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Wenn die Glocken hell erklingen

Von morgens um sechs Uhr bis abends um zehn Uhr läuten in Trier 188 Glocken den Rhythmus des Lebens in Dur und Moll. Spiegel der Harmonie und Dissonanz einer Jahrtausende alten Geschichte. Jetzt, so hört man läuten, sollen die schönsten "Glocken der Innenstadt" bald auf einer CD verewigt werden. Zwei Kleinode, eine Kirche





Gleich zwei Kleinode hängen in der Marktkirche St. Gangolf: die Lumpen-Glocke und der "Zündel". In der Polizeiordnung von 1463 bereits wird die Lumpenglocke erwähnt, die im Mittelalter um 21 Uhr die "Lumpen", die Zechkumpane, und die Wirte an die Sperrstunde erinnerte. Die Lumpen-Glocke, die uns heute "heim läutet", stammt von 1475.

In der allerersten Radiosendung aus Trier am 16. Juni 1930 war es diese Lumpen-Glocke, die im Frankfurter Sender aus Trier zu hören war.

Der "Zündel" ist seit 1549 die städtische Feuerglocke. Wurde der "Zündel" geschlagen, wiesen die Türmer nachts mit einer Laterne, tagsüber mit einer Fahne in Richtung des Feuers. Der letzte Türmer ging 1905.

Im Stadtkern läuten in den 16 bedeutendsten Kirchen 67 Glocken, mit immer anderen Klangfolgen - die zehn Glocken des Doms St. Peter haben allein über 50 verschiedene Geläute-Kombinationen. Dieses Bronze-Geläute von 1951 ist mit 24,34 Tonnen übrigens das größte und schwerste nach 1945 von einem deutschen Glockengießer gegossene Gesamtgeläute.

Allerdings: Wenn die Glocken hell erklingen, dann hören die Trierer meist nur sechs der zehn Dom-Glocken. Das "Plenum" - alle zehn Glocken - wird das nächste Mal erst wieder am Heiligen Abend zu hören sein - und bei der Ernennung des neuen Bischofs. Feinheiten, die nur ein Campanologe, ein Glockenkundler, wie Sebastian Schritt zu unterscheiden weiß. Er kennt jede Glocke in Trier.

Wussten Sie zum Beispiel, dass die älteste Glocke von Trier in "St. Helena" in Euren hängt? Sie wurde 1399 mit einem Gewicht von einer Tonne für die ehemalige Kirche St. Gervasius (heute Angela Merici Gymnasium) gegossen. Oder dass die größte Glocke des Bistums "Christus und Helena" (7,89 Tonnen) im Dom hängt - sie ist auch die Totenglocke, die solo nur am 18. August, dem Namenstag der Helena ertönt, oder wenn ein Mitglied des Domkapitels stirbt, ein Weihbischof, der Bischof oder der Papst. Interessant auch, dass nur noch eine einzige Kirchturm-Uhr in der Innenstadt, die von St. Paulin, Tag und Nacht alle 15 Minuten schlägt. Ohne nächtliche Ruhepause. Oder dass in der Welschnonnenkirche die Glocke noch per Hand geläutet wird - Küster Guntram Ries ist hier der "Glöckner von Trier".

Dass das vierstimmige Großgeläute von St. Martin anno 1926 gegossen wurde, macht es zu einer kostbaren Rarität, da in der Zwischenkriegszeit kaum Glocken entstanden. Ganz im Gegenteil, denn in den Jahren von 1918 bis 1945 wurden, so schätzt man, rund 150 000 Glocken in Deutschland und den besetzten Gebieten requiriert und eingeschmolzen. Missklänge der Geschichte - man brauchte Kanonen für zwei Kriege. Nach dem Willen der Nazis sollten nach dem "Endsieg" nur noch zwölf Glocken in Deutschland läuten: über dem Reichstag in Berlin.

Auch aus Trier landeten im Krieg etliche Glocken auf dem "Glockenfriedhof" in Hamburg, wo sie vor dem Einschmelzen zersprengt wurden. Man sagt übrigens, dass im Moment des Sprengens jede Glocke noch ein letztes Mal erklingt. Ihr Klagelied.

Gabi Schmidt-Zesewitz