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aus unserem Archiv vom 18. Januar 2013
Autor: Peter Reinhart Kommentare: Kommentare zeigen Drucken

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Jörg Busch schickt per E-Mail einen Kurzkommentar: Neue Rechtschreibung beim TV? Beigefügt ein Ausschnitt der Seite zwei vom 15. Januar, versehen mit dem handschriftlichen Vermerk "Ha Ha" sowie eingekringelt das Wort "kuckt" in der Überschrift "Berliner Grüne kuckt bei Julia Klöckner ab". Lieber Herr Busch, vielen Dank für den Hinweis.
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Es stimmt, der Volksfreund gibt - wie jede andere Publikation - ab und zu Anlass, sich über Rechtschreibfehler zu ärgern. Im vorliegenden Fall ist die Kritik allerdings nur teilweise berechtigt. In unserer Gegend, wie generell im Süden Deutschlands, sagt man gemeinhin "gucken", im Norden eher "kucken". Beides ist richtig, aber umgangssprachlich und hat in der sogenannten Hochsprache nichts verloren. Eigentlich. Forscher beobachten, dass sich der Wortschatz so rasant verändert wie selten zuvor. Das hat mit der Globalisierung zu tun und mit der Welt, in der wir leben - einer Medienwelt. Jeder Deutsche konsumiert im Schnitt jeden Tag zehn Stunden Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen, Bücher, Computerspiele. Pausenlos ploppen neue Ausdrücke auf, bahnen sich einen Weg in die Köpfe der Menschen und in die Alltagssprache; sie stammen, zum Beispiel, aus Szene-Jargons, dem Kiez-Sprech oder der Popkultur und artikulieren sich oft als denglisches Gemeng. Nicht so auffällig, doch ebenfalls auf dem Vormarsch: Mundart. Ebbes von hei. Nun ist des Verb "gucken" (oder "kucken") keine Neuschöpfung. Im Gegenteil. Aber es begegnet uns ständig. Nicht zuletzt, weil mehr oder minder begnadete Kulturschaffende es zuhauf in Filmen, Shows, Musikstücken unterbringen: Thomas Gottschalk als Synchronstimme von "Mikey" in "Kuck mal, wer da spricht!" (der Streifen läuft in Österreich unter dem Titel "Schau mal, wer da spricht!"), der Ethno-Comedian Kaya Yanar ("Was guckst du?!" - hundertzwanzigteilige Serie auf einem Privatsender) oder der Deutsch-Rapper Kollegah ("Bitch, sag mir bitte - was kuckst du? Seh den Boden an, Bitch - was kuckst du? Kid, was kuckst du? Bitch, was kuckst du? Was, was, was, was kuckst du?"). Gugg amol der Guggugg guggt ende Gugg! (Schau mal, der Kuckuck schaut in die Tüte!). Der Dialekt-Zungenbrecher aus dem Schwäbisch-Alemannischen erzählt von der Lautverschiebung: Vom "g" zum "k" ist\'s nicht weit. Das bestätigt ein Blick ins Grimm\'sche Wörterbuch, aus dem wir lernen: Die Altvorderen warfen "gucken" und "kucken" und "kücken" und "kuken" munter durcheinander. "Das mag der rechte trachenkopf heiszen, der zum hindern des bapstesels heraus kuckt", notiert Martin Luther. "Da kamen vettern, kuckten tanten!", heißt es bei Goethe. Auch der "Kuckuck" mit seinem charakteristischen Ruf mischt mit, ebenso die Sitte, beim Versteckspielen "kuk kuk" zu rufen. Tja, und ganz früher war "gucken" ein Schimpfwort. Der Universalgelehrte Hugo von Trimberg zählt es vor siebenhundert Jahren in einer Reihe auf mit "metten, liegen, nase rimpfen, spotten, gucken, valsches schimpfen, itewîzen, fluochen, smehen, valsches rûnen, dieplich spehen". Wird der Streit um die Orthografie in unseren Tagen womöglich völlig überbewertet? Der Dichterfürst Goethe meinte jedenfalls: "Mir [...] war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man ihnen damit sagen wollte." Herzliche Grüße! Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur E-Mail: forum@volksfreund.de Die Kolumnen im Internet: http://forum.blog.volksfreund.de



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