Wolfenstein: The New Order

Wolfenstein: The New Order

Was wäre, wenn … das dritte Reich seine geheimen Pläne verwirklicht hätte? … die Nazis den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden hätten? … oder nur ein Mann sie aufhalten könnte? Schluss mit Fragen! Findet es einfach selbst heraus!

Fünf Jahre ist es her, seitdem die Nazis in "Wolfenstein" für Ärger sorgten. Nun ist es Zeit für ein weiteres Kapitel: Der amerikanische Soldat B.J. Blazkowicz hat es erneut in der Hand, diese fiese Übermacht zu stoppen - in einem explosivem Shooter.

Lang ist's her

Wenn ich mich an die etlichen Vorberichte zurückerinnere, die im Vorfeld zur Veröffentlichung der Next-Gen-Konsolen in Bezug auf "Wolfenstein: The New Order" aufgetaucht sind, war ich zwiegespalten, was das Endresultat anbelangt: Ist es nun DER Shooter für die neuen Konsolen oder eben nur ein Null-Acht-Fünfzehn-Titel, der bald wieder vergessen sein wird? Nach meinem Besuch hinter den Kulissen bei Bethesda auf der Gamescom 2013 wurden jedoch alle Zweifel weggewischt: Dieser Titel überzeugt mit dem Charme der alten Schule.

Bevor ich mich aber nun in irgendwelchen Lobeshymnen verliere, sollte ich eines vorweg erwähnen: Im Grunde bietet "Wolfenstein: The New Order" nichts wirklich Neues - keine außergewöhnlichen Waffen (bis auf eine Ausnahme), keine sonderlich innovativen Levels, ja noch nicht einmal eine besonders gewitzte Story. Und dennoch hatte ich viel Spaß beim Testen. Warum? Weil die Mischung an Spielelementen stimmig ist und der Titel den Unterhaltungsfaktor eines sehr gelungenen, trashigen B-Movies hat. Klingt merkwürdig? Ich werde es erklären.

Mitten hinein

Das Spiel hält sich nicht lange mit ewigen Erklärungen auf: Gleich zu Beginn wird der Spieler direkt in einen Flugzeugkampf verwickelt, der die Marschroute für die nächsten 15 bis 20 Stunden angeben wird - eine Menge Holz also. In der Rolle des bereits erwähntem Soldat B.J. Blazkowicz versucht ihr, die Nazis, Entschuldigung, "Das Regime" aufzuhalten. Wenig verwunderlich, dass die deutsche Version den Bezug auf reale Personen oder Gruppierungen zensiert hat.

Schnell wird klar, dass die Geschichtsschreibung einen leicht anderen Verlauf angenommen hat: Das Regime verfügt über mächtige, technische Fortschritte, denen die alliierten Kräfte nichts entgegenzusetzen haben - da kann auch ein B.J. Blazkowicz nicht viel dran ändern … Vorerst zumindest nicht. Doch erlebt die Story, die sich in etwa so ernst nimmt wie der Film "Iron Sky", einfach selbst.

Entdecke die Möglichkeiten

Neben der ansehnlichen Grafikpracht, die gerade bei den explosiven Auseinandersetzungen schöne Effekte auf den Bildschirm zaubert, sind es die kleinen Dinge, die den Spaßfaktor nach oben treiben. So habt ihr fast immer die Chance, euch zu entscheiden, wie ihr vorangehen möchtet: Lieber auf die klassische Rambo-Tour mit zwei Knarren gleichzeitig in der Hand oder doch im Geheimen, mit einem Messer meuchelnd. Bis auf einige Ausnahmen überlässt euch das Spiel die Wahl - ein Punkt, der den Wiederspielwert begünstigt. Doch an Shooter- und Actionveteranen, die lieber den direkten Weg bevorzugen, sei gesagt, dass die Schleichpassagen prima ins Spiel integriert wurden und wenig Raum für Frustmomente lassen. Hut ab vor den Entwicklern.

