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Computerspiele
Wolfenstein II: The New Colossus

Das Regime auf dem Vormarsch. Was die fiese Armee von Frau Engel jedoch besonders eindrucksvoll zeigt: Solo-Helden braucht das Land. Matthias Probst

Es ist fast so als hätten sich Michael Bay und Quentin Tarantino heimlich getroffen, um den Plot für dieses Spiel zu schreiben: Es kracht an allen Ecken und Enden und ikonische, aber auch völlig durchgeknallte Charaktere positionieren sich reihenweise im Scheinwerferlicht der Story - einfach grandios. Neueinsteiger bekommen gleich zu Beginn einen Ablauf der Ereignisse aus dem Vorgänger präsentiert - samt einer harten Entscheidung, die zu treffen ist - und sollten damit direkt im Bilde sein. Nicht, dass es sonderlich schwer wäre, das Geschehen zusammenzufassen… Um es kurz zu machen: Das Regime (die Bösen!) hat die Oberhand übernommen und die USA in ihre Gewalt gebracht. Revolverheld William Joseph Blazkowicz - irgendwie erinnert er mich immer wieder an Til Schweiger - muss nun die alte Ordnung wiederherstellen. Dumm nur, wenn man ein menschliches Wrack ist, das sich selbst nicht auf den Beinen halten kann. Aber auch dafür gibt es eine Lösung …

Never change a winning team

Spielerisch hat sich im Gegensatz zu den Vorgängern (ich zähle auch da Add-On "The Old Blood" mit) kaum etwas getan - was auch gut so ist. Denn mir hat sowohl die Steuerung als auch die Spielmechanik immens gut gefallen. Der Rollenspielanteil passt sich gut dem adrenalingeladenen Ablauf an: Je nach Spielstil verbessert ihr eure verschiedenen Fähigkeiten. Ein Beispiel: Tötet ihr Gegner gerne still und heimlich, so wirkt sich das auf das Schleichen aus - je mehr unbemerkte Kills ihr vollführt, desto leiser und effektiver werdet ihr. Ballert ihr hingegen lieber mit zwei Waffen gleichzeitig, so wird diese Fähigkeit nach einer Weile besser. Insgesamt kann jede der 18 Fähigkeiten bis zu fünf Mal hochgelevelt werden - ihr werdet also einiges zu tun haben, wenn ihr alle aufs Maximum hochzüchten wollt.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist übrigens ein Uboot, auf dem die Untergrundorganisation rund um Blazkowicz ihr Hauptquartier eingerichtet haben: Von hier aus werden die Einsätze gegen Frau Engel und ihre Schergen geplant und koordiniert. Ich könnte stundenlang durch die engen Korridore dieser Behausung laufen - so wunderbar authentisch ist den Machern diese Umgebung gelungen. Dabei stoße ich zudem immer wieder auf interessante Orte und versteckte Geheimnisse. Zum Beispiel einen Spielautomaten mit einer Art Ur-Version von "Wolfenstein". Das Kommentar von Blazkowicz, wenn er eine Runde daddelt: "Boah, sieht das realistisch aus! Fast als wäre man selbst im Spiel drin!" Herrlich dieser Humor! Habt ihr genug vom Uboot, so könnt ihr die nächste Mission starten - wann ihr das tut, ist euch überlassen.

Apropos: Das Spiel überlässt euch auch fast jedes Mal die Wahl, wie ihr in den jeweiligen Missionen vorgehen wollt: Allerdings endete es bei mir nach ein paar heimlichen Tötungen fast immer in einem Blei-Inferno, bei dem es nur so krachte. Denn manche Gegner müssen einfach über den Haufen geballert werden - wir sind hier schließlich nicht bei "Deus Ex" oder "Dishonored". Aber das Schöne am Missionsdesign: "Wolfenstein II" schubst euch ab und an direkt zu neuen Taktiken, ohne dass ihr das vielleicht bewusst mitbekommt. Selbst wenn ihr gerne heimlich vorgeht, so sieht das dicke Schweißgerät, das Laser verschießt, doch nur zu verführerisch aus, um die kleine Truppe dort an der Ecke auszulöschen, oder? Wie oft habe ich mich dabei ertappt, dass ich meine eigentliche Taktik aufgrund neuer Waffen oder Situationen völlig über den Haufen geworfen habe, um einfach nur Spaß zu haben. Und das muss ein Spiel erst mal schaffen - und zwar von Anfang bis zum bombastischen Ende. Auch wenn ich gedacht habe, dass bald doch die Luft aus dem Ganzen sein müsste, hat mich "Wolfenstein II" eines Besseren belehrt - einfach grandios. Und das ohne einen Multiplayer-Modus!!

Cutscenes zum Genießen

Die Präsentation des Ganzen ist ebenfalls mal wieder eine Klasse für sich: Die Schauplätze und die einzelnen Szenen sind zwar meist immer völlig übertrieben dargestellt, doch in sich selbst äußerst stimmig. Zudem stoßen aufmerksame Spieler immer wieder auf berührende Nebengeschichten, die durch verschiedene Objekte erzählt werden. Macht echt Spaß, die Gegend zu erforschen - auch wenn die eigentlichen Sammelobjekte wie Gold, Kunstwerke oder Max‘ Spielzeug jetzt keinen hohen Nutzen mit sich bringen.

Den einzigen Kritikpunkt, wenn ich denn einen nennen müsste, wäre das Trefferfeedback: Die Waffen machen herrlich krach und es sieht beeindruckend aus, wenn die Gegner durch die Gegend fliegen, weil sie die Wucht einer Explosion umgehauen hat. Allerdings merke ich davon bei mir selbst - also bei Blazkowicz - nichts davon. Werde ich getroffen, so ticken meine Schilde und meine Gesundheit munter herunter, bis mich ein Schuss plötzlich und unerwartet aus den Latschen haut. Bei den meisten Bildschirmtoden haben ich gar nicht gemerkt, dass ich so kurz vor dem Exitus stand. Ein flimmernder Bildschirm oder ein paar Vibrationen im Controller wären da sehr hilfreich gewesen. Aber bei all dem Spaß, den ich mit dem Spiel hatte, sei dies verziehen.

Fazit

Am Ende war ich ziemlich begeistert, dass mich das Spiel so vereinnahmt hat. Ein Spiel, das ohne einen Multiplayer-Modus auskommt - klasse. Da soll noch einer behaupten, dass Single-Player-Spiele keine Zukunft haben: "Wolfenstein II The New Colossus" spuckt dieser Aussage frech ins Gesicht und stolziert darauf herum. Denn was die Entwickler des Studios "MachineGames" hier abliefern, ist ein Feuerwerk der Unterhaltung, das auch nach dem Abspann noch lange im Gedächtnis funkelt.

Erhältlich für: Xbox One, PS 4, PC
Website: wolfenstein.bethesda.net