Interview Sascha Hildmann: „Und dann kam ich, der eigentlich ein Nobody ist“

Interview Sascha Hildmann : „Und dann kam ich, der eigentlich ein Nobody ist“

Fußball: Der Trainer des Drittligisten 1. FC Kaiserslautern spricht im TV-Interview über seine Spielidee, den Wechsel im Tor, die Unruhe im Verein und einen ganz besonderen Brief.

Braungebrannt, in einem FCK-Kapuzenpullover, erscheint Sascha Hildmann zum TV-Interview auf dem Betzenberg. Äußerlich färbt die aktuell mal wieder große Unruhe beim 1. FC Kaiserslautern nicht ab auf den Trainer, für den nun die Wochen der Wahrheit beginnen und der zum Auftakt ins Jahr 2019 am heutigen Samstag im Fritz-Walter-Stadion auf seinen Ex-Club SG Sonnenhof Großaspach trifft (14 Uhr).

Herr Hildmann, sind Sie wie viele in Deutschland derzeit auch im Handball-Fieber?

Hildmann: Ja, die WM ist eine willkommene Abwechslung. Es macht Spaß, zuzuschauen. Es ist viel ­Action drin. Die Spiele sind extrem spannend.

Was kann der Fußball vom Handball lernen oder übernehmen?

Hildmann: Ich glaube, man kann in puncto Mentalität viel ableiten. Es ist beeindruckend, mit welcher Leidenschaft und mit welchem Engagement die Handballer an ihre Aufgaben gehen. In Sachen Taktik ähnelt das Verteidigen im Handball dem Verschieben einer Viererkette im Fußball.

Nach lediglich drei Partien vor der Winterpause beginnt für Sie beim FCK jetzt die Zeit der Wahrheit. Inwieweit konnten Sie der Mannschaft in der Wintervorbereitung einen Hildmann-Stil verpassen?

Hildmann: Natürlich habe ich eine eigene Philosophie. Aber diese Philosophie richtet sich immer auch nach Gegnern, nach meiner Mannschaft, die ich gerade zur Verfügung habe, und nach den Umständen, unter denen wir uns gerade befinden. Ich habe im Trainingslager in Spanien versucht, der Mannschaft meine Werte und Ziele anhand einer Präsentation zu vermitteln. Und wir haben an verschiedenen Grundordnungen und Systemen gearbeitet. Als Trainer lege ich viel Wert auf Flexibilität. Wir dürfen nicht nur an einem System festhalten. Die Spieler haben sehr gut mitgezogen. Wir haben uns sehr gut kennengelernt, und ich hoffe, dass sich das jetzt auch in guten Ergebnissen und Leistungen niederschlägt.

Enorme Laufarbeit ist ein wichtiges Element bei Ihnen. Auf was fußt Ihre Spiel-Idee sonst noch?

Hildmann: Zielstrebigkeit! In der dritten Liga haben Mannschaften, die auf Ballbesitz aus sind, große Schwierigkeiten, das über einen längeren Zeitraum zu machen. Deshalb ist das Umschaltspiel so wichtig. Dafür braucht es Zielstrebigkeit, verbunden mit viel Laufarbeit, um schnell nach vorne zu kommen. Ich will mich nicht lange mit einem Mittelfeldspiel aufhalten, sondern versuchen, diese Zone schnellstmöglich zu überbrücken, um dann mit schnellen Spielern nachzujagen und Tore zu schießen. Dieser Stil sollte erkennbar sein.

Der im neuen, favorisierten 3-4-3-System am besten umsetzbar ist?

Hildmann: Nicht unbedingt. Das 3-4-3 haben wir als Mannschaft bisher nie gespielt. Ich will aber Flexibilität haben und nicht nur 4-4-2 spielen lassen. Deshalb habe ich jetzt mal in einem 3-4-3 gespielt. Es kann aber auch ein 3-5-2 sein, oder auch ein 4-1-4-1.  Es gibt verschiedene Optionen, die sich auch nach den personellen Möglichkeiten richten.

Der 20-jährige Lennart Grill wird die neue Nummer eins im Tor – auch, weil Sie schon zu Ihrer Zeit als Trainer im Mainzer Nachwuchs dessen Talent und Persönlichkeit kennengelernt haben?

Hildmann: Nein, das hat damit nichts zu tun. Lenni war damals erst 16 Jahre alt. Sicher ist Lenni auch da schon ein sehr guter Torwart gewesen. Entscheidend ist: Ich weiß, was er kann. Ich weiß aber auch, was die anderen zwei Torhüter (Jan-Ole Sievers, Wolfgang Hesl, d. Red.)  können. Wir haben uns jetzt auf Lenni festgelegt. Wir wollen ihm die Chance geben, sich in diesem Stahlbad freizuschwimmen und schauen, wie er es macht.

Im letzten Test gegen Homburg (3:0) begannen vorne Timmy Thiele, Christian Kühlwetter und Julius Biada – zusammen kommt das Trio nur auf acht Treffer. Mit 23 Toren hat der FCK ligaweit die fünftschwächste Offensive, zu Hause gelangen erst neun Treffer. Liegt hier die meiste Arbeit vor Ihnen?

Hildmann: Wir haben viele Torchancen, das ist schon mal positiv. Die Herausforderung wird sein, diese Torchancen zu verwerten. Ich muss die Mannschaft so hinkriegen, dass sie diese Abschlussstärke wieder entwickelt. Ich bin davon überzeugt, dass sie das kann. Es ist nicht immer nur eine Kopfsache, vielleicht muss auch an der einen oder anderen Stellschraube im technischen Ablauf gedreht werden.

Sie sind seit 50 Tagen im Amt. Können Sie Ihren Traum, Trainer beim 1. FC Kaiserslautern zu sein, nur leben, weil die Roten Teufel in einer der größten Krisen der Vereinsgeschichte stecken?

