Von Heckenjägern und Ring-Literaten

Von Heckenjägern und Ring-Literaten

Der Nürburgring hat in 90 Jahren weltweite Reputation und Ausstrahlung erlangt. Aber auch viele Menschen aus der Region verbinden persönliche Schicksale und Begebenheiten mit der vielzitierten "Grünen Hölle". Einige von ihnen lassen wir hier zu Wort kommen.

Besuch mit dem TV am Brünnchen: Dr. Horst Werner ist mit der Nordschleife seit den 1960er Jahren auf Du und Du. TV-Fotos (2): Jürgen C. Braun Foto: Picasa (g_sport

Nürburgring
Dr. Horst Werner (Bitburg)
Der Unfall-Chirurg ist Arzt und Rennsportler aus Leidenschaft. Er gehörte zu einer Gruppe von Helfern, die am 1. August 1976 bei Metzgesfeld eingeteilt und danach in die Rettungsarbeiten für den etwa drei Kilometer weiter am Bergwerk verunglückten Niki Lauda involviert waren. Kürzlich war er mit TV-Reporter Jürgen C. Braun noch einmal für einen Nachmittag an der Nordschleife. Dabei unterhielt Werner, der mit seinem Sohn Christoph im BMW M3 noch die Youngtimer-Trophy fährt, mit Anekdoten aus den 1960er Jahren.
"Es gab damals so eine Art Hausmeister am Ring. Der ist am frühen Abend, wenn die Touristenfahrer wegfahren, die Strecke noch mal abgefahren und hat nachgesehen, ob alles okay ist. Das haben wir dann genutzt, bis der Mann weg war. Dann sind wir mit unseren Autos rasch zweimal über die Strecke und wieder ab nach Hause."
Plastisch schildert er die Sicherheitsvorkehrungen: "Es gab ja keine Leitplanken, sondern nur Hecken. Wenn ein Touristenfahrer von der Strecke abgekommen und durch die Hecke ist, kam es vor, dass das niemand bemerkt hat. Wir haben immer durchgezählt, ob alle da sind, bevor wir wieder nach Hause gefahren sind. Hat einer gefehlt, sind wir die 20 Kilometer noch mal abgefahren und haben geguckt, ob eventuell einer durch die Hecke gebraust ist und jetzt irgendwo in der Böschung liegt."

Werner Glass (Hermeskeil)
Der 75-jährige Hermeskeiler schob 40 Jahre lang (von 1962 bis 2002) Dienst in der Eifel. Als Streckenposten, als Sportwart, als Marshal und als Sachrichter am "Posten 48" auf der neuen GP-Strecke.
Dort erreichten Formel-1-Fahrzeuge Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h. So auch 1997, dem einzigen Jahr, in dem es auf dem Ring zwei Formel-1-Rennen gab: Den "Großen Preis von Europa" und den "Großen Preis von Luxemburg."
An seine ersten Einsätze erinnert sich der Mann, der in jungen Jahren ein erfolgreicher BMW-Pilot war, noch heute: "Wir standen mit ein paar Leuten unseres Motorsportclubs an der Hohen Acht. Einsatzfahrzeug war mein privater BMW 1600 ti. Im Kofferraum hatte ich einen 50 Kilo schweren Halon-Löscher.
Das Zeug reagierte schnell, war aber auch problematisch und galt als gefährlich." Damit sie wussten, wo die neuralgischen Punkte waren, durften die Streckenposten vorher den Kurs befahren. "Ein bisschen bekloppt waren wir schon. Wenn ich heute daran denke, dass ich meine erste schnelle Runde auf der Nordschleife mit einem 50 Kilo schweren Schaumlöscher im Kofferraum meines kleinen BMW absolvierte, wird mir heute noch schummerig."

Alfons Löwenberg (Traben-Trarbach)
Der 81-jährige Diplom-Ingenieur, ein gebürtiger Konzer, der heute in Traben-Trarbach lebt, hat seine Erinnerungen an den Ring in Wort und Bild festgehalten. Seine Broschüre "Keine Eifelfahrt ohne eine Runde über den Nürburgring" ist eine dokumentarische Liebeserklärung an die Strecke. Fotos aus dem Jahr 1956 zeigen den Ring zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Aus der Zeit des großen Juan Manuel Fangio, der mit fünf Weltmeister-Titeln lange F1-Rekordhalter war, bevor Michael Schumacher ihn ablöste.
"Ich habe bei unzähligen Besuchen auf der Nord-, aber auch auf der vielfach in Vergessenheit geratenen Südschleife Fotos gemacht. Während meiner beruflichen Tätigkeit als Versuchs-Ingenieur bin ich oft genug der Strecke mit Respekt, aber auch mit Freude gegenübergetreten", sagt Löwenberg, der als der Vater des Golf GTI in die Unternehmens-Geschichte der Wolfsburger eingegangen ist.
Michael Prosotowitz (Kenn)
Er wurde unvergesslich, als der Mann, der beim Großen Preis von Europa 2003 Weltmeister Michael Schumacher im Ferrari aus dem Kiesbett schob: "Wir hatten Dienst an Posten 21. Die Stelle, an der sich Schumacher ins Kiesbett drehte, war ungefähr 100 Meter weit weg von uns. Wir sahen, dass sich die Hinterräder noch im Kies drehten, die Schnauze des Ferraris mit den Vorderrädern ragte noch hinaus. Wir liefen so schnell wie möglich mit unseren schweren Stiefeln durch das tiefe Kiesbett da hin, was sich leichter anhört, als es getan ist. Wir schafften es aber rechtzeitig und schoben ihn noch mal auf die Strecke." Diese Hilfe der Sportwarte war übrigens keine "Lex Schumacher", sondern entsprach dem Regelbuch, weil dadurch eine Gefahrensituation bereinigt wurde." Die Reaktionen des Betroffenen und von dessen Rennstall hielten sich danach in Grenzen. Als einzigen Dank gab's ein Autogramm des Weltmeisters auf den Overall. Das war's bis heute.