Hinzu kommen kleine Boni bzw. Perks, die euch für verschiedene Spielweisen belohnen: Ihr schaltet mehrere Gegner leise aus? Dann dürft ihr ab sofort auch das Messer mal durch die Gegend werfen und müsst nicht bis auf fünf Zentimeter heranschleichen. Ihr ballert lieber mit zwei Waffen gleichzeitig und zerlegt alles in Einzelteile? Warum dann nicht als Belohnung ein größeres Magazin oder höhere Schadenswerte?! Und in diesem Stil geht es munter weiter, was eben auch dazu anregt, sich von gewohnten Spielprinzipien zu entfernen und Neues auszuprobieren.

Zwei Seiten der Medaille

Wer die Vorgänger kennt, sollte bereits mit dem morbiden Humor Bekanntschaft geschlossen haben. Aber auch wenn das Spiel eher als eine Parodie zu sehen ist, sorgen einige Momente für ein äußerst unwohles und mulmiges Gefühl, das einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Ich erinnere nur an die Krankenhausszene, ohne zu viel zu verraten … In dieser Hinsicht hätten sich die Macher für eine Richtung entscheiden sollen: Purer Trash oder bissige Sozialkritik? So bleibt es eine Mischung aus beidem, die für die eben genannten Gefühle sorgt.

Apropos Entscheiden: Ja, auch "Wolfenstein: The New Order" bittet den Spieler um die ein oder andere harte Entscheidung, die sich sogar minimal auf den Rest der Story auswirkt. Gleich zum Ende der ersten Mission - sorry für diesen Mini-Spoiler - müsst ihr euch entscheiden, welchen eurer Freunde ihr retten wollt. Je nachdem, welche Wahl ihr getroffen habt, trefft ihr im späteren Verlauf eben auf andere Akteure - Stichwort: Wiederspielwert.

Die alte Schule

Eine Sache, die ich für sehr erfrischend halte, weil sie so Old-School ist - irgendwie paradox -, ist das Regenerationssystem beziehungsweise dessen Fehlen. Richtig gelesen: Wenn euer Spieler schwer verwundet ist, dann bleibt er das auch bis ihr ein Medi-Paket gefunden habt. Lediglich bis auf 20 Lebenpünktchen regeneriert sich eurer Recke wieder hoch, wenn ihr länger nicht getroffen werdet. Daher solltet ihr stets die Augen aufhalten, wo ihr Rüstung und Beute finden könnt. Fast hätte ich vergessen, wie gut es sich anfühlen kann, alle Ecken eines Levels nach Items abzusuchen. Schön, dass diese Mechanik auch heute noch funktioniert.

Noch mehr in die Vergangenheit geht es, wenn ihr in einem der Level auf ein besonderes Easter-Egg stoßt: Dann dürft ihr sogar das Ur-Wolfenstein noch einmal anspielen - auf eurem großen TV-Gerät. Wenn das mal kein Fan-Service ist, der sich sehen lassen kann. Vielen Dank dafür an die Entwickler!

Dennoch muss ich an dieser Stelle eine Frage stellen: Warum um Himmels willen muss die Installation des Spiel so gigantisch ausfallen? Allein auf der Xbox One musste ich über 45 (!) Gigabyte freischaufeln … Das geht doch auch anders, oder? Aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Fazit

Am Ende bleibt also die Erkenntnis, dass "Wolfenstein: The New Order" vielleicht nicht das Genre neu erfindet, aber seine Stärken gekonnt ausspielt. Wer mal wieder einen brachialen Shooter mit ordentlichem Waffenfeedback zocken möchte, sollte keine Sekunde zögern. Auch Heimlichtuer kommen bei diesem Titel voll auf ihre Kosten und können erleben, was passiert wäre, wenn … ach das hatten wir ja bereits. Ich für meinen Teil kann diesen Titel jedem Actionfan wärmstens empfehlen, wenn ihr auf eine gute Spielmechanik gepaart mit einem derben Humor steht. Damit ergattert sich das Spiel bereits jetzt bei mir einen Platz in der Liste der Top 10 für dieses Jahr. Hut ab!

Genre: First-Person-Shooter
Für: PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360, PC // Entwickler: MaschineGames // Publisher: Bethesda
Spieler: 1 // Online: ja // USK: ab 18 Jahren
Internet: www.wolfenstein.com/

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