Verliebt in der Region

Verliebt in der Region : Zu schön, um wahr zu sein?

Als sich ein Mann und eine Frau aus Trier zufällig begegnen, haben sie alles andere als einen neuen Partner im Sinn – denn beide sind gerade verlassen worden. Dass aus ihnen doch noch ein Liebespaar wird, hängt mit ihren Haustieren zusammen.

Von einer Beziehung gleich in die nächste, in ein vorher nicht gekanntes Glück? Kann das wahr sein? Das fragen sich die beiden, nennen wir sie Judith und Michael*, selbst jeden Tag. Sie blicken sich während des Gesprächs immer wieder tief in die Augen, wirken wie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Schon morgens beim Frühstück, mittags, abends – immer wieder sprechen sie darüber, wie unglaublich sich anfühlt, was sie gerade erleben. Beide sind in den 50ern, sind keine Traumtänzer und verfügen, wie in diesem Alter üblich, über genügend Lebens- und Beziehungserfahrung, um zu wissen, dass man dem Glück manchmal zurecht misstrauen kann.

Nur zwei Tage haben sich Judith und Michael in den vergangenen  Wochen, seit sie sich kennen, nicht gesehen. Sie sind im siebten Himmel. Es gibt viele Redewendungen für ihren Schwebezustand. Beide lachen viel, wenden sich immer wieder einander zu, bekräftigen gegenseitig, was sie abwechselnd erzählen.

Natürlich unterhalten sie sich auch oft darüber, wie sie sich kennengelernt haben – obwohl beide schon sehr lange in Trier leben, sind sie sich vorher nie begegnet. Bis an jenem Sonntag im Mattheiser Wald, an dem Michael mit dem Hund seiner Tochter einen Spaziergang macht. Den hat sie ihm zum Trost vorbeigebracht und ausgeliehen, damit er nicht alleine ist. Denn erst vor 14 Tagen ist die „Bombe geplatzt“ und seine Frau ist nach mehr als zehn Jahren Beziehung wegen eines anderen von heute auf morgen ausgezogen. Zwei Wochen emotionale Achterbahnfahrt mit vielen Gesprächen mit Freunden liegen hinter ihm, nach denen er meint, keine Worte übrig zu haben. Alles gesagt, alles durchdacht. Da kommt eine Runde an der frischen Luft gerade recht.

Plötzlich ist der sonst so gut erzogene Hund seiner Tochter fast nicht mehr zu halten und will einem kleinen, schwarzen Etwas hinterher. Was ist das nur?, denkt sich Michael. Als er näher kommt, sieht er: Es ist ein Hund, mit dem sein Tröster sich sofort super versteht und fröhliche Tänze aufführt. „Und plötzlich steht sie da halb im Sonnenschein“, beschreibt Michael den Moment, in dem er Judith zum ersten Mal bemerkt, und verursacht mit seiner Licht-Symbolik lautes Lachen. Das schwarze Etwas ist Judiths Hund. Auch sie versucht bei einem Spaziergang, den „Kopf frei zu bekommen“. Ihr Freund hat sie verlassen und „sie lässt ihre Flügel hängen“. „Gehört der Hund Ihnen?“, fragt Michael.

Beide unterhalten sich kurz und beobachten amüsiert, wie die Hunde miteinander spielen. Dann hört er sich sagen: „Was hast du tolle Augen.“ Er wundert sich noch immer lachend darüber, denn es nicht seine Art, so schnell Komplimente zu machen. „Sehr mutig“, kommentiert Judith heute seine Spontaneität. Damals sagt sie: „Die Hunde verstehen sich so gut, lassen wir sie noch ein wenig zusammen spielen.“

Das passt. Während eines dreistündigen Spaziergangs durch den Wald erzählen sie sich „quasi ihr ganzes Leben“. „Wir wissen alles voneinander.“ „Es hat nur gefehlt, dass wir Hand in Hand gehen“, beschreibt Michael, wie vertraut sie sich sofort fühlen. „Wenn das Gespräch ganz intensiv und spannend geworden ist, sind wir einfach stehen geblieben, um uns zuzuhören. Wie auf den Punkt“, sagt Judith. Zum Abschied umarmen sie sich zwar, verabreden aber keinen festen Termin.

Zurück auf dem Parkplatz, bleibt Michael im Auto sitzen und lässt grinsend Revue passieren, was er gerade erlebt hat. „Wer hat denn die Frau da hingestellt?“, denkt er. „Wieso habe ich ihr so viel von mir erzählt?“ Bis Judith an die Scheibe klopft, ihn unterbricht und ihn fragt, ob man das nächste Treffen nicht etwas konkreter machen kann.

Sie ergreift geistesgegenwärtig die Initiative, weil sie gelernt, dass man Gelegenheiten nicht einfach so vorbeiziehen lassen sollte. „Was meinst du?“, fragt Michael und Judith sagt: „Samstag, 15 Uhr.“ Sie tauschen die Handy-Nummern aus, und es dauert nur bis zum nächsten Tag, bis sie sich zum Spaziergang wieder sehen. „Da hatte ich allerdings keinen Hund mehr dabei, aber das ging auch“, sagt Michael lachend.

