Wie man sich bei Tisch benimmt

Wie man sich bei Tisch benimmt

Was hat sich bei den Tischmanieren geändert? Mit einem Blick zurück auf die Tischsitten und Essgebräuche unserer Vorfahren vor einigen Hundert Jahren würden wir uns heute nicht mehr zurechtfinden. Aber auch in den letzten ungefähr 50 Jahren haben sich, wenn auch nur wenige, Veränderungen ergeben.

Studiert man Aufzeichnungen über die Esskultur, Etikettebücher und Benimmregeln zum Thema Essen, fällt auf, dass immer wieder betont wird, dass es nicht nur auf die "Anmut" beim Essen ankommt, sondern ferner auf eine kunstvolle Unterhaltung. Das wird zwar heute ganz genauso gesehen, nur dürfen heute auch Kinder mitreden - selbst wenn sie nicht gefragt werden. Darüber hinaus werden heute Linkshänder toleriert. Zwar bekommen sie immer noch nicht ihr seitenverkehrt eingedecktes Gedeck und sie dürfen am Tisch sitzend auch immer noch nicht alles nach ihrem Gusto umbauen, doch Gang für Gang darf Messer und Gabel in der Hand gewechselt und dann linkshändig gegessen werden. Nicht toleriert wird hingegeben, dass etwa auf der "falschen" linken Seite das Besteck zum Beenden des Ganges abgelegt wird und die Gläser dort abgestellt werden oder dass auf der "falschen" rechten Seite der Brotteller oder der Gemüse - beziehungsweise der Salatteller deponiert oder die Serviette platziert werden. Als Messerklingen noch nicht anlaufgeschützt waren und in Verbindung mit bestimmten Säuren sofort hässlich blauschwarz anliefen und somit einerseits selbst unappetitlich aussahen, aber auch den Geschmack der Speisen beeinträchtigten, sollten Eier und Eierspeisen sowie Gemüse und Salat nicht mit dem Messer in Berührung gebracht werden. Dank dem Erfinder des Anlaufschutzes ist das heute überholt. Eier dürfen also heute sogar vorsichtig "geköpft" werden, große Salatblätter und Gemüse geschnitten werden. Erst seitdem mögen viele Menschen überhaupt Spargel essen; vorher war Spargel ein Halb-Fingergericht. Nicht gerne gesehen wird das Schneiden bei Eierspeisen, für die die Verwendung eines Messers unnötig ist, und das Schneiden von Kartoffeln. Kartoffeln sollten nach wie vor nur mit der Gabel gebrochen werden, so dass mit der porösen Fläche die Soße besser aufgenommen werden kann. Das ist bei einer glatten Schnittfläche nicht möglich, ein Gourmet würde die Kartoffel also nie schneiden. Ein Anstandshappen muss nicht mehr auf dem Teller übrig bleiben, und auch die Dekoration auf dem Teller kann gegessen werden. Solche überholten Etiketteregeln würden heute als Verschwendung angesehen werden. Papierservietten werden seit der Mülltrennung nicht mehr zerknüllt auf den Teller gelegt, sondern wie eine Stoffserviette gehandhabt, also links neben dem Gedeck abgelegt. Nicht geändert hat sich, dass ästhetische Tischmanieren nicht nur in bester Gesellschaft und beim Essen von Delikatessen notwendig sind, sondern auch für ein einfaches Essen - egal, ob man allein zu Hause am Tisch sitzt oder in großer Gesellschaft an einer festlich geschmückten Tafel.

(aus: Salka Schwarz: Renaissance der Höflichkeit, Dom Publishers, 38 Euro )

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