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Das andere Gesicht des Kriegs

(Dudelange) Schwere Schuhe, Stahlhelm, ein großer Soldat an der einen, ein kleiner an der anderen Seite, die Kamera lässig um den Hals gehängt. So präsentiert sich die amerikanische Kriegsfotografin Lee Miller auf dem einzigen Bild der Ausstellung Correspondance d’un No Man’s Land (frei übersetzt: Briefe aus dem Niemandsland) im luxemburgischen Dudelange, auf dem sie selbst zu sehen ist.
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„Me with tallest and smallest GI – ich mit dem größten und dem kleinsten Soldaten“ ist das Foto untertitelt, das so gar nichts vom Schrecken des Zweiten Weltkriegs preisgibt. Und damit schon fast stellvertretend für alle ihre Bilder aus Luxemburg ist.

Es war nicht Millers Aufgabe, die grausamen Seiten dieser Zeit zu zeigen, die das Leben und Werk der Amerikanerin stark geprägt hat. Leichen, Gräueltaten oder Leidende entdecken die Betrachter auf ihren Fotos nur selten. Stattdessen hatte die junge Fotografin von der Zeitschrift Vogue den Auftrag erhalten, das Land und seine Leute so zu fotografieren, dass die amerikanischen und britischen Leser sich mit den Menschen identifizieren können. Denn die Vogue galt damals als Propaganda-Instrument. Ihre Bestimmung: zeigen, dass der Einsatz der Soldaten wichtig ist. Dass diese Mission geglückt ist, zeigt die Sammlung, die noch bis zum 2. Oktober im Centre national de l’audiovisuel (CNA) zu sehen ist.

Auf den ersten Blick erscheint sie wenig aufsehenerregend, die Zusammenstellung von etwa 100 Fotografien der 1907 geborenen Lee Miller. Entstanden sind sie zwischen September und November 1944 in Luxemburg. In einer Zeit, in der das Großherzogtum sich in einer Umbruchphase befand. Das Land wurde kurz zuvor befreit, die Amerikaner waren noch nicht abgezogen. Der große Schrecken des Krieges und die Zerstörung sollten mit der Ardennen-Offensive der Deutschen aber erst noch kommen. Doch für die eindringlichen Fotos braucht es keine pompöse Halle mit viel Schnickschnack, keine großflächigen Abzüge. Auch die kleinen quadratischen Bilder füllen den Raum, ziehen den Betrachter in den Bann. Die Abbilder von Nonnen, Kindern, Kühen, Häuserzeilen bringen das vergessene Luxemburg zurück, das „No Man’s Land“.

„Die Fotos sind wichtig für Luxemburgs Erbe“, sagt Mylene Carrière vom CNA. Denn Lee Miller sei eine von wenigen Fotoreportern gewesen, die während des Zweiten Weltkriegs überhaupt das Großherzogtum besuchten. „Sie fotografierte zwar aus der Sicht der US-Armee, zeigte aber auch das ländliche Leben zu dieser Zeit“, fügt Carrière hinzu. Die Kriegsberichterstatterin erzählt mit ihren Bildern vor allem die Geschichten, die sich abseits der großen Schlachten abgespielt haben. Sie nimmt den Betrachter mit in die luxemburgischen Dörfer und Städte.

Rauch steigt über der Stadt Echternach auf, die sich am Horizont zeigt. Nur ein paar Meter weiter ist die Distanz überwunden, die Besucher sind mitten drin im Dorfleben. Die Kühe werden über die Straße getrieben. Ein müdes Schaf lässt sich in einem Bollerwagen durch die Straßen ziehen. Zwei kleine Jungen freuen sich über ein paar Packungen Corned Beef, die sie gerade eingetauscht haben. Sie strahlen in die Kamera. Und immer wieder lachen Soldaten in Millers Objektiv – während sie Nonnen helfen oder ältere Damen begrüßen. Generell prägen viele lachende Gesichter Lee Millers Luxemburg. Genauso ruhig und unaufgeregt begleitet Miller aber auch die Flüchtlinge, die ihre Wagen packen, ihre Kinder auf den Arm nehmen und die Städte an der Frontlinie verlassen.