„Jeden Tag erleben wir seither die Fortsetzung dessen, wie es angefangen hat“, erzählt Judith. „Es gab noch keinen Moment, in dem ich gezweifelt habe.“ Sie blickt gespannt zu Michael, der sofort bekräftigt: „Ich auch nicht.“ Es hat einfach geknallt und geht so problemlos und selbstverständlich weiter, wie es begonnen hat. Judith versteht sich mit Michaels Kindern und der Familie. Aber am besten finden beide, dass sie gleiche Interessen haben. Sie kochen gerne zusammen, mögen Blumen, den Garten. „Judith packt mit an, rennt durch den Garten und kümmert sich“, erzählt Michael angetan. „Wir haben sogar schon ein Bäumchen zusammen gepflanzt, ein Mandelbäumchen“, ergänzt Judith. Beide strahlen, planen ihre erste gemeinsame Reise.

Judith und Michael sind beide berufstätig, sind finanziell unabhängig und haben ihre eigenen Wohnungen. Das macht sicher vieles einfacher. „Wir haben ja alle Möglichkeiten“, sagen sie und besuchen sich gegenseitig, wie es gerade passt. „Aber jeder hat schon eine Schublade bei dem anderen belegt“, wirft Judith ein und beide lachen. Sie unterhalten sich wie vom ersten Augenblick an weiter über alles, eigentlich ununterbrochen. Mögen das sehr. „Ich weiß nicht, über was wir noch nicht geredet haben“, sagt Michael.

Sie haben sich vorgenommen, wenn sie etwas einmal nicht zusammen unternehmen möchten, einfach darüber zu sprechen, und sehen darin kein Problem. „Dann ist das so“, sagt Judith.

Michael nickt. Beide möchten offenbar nicht (mehr) den Fehler machen, Gedanken, Gefühle, Angewohnheiten, Hobbies, Vorlieben wegen eines Partners nicht zu artikulieren, zu leben und im schlimmsten Fall sogar zu unterdrücken. Michael schätzt Judiths Direktheit. Er findet es gut, zu wissen, was sie meint und denkt.

Aber was ist mit der Trauer über die Trennung? Kann es gut gehen, ohne Pause gleich ein neues Abenteuer zu beginnen? Diese Bedenken kennen sie nur zu gut und fangen beide gleichzeitig an, darüber zu lachen – so als wollten sie sagen, alles Nonsens. Ein Teil von Michaels Freunden rät ihm, sich mit Haut und Haaren in sein neues Glück zu stürzen. Der andere Teil warnt ihn und spricht von der wichtigen „Aufarbeitung“ – Michael betont jede Silbe des Begriffs einzeln.

Judith erinnert sich daran, wie sie nach der Trennung zu ihrer Schwester sagte: „Dieses Mal lasse ich alles ganz langsam angehen, das passiert mir nicht noch einmal.“ Dabei hat sie auch ein wenig Angst, weil es ihr schwieriger erscheint, in ihrem Alter wieder einen neuen Partner zu finden. Auch Michael hat sich trotz des Trennungsschmerzes Gedanken gemacht, wo es wegen der Corona-Pandemie überhaupt Möglichkeiten für ein Kennenlernen geben würde.

Gedanken, die, wie sich herausstellt, vollkommen überflüssig waren, denn das Schicksal hat ihnen ja eine einmalige Vorlage geliefert. Aber halt, ganz so einfach ist es auch nicht. „Wenn ich mich nicht getraut hätte, das Kompliment mit den tollen Augen zu machen, dann wäre das überhaupt nicht passiert“, sagt Michael, „dann wären wir nach einem kurzen Gespräch im Wald getrennte Wege gegangen.“ Vielleicht ist das eine Ermutigung für alle Singles auf der Suche, mehr auf andere zuzugehen? Für Liebesgeschichten und wie sie funktionieren, gibt es keine „Blaupause“, meint Michael.

Und niemand ist davor gefeit, wieder dieselben Fehler zu machen. „Reden ist das Wichtigste“, sagt Judith, „und Streit wird es irgendwann auch geben.“ Beiden ist bewusst, dass die Bewährungsprobe ihrer Beziehung erst beginnt, wenn die Gefühle nicht mehr Purzelbaum schlagen. Dann wird sich zeigen, ob sie schaffen, was sie sich vorgenommen haben.

Gerade weil ihre Geschichte auch für sie selbst immer noch wie aus dem Bilderbuch klingt, ertappen sie sich immer wieder dabei, dass sie ihr Glück nicht glauben können und sich fragen, warum sie eigentlich daran zweifeln.

„Hoffentlich glauben die Leser unsere Geschichte“, sagt Judith und es kommt die Idee auf, in einem oder zwei Jahren zu berichten, wie es mit ihnen weiter gegangen ist. Aber jetzt genießen Judith und Michael zuerst einmal ihr „unfassbares“ Glück und schmieden Zukunftspläne.

*Die Namen sind geändert, weil die beiden so freier sprechen konnten, als sie es unter ihrem richtigen Namen getan hätten. Dabei geht es ihnen wie allen frisch Verliebten – obwohl sie ihr Glück kaum fassen können, würden sie am liebsten jedem davon erzählen.

Aufgezeichnet von Birgit Markwitan