Hildmann: Das weiß ich nicht. Ich lebe meinen Traum alleine schon deshalb, weil ich den Job als Fußballtrainer im Hauptberuf ausüben darf. Dass ich das jetzt beim 1. FC Kaiserslautern kann, ist natürlich etwas Besonderes für mich, weil ich von hier komme.

Wie hart war der Weg für Sie zum Cheftrainer einer Profimannschaft?

Hildmann: Der war sehr hart. Ich habe mich immer von unten nach oben gearbeitet – schon als Spieler, als ich mich in die zweite Liga gekämpft habe. Als Trainer habe ich in der Bezirksliga angefangen und mich über Engagements in der Oberliga und Regionalliga weiterentwickelt. Es ging eigentlich immer hoch. Dann habe ich in Elversberg und Mainz in Nachwuchsleistungszentren gearbeitet und den Fußball-Lehrer gemacht. Ich weiß, was es heißt, zu arbeiten. In der Beziehung bin ich sehr fleißig. Ich hoffe, es geht noch weiter.

Für die Fußballlehrer-Ausbildung sollen Sie sich die nötigen 20 000 Euro mühsam zusammengespart haben …

Hildmann: Ja, das habe ich alles selbst bezahlt. Ich hatte keinen Verein, der das übernimmt. Überhaupt die Ausbildung machen zu können, war schon eine riesige Herausforderung. Für 24 Plätze pro Jahr gibt es an die 150 Bewerber. Und dann kam ich als Sascha Hildmann, der eigentlich ein Nobody ist. Der in der Oberliga Hauenstein trainiert und sich bewirbt. Neben all den Trainern aus Nachwuchsleistungszentren. Ich habe die dreitägige Eignungsprüfung gemacht. Als dann der Brief mit der Mitteilung kam, ich bin angenommen, war das schon richtig geil. Die Ausbildung ging über fast zwölf Monate, Ich habe in dieser Zeit zwei Tage im elterlichen Autohaus gearbeitet, noch die Mannschaft in Hauenstein trainiert und bin von sonntags bis mittwochs in die Sportschule nach Hennef gefahren. Das war schon stramm.

Mit wem aus Ihrem Lehrgang ist der Austausch noch am engsten?

Hildmann: Mit Rüdiger Rehm (Trainer von Wehen Wiesbaden, d. Red). Er ist ein sehr guter Freund. Aber auch zu Steffen Baumgart vom SC Paderborn oder Marco Rose von RB Salzburg habe ich noch guten Kontakt.

Für den FCK geht es aktuell auch um die Existenz. Inwieweit torpedieren die wirtschaftlichen Herausforderungen, der Kampf um die Lizenz und die damit einhergehenden Grabenkämpfe an der Vereinsspitze Ihren Job?

Hildmann: Es ist natürlich ein Thema, über das auch wir sprechen.  Aber das darf uns nicht belasten, weil wir für den sportlichen Bereich zuständig sind. Wir sind hier angestellt und versuchen das auszublenden. Wir wollen den Verein unterstützen, indem wir unsere Aufgabe erfüllen. Das heißt natürlich am besten mit gewonnenen Spielen für eine gute Stimmung zu sorgen.

Inwieweit satteln Sie zusätzlichen Druck drauf, wenn Sie sagen: Trotz zwölf Punkten Rückstand auf Platz drei gibt‘s noch eine Chance auf den Aufstieg?

Hildmann: Ich mache mir immer Druck – egal, wo ich Trainer bin. Ich weiß nicht, ob es so gut wäre, wenn du dir als Trainer keinen Druck machst. Aber von außen spüre ich den Druck gar nicht. Ich mache das für mich selbst, um optimale Leistung zu bringen. Ich versuche natürlich, die Jungs so einzustellen, dass sie frei aufspielen können.

Hätten Sie sich Neuzugänge gewünscht? Oder tut sich vielleicht noch etwas bis zum 31. Januar?

Hildmann: Es ist noch Zeit bis zum 31. Januar. Mal abwarten. Wir haben aber schon immer gesagt, dass wir dieser Mannschaft das Vertrauen schenken wollen.

Was hat sich in Ihrem Umfeld geändert, seit Sie FCK-Trainer sind? Sind die Umsätze im Autohaus Hildmann in Enkenbach-Alsenborn, wo Ihr Bruder Geschäftsführer ist und auch Ihre Frau arbeitet, in die Höhe geschnellt?

Hildmann: Die Umsätze nicht, aber die Frequenz. Es sind sehr viele Leute da, die nach mir fragen. Ich werde überall erkannt. Durch die Stadt Kaiserslautern, die ich wie meine Westentasche kenne, kann ich kaum noch laufen, ohne dass ich angesprochen werde. Ein Foto hier, ein Spruch da. So gesehen, hat sich mein Leben komplett geändert. Im Job kommen viele Medienanfragen dazu. Ich merke schon, dass ich jetzt einen großen Club trainiere.

Wo steht der FCK zu Ihrem Vertragsende am 30. Juni 2020?

Hildmann: So weit oben wie möglich.

Heißt konkret?

Hildmann:  (lacht) So weit oben wie möglich.

Ihr erstes Regionalliga-Heimspiel als Coach des SC Idar-Oberstein im August 2011 gegen Eintracht Trier begann mit zehnminütiger Verspätung, weil die Warteschlangen an den Stadionkassen im Stadion Haag so lang waren. Wann wird der Betzenberg mal wieder an seine Kapazitätsgrenzen stoßen?

Hildmann: Ich hoffe, noch in diesem halben Jahr. Wenn das so ist, dann haben wir erfolgreich Fußball gespielt.

Interview: Mirko Blahak