Es sind ungewöhnliche Bilder des Krieges. Es sind aber auch ungewohnte Bilder einer Fotografin, die mit Portraits und Modefotos sowie als Model bekannt wurde. Doch im Jahr 1942 wollte Miller nicht mehr nur passiver Beobachter des Zweiten Weltkriegs sein. Sie bewarb sich um eine Kriegskorrespondenten-Stelle und begleitete ab 1944 die Amerikaner auf ihrem Weg von der Normandie über Belgien, Luxemburg, Deutschland bis nach Ungarn und Rumänien. Damit war sie eine der wenigen Frauen, die als Fotografin die Krisengebiete besuchte.

Der rege Austausch, den sie während dieser Zeit mit ihrem Arbeitgeber führte, spiegelt sich auch in Dudelange wider. Denn kommentiert werden die ausgestellten Bilder von Lee Miller selbst. Die Erklärungen stammen aus ihren Korrespondenzen mit der Vogue. In knappen Worten beschreibt sie, was zu sehen ist. „OP again“ (Wieder der Operationssaal) oder „very nasty looking“ (schlimm aussehend) ist in Englisch und Französisch unter den Fotos von Operationen und desolaten Landschaftsaufnahmen zu lesen.

Wem die stillen Einblicke nicht reichen, der kann sich die Zeit nehmen und eine Dokumentation über Lee Miller anschauen. Etwa 63 Minuten dauert der Film. Gedreht hat ihn Millers Sohn Anthony Penrose. So erhält der Besucher einen weiteren Einblick in das Leben dieser ungewöhnlichen Fotografin, die nicht nur den Krieg in Bildern festhielt, sondern selbst gerne in schweren Stiefeln, Helm und Uniform für die Kamera posierte.

Extra
Lee Miller wurde am 23. April 1907 in Poughkeepsie im Bundesstaat New York geboren. Als junge Frau studiert sie in New York und Paris. Nebenbei arbeitet sie als Model und schmückt unter anderem das Titelbild der Vogue. Mit 22 Jahren macht sie in Paris Bekanntschaft mit dem Fotografen Man Ray. Von ihm lernt Miller das Fotografieren. Zeitweise ist sie auch seine Geliebte. 1930 eröffnet sie ein Fotostudio in Paris und ist bei einigen Ausstellungen dabei. Doch ihre Liebschaft mit Man Ray hält nicht lange. Während eines Aufenthalts in London begegnet sie dem ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloy Bey, den sie 1934 heiratet und dem sie nach Ägypten folgt. Doch auch ihre Ehe geht in die Brüche, als sie den britischen Surrealisten Roland Penrose trifft. Er wird 1947 ihr zweiter Ehemann und Vater ihres Sohnes Anthony. Fotografisch führt sie ihr Leben in die unterschiedlichsten Richtungen: Vor ihrem Engagement als Kriegsberichterstatterin verdient sie ihr Geld als Mode- und Porträtfotografin. Ab 1944 ist sie in Frankreich, Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien als Fotoreporterin aus den Kriegsgebieten unterwegs. Nach ihrer Rückkehr übernimmt sie immer weniger Fotografie-Aufträge. Sie verfällt dem Alkohol und in Depressionen. Es heißt, sie habe die Bilder des Krieges nicht verarbeiten können. Am 27. Juli 1977 stirbt Lee Miller im Alter von 70 Jahren an Krebs.hsc

Service
Anschrift: Centre national de l’audiovisuel (CNA), 1B rue de Centenaire, L-3475 Dudelange, Luxemburg Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist immer Dienstag bis Sonntag von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Sie läuft noch bis zum 2. Oktober. Der Eintritt ist frei.

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