Wenn alle spielen, erwacht die Vergangenheit

Wenn alle spielen, erwacht die Vergangenheit

TRIER/WITTLICH. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie zu den Proben zusammen. Was die Mitglieder der Gruppe "Tourdion" eint, ist die Liebe zu Alter Musik und alten Instrumenten, besonders aus der Renaissance und dem Mittelalter.

"Tourdion" sind ein bunt zusammen gewürfelter Haufen, Frauen und Männer, die alle eines lieben: Musik aus der Zeit vom 12. bis 17. Jahrhundert, gespielt auf originalgetreuen Nachbauten der Instrumente jener Zeit. Geprobt wird meist im Haus von Theo Isselstein in Wengerohr, der "Keimzelle" von Tourdion. Doch nicht immer spielen alle Neun mit. Je nach Anlass und Bedarf kommen auch mal Ellen Höfer und Walter Friehs ( Trier) allein, dann unter dem Namen "Duchesse de Bourgogne".Anfangs Auftritte im intimen Rahmen

"Gegründet haben wir uns 1988 anlässlich einer Geburtstagsfeier im Freundeskreis", erzählt Ellen Höfer, die bei Tourdion singt sowie die Ud und die Cister spielt. 1989 setzt sie aber als definitives Gründungsjahr an. Tourdion traten beim damals noch recht intimen Manderscheider Burgenfest auf. Zu diesem Zeitpunkt gesellte sich zu Ellen Höfer, Walter Friehs (Gesang, Flöten, Percussion) und Bernd Roth (Gesang, Akkordeon, Psalter), der heute in Düsseldorf lebt, der Arzt Theo Isselstein. Er ist etwa 20 Jahre älter als die meisten der Truppe, spielte aber Drehleier. Während der 70er Jahre war er einer der führenden Köpfe bei der deutschlandweiten Wiederbelebung der Drehleier-Musik. Zu viert fuhren sie regelmäßig zu Fortbildungen, vertieften ihr Wissen und ihre Fertigkeiten, und kauften hier und da neue Instrumente hinzu. Das ist kein einfaches und auch kein billiges Unterfangen. Walter erinnert sich an seinen ersten Baukastensatz für eine Drehleier, den er sich für einen stattlichen Betrag durch einen Ferienjob leisten konnte.1992 stieß Mechthild Dühr aus Maring-Noviand mit ihrer Altstimme zum Ensemble. Als nächstes Mitglied kam der gelernte Lautenbauer Marcus Wesche (Trier) zu Tourdion. Er hatte seine Ausbildung, die noch immer in Deutschland nicht anerkannt wird, in England absolviert. Jutta Boenisch, lange schon in der Trierer Alte-Musik-Szene unterwegs, bereichert die Gruppe durch ihren Gesang, spielt diverse Flöten, die Geige und das Krummhorn. Seit etwa einem Jahr gehören auch Claudia Demerath aus Konz und Karl Reichl aus Bad Honnef dazu, der die erste Gambe einbrachte. Grundsätzlich widmet Tourdion sich drei musikalischen Genres. In die Welt der mittelalterlichen Musik bis zum 15. Jahrhundert haben sie sich mit der Hilfe von Manfred Kaempfert vertieft. Der Germanist der Universität Bonn beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Minnesang.Unter Kaempferts Anleitung übte die Truppe die korrekte Aussprache des Mittelhochdeutschen und des Provenzalischen. Auch eine historisch getreue Instrumentalisierung gehört zum Ehrgeiz von Tourdion. Das Ergebnis der intensiven Arbeit stellte man in Gesprächskonzerten an der Uni und bei den Moselfestwochen 1998 vor. Die entsprechende CD mit ausgewählten Stücken des Neidhart von Reuental ist längst auf dem Markt: "Her Nithart hat gesungen".Des weiteren spielt die Formation Bordunmusik: Überlieferte, größtenteils bretonische Tanzmusik mit der Drehleier, die sich durch einen mitschwingenden Dauer-Grundton auszeichnet, vom Klangbild her vergleichbar mit dem eines Dudelsacks. Den dritten Pfeiler im Repertoire stellt die Renaissance-Musik dar. Anders als die meisten Stücke von Tourdion sind die in schriftlicher Form überliefert. Hier entfällt der Berg von Arbeit im Vorfeld, wenn Kaempfert mit neuen Stücken kommt. "Dann müssen wir gemeinsam erst einmal Rhythmus, Instrumentierung und das Gefüge von Solostimmen und Begleitung erarbeiten", erläutern Höfer und Dühr. Da ist Teamwork gefragt: Das Wissen des Theoretikers und das Klanggefühl der Musiker fügen dem Puzzle Teil um Teil hinzu.Mindestens 50 Instrumente umfasst der Tourdion-Fundus heute.Bloßes Hobby ist die Musik bei den Band-Mitgliedern nicht mehr. Allzu viel professionelle Arbeit und Geld stecken darin. Dennoch: Ihre Brötchen verdienen sie allerdings anderweitig. Mechthild Dühr sagt: "Wir bekommen gerade unsere Kosten raus und können uns dafür gelegentlich ein Instrument dazukaufen." Kontakt: www.tourdion.de oder unter Telefon: 0651/99 81 342.