soll mitmachen dürfen.

Es wird mehr Musicals geben. Ist das Ihre persönliche Präferenz oder fehlte Trier diese Sparte einfach?
Karl M. Sibelius: Ich liebe Musicals und habe auch selbst viele gemacht. Ich finde, egal in welches Theater man geht, egal welches Musical man anschaut, es ist überall dasselbe. Aus Trier möchte ich eine Musical-Stadt machen, in der ganz besondere Musical-Formen aufgeführt werden. Das probieren wir jetzt einfach aus und schauen, ob es funktioniert.

Sind Sie jemand, der überwiegend Innovatives anbietet und einfach aus- probiert oder jemand, der eher spielt, was die Leute sehen möchten?
Karl M. Sibelius: Ich bin in erster Linie jemand, der sein Publikum ernst nimmt. Da draußen leben autonome Menschen, die nicht bevormundet werden müssen. Ich möchte den Zuschauern etwas zutrauen und etwas zumuten. Meine Meinung ist: Wenn man den gewohnten Einheitsbrei spielt, hat das Theater keine Berechtigung. Ich finde auch eine Streitkultur wichtig - also dass man aus einem Stück rausgeht und mal nicht zufrieden ist. Wenn man sich empört, bringt das auch etwas: Das Theater bleibt dadurch im Gedächtnis. Wichtig ist, dass das Theater für die Gesellschaft da ist und nicht für sich selbst.