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Bundesweite Ausschreibung hin oder her: SPD-Ortsverband nominiert Kandidatin für die Bundestagswahl

(Bitburg) Kein Weg ist der SPD im Eifelkreis zu weit, um geeignete Kandidaten für die Bundestagswahl zu finden. Mit seiner öffentlicher Stellenausschreibung hat der Kreisverband bundesweit Aufsehen erreicht. Davon ungeachtet präsentiert der SPD-Ortsverein Bitburg nun ebenfalls eine Kandidatin: Stadtratsmitglied Irene Weber. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

01.11.2016
Deutschlandweit für Schlagzeilen hatte die ungewöhnliche Aktion der Bitburg-Prümer SPD gesorgt, die sich mit einer Stellenanzeige auf die Suche nach einem Bundestagskandidaten gemacht hatte. Denn mit einem Inserat auf Kandidatensuche zu gehen, wie es Nico Steinbach (MdL), Vorsitzender des Kreisverbands, praktiziert hat, das hatte die Republik so noch nicht gesehen.
Drei Monate hatten Interessenten Zeit, ihre Online-Bewerbung einzureichen. 118 Interessenten aus ganz Deutschland haben sich gemeldet. In zwei Wochen möchte Steinbach zwei oder drei Favoriten, die sich im Bewerbungsverfahren qualifiziert haben, der Öffentlichkeit präsentieren. 

Doch wen diese Ausschreibung zu der Annahme verleitet hat, in der Eifel würde sich ansonsten kein Genosse finden, der Interesse an einem Bundestagsmandat hat, liegt falsch. Der Ortsverein Bitburg hat dessen ungeachtet nun auf ganz altmodische und traditionelle Weise einen Kandidaten für die Wahlkreiskonferenz nominiert. Die Bitburger Genossen schicken Stadtratsmitglied Irene Weber ins Rennen. 
Die 50-jährige Diplom-Psychologin ist seit 26 Jahren Parteimitglied. Wen die SPD jedoch letztlich für den Bundestagswahlkreis 203, der neben dem Eifelkreis Bitburg-Prüm und dem Vulkaneifelkreis auch Teile des Kreises Bernkastel-Wittlichs umfasst, nominieren wird, das ist noch nicht entschieden. Denn darüber stimmen die Genossen erst auf ihrer Wahlkreiskonferenz am 25. November ab. Ganz nebenbei gesagt: Die SPD hat den Wahlkreis, der stets von einem Direktkandidaten der CDU gewonnen wurde, bislang noch nie für sich entschieden. Doch seit der Landtagswahl ist politisch in der Eifel wohl nichts mehr unmöglich. Am 13. März holte SPD-Mann Steinbach das Direktmandat und brachte der CDU im Eifelkreis ihre erste große Niederlage bei.
Irene Weber würde das Gleiche gerne eine Liga höher, bei der Bundestagswahl im Herbst 2017, erreichen. „Es wird nicht leicht. Man muss darum kämpfen und es wird viel Engagement fordern, was ich bereit bin zu bieten“, sagt Weber. 

Auch die SPD aus der Vulkaneifel, dem Kreis Bernkastel-Wittlich und eventuell weitere Ortsvereine werden bei der Wahlkreiskonferenz am 25. November ihre Favoriten präsentieren. Bislang sind die aber noch nicht bekannt.
 Nach dem Motto „Doppelt hält besser“ hatte sich Weber auch auf die Ausschreibung ihres Kreisverbands beworben. Deshalb ist es möglich, dass sie nicht nur als Favoritin ihres Ortsvereins nominiert wird. Steinbach wollte dazu aber noch nichts verraten: „Ich werde allerdings nicht mehr als drei Favoriten benennen.“ 

Bewerber kritisiert Steinbach

Doch neben den zehn Bewerbern, die in die engere Wahl gekommen sind, haben bei der Ausschreibung des Kreisverbands bereits 108 Bewerber eine Absage erhalten. Damit möchten sich jedoch nicht alle aussortierten Bewerber abfinden – insbesondere ein enttäuschter Genosse aus dem Kreis Bad Kreuznach nicht. „Wenn ich gewusst hätte, dass der Bitburger Ortsverein einen Kandidaten nominiert, hätte ich mich nicht beworben“, sagt Karl-Heinz Krummeck. „Ich dachte, es sei Not am Mann. Die SPD in der Eifel bräuchte ernsthaft Hilfe.“ Doch Krummeck ist nicht nur enttäuscht, weil er im Bewerbungsverfahren ausgeschieden ist.

Krummeck: „Das Ausschreibungsverfahren dient doch nur der Selbstdarstellung von Herrn Steinbach, der wie Dieter Bohlen bei der Castingshow ‚Deutschland sucht den Superstar’ im Gegensatz zu den vorgeführten Kandidaten von der medialen Aufmerksamkeit am meisten profitiert.“ Krummeck hat wegen des – nach seiner Sicht der Dinge – „unfairen Auswahlverfahrens“ zudem das SPD-Schiedsgericht um Hilfe angerufen. Steinbach lässt die Kritik an seinem Ausschreibungsverfahren kalt: „Mit der öffentlichen Ausschreibung wollten wir nur innovativ sein und möglichst viele Menschen ansprechen, die für uns interessant sind.“ 
Dass die Ausschreibung bundesweit solch eine Aufmerksamkeit erreiche, davon sei er selbst überrascht worden. Steinbach: „Das war nicht beabsichtigt. Deshalb haben wir jetzt die Qual der Wahl.“
 

Kommentar von Christian Moeris
Unkonventionell, aber nicht unfair

Keine Frage: Dem SPD-Kreisverband ist mit der Online-Stellenausschreibung ein riesiger PR-Coup gelungen. Man darf aber davon ausgehen, dass der mediale Erfolg dieser Aktion eher geglückt als geplant war. Denn es kommt nicht oft vor, dass sich die Arbeit der Kreisverbände in der Berichterstattung überregionaler Medien niederschlägt. Unfair ist daher nur, wenn ein vielleicht in seinem Stolz verletzter Bewerber, der wie 107 weitere Interessenten eine Absage erhalten hat, dem Kreisverband wegen des Erfolgs dieser Aktion ein „unfaires Auswahlverfahren“ vorwirft. 
c.moeris@volksfreund.de