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Hinter jedem Mausklick verbirgt sich (eine) Geschichte aus Lampaden

(Lampaden) Die Gruppe Lampadia sammelt seit 15 Jahren alte Fotos zum Leben in Lampaden. Jetzt startet sie eine Internetseite mit Videos, in denen sich Dorfbewohner an früher erinnern.

10.10.2017
Von Christa Weber
Erika Lambert (83) lebt seit 1962 in Lampaden. Ihre Erinnerungen an Erlebnisse im Dorf sind auf alten Fotos festgehalten, über die sie noch viele Details berichten kann. Von den Fastnachtsfeiern im Gasthaus Minn. Oder vom Auftritt der Frauengemeinschaft, bei dem sie als Waschfrau mit Haube und Schürze auf der Bühne stand. „Wir hatten einen Eimer voll Bowle mitgenommen und uns ein bisschen Mut angetrunken“, erinnert sie sich und lacht. 
Die Familie von Kaspar Hennen, 1935 in Lampaden geboren, lebte in vierter Generation im Dorf. Sein Elternhaus steht noch in der Schulstraße. Er erinnert sich noch gut an die vielen Pferdegespanne im Ort, mit denen die Lampadener Bauern Getreide und Kartoffeln von den Feldern transportierten.

Es sind Erzählungen wie diese, die das Team von Lampadia faszinieren. Seit 2003 sammelt die Gruppe ehrenamtlich historische Aufnahmen zum Dorfleben und alte Familienfotos. Bislang wurde alles einmal jährlich öffentlich auf einer Leinwand präsentiert. Seit dieser Woche ist die Internetseite www.lampadia.de online. Das Besondere daran: Die Lampadia-Mitglieder haben ältere Dorfbewohner besucht und deren Erzählungen zu den alten Fotos mit der Kamera aufgezeichnet. Die Startansicht der Internetseite bildet ein Luftbild des Orts von 1969. Fährt man mit der Maus über die abgebildeten Häuser, verbirgt sich hinter fast jedem ein Video mit dem Bericht eines aktuellen oder früheren Bewohners. Der Fokus liegt auf Ereignissen zwischen 1900 und 1960. 

Die Idee zum Projekt stammt von Bernd Hermesdorf. Der ehemalige Jugendpfleger der Verbandsgemeinde Hermeskeil wollte 2003 die Lampadener Jugend für die Geschichte ihres Dorfs begeistern. „Die Älteren freut es sehr, wenn sich junge Leute für ihre Erlebnisse interessieren“, sagt Hermesdorf. Seit ihrer Gründung habe sich Gruppe mehrfach „verjüngt“. Derzeit gebe es fünf weitere Aktive: Florian Lorenz, Fabian Minn, Timo Huwer sowie die Neuzugänge Esther Marx und Lea Grimbach (beide 17 Jahre alt). Andreas Herbster hat die Internetseite erstellt. 
„Ich bin im Geschichte-Leistungskurs, mich interessiert die Vergangenheit meines Heimatorts“, sagt Esther Marx.

Beeindruckt habe sie, „wie unglaublich dörflich es hier vor nicht so langer Zeit noch aussah“. Fast alle Ortsbewohner hätten von der Landwirtschaft gelebt. Fotos von diesem Alltagsleben gebe es leider nur wenige, bedauert Hermesdorf. Eindrücke davon lieferten aber die Erzählungen der Zeitzeugen. „Die Entbehrungen, mit denen die Leute im Vergleich zu heute leben mussten – das ist schon krass.“ Eine Frau, die Lampaden als 20-Jährige verließ, habe sich an fast jedes Detail von damals erinnert. „Sie ist mit Speck und Eiern zur Apotheke gegangen, um sie gegen Medizin für die kranken Eltern zu tauschen.“

Seit 2009 besitzt das Team eine professionelle Kamera, finanziert über öffentliche Fördermittel. Für den Aufbau der Seite gab es einen 3000-Euro-Zuschuss von der Kreisstiftung Zukunft Trier-Saarburg. Die Dorfbewohner seien zu „100 Prozent“ bereit gewesen, ihnen das historische Material zu überlassen, sagt Hermesdorf. „Dass sie sich filmen lassen, war schwieriger.“ Viele seien jedoch dankbar für die Filme, auch die Familien. „Leider sind von den Interviewten schon einige gestorben. Für die Angehörigen ist es schön, wenn wir ihnen die DVDs als Erinnerung übergeben.“

70 Zeitzeugen wurden interviewt, von 45 fertigen Filme sind derzeit 25 auf der Seite abrufbar. Nach und nach sollen Themenkomplexe ergänzt werden: Fastnacht, Auswanderer, der Lampadener Dialekt und der Zweite Weltkrieg, ein Schwerpunkt-Thema von Florian Lorenz. Als Zehnjähriger habe er 1995 die Feiern zu 50 Jahren Kriegsende erlebt, sagt er. „Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch hier in Lampaden Krieg war.“ Seit einigen Jahren arbeitet das Team mit zwei niederländischen Archäologiestudenten zusammen, die in Lampaden gegraben haben und das Kriegsgeschehen rund um den Ort dokumentieren. 2015 gab es eine Ausstellung im Bürgerhaus mit Grabungsgegenständen, Originaldokumenten und Videos zum historischen Geschehen. „Heute haben wir die technischen Mittel, diese Dinge zu konservieren und weiterzugeben“, sagt Lorenz. 

Die neue Seite sei zwar vor allem spannend für die Lampadener, sagt Hermesdorf. „Sie könnte aber beispielgebend sein für andere Orte, die so was anpacken wollen.“ 
Die Internetseite finden Sie hier: www.lampadia.de

Kommentar
Toller Einsatz für die gesamte Dorfgemeinschaft

Es ist beachtlich, was die Mitglieder von Lampadia in den vergangenen 15 Jahren so alles an historischen Zeugnissen vom Leben in ihrem Dorf zusammengetragen haben. Dafür haben sie viel Zeit und Arbeit investiert. Für die Zeitzeugenberichte auf der neuen Internetseite mussten unzählige Stunden an Filmmaterial gesichtet und bearbeitet werden. Aber die Mühe hat sich gelohnt – nicht nur für alle direkt Beteiligten. Die Lampadia-Mitglieder und die interviewten Dorfbewohner haben eine Art mediales Gedächtnis für die gesamt Dorfgemeinschaft geschaffen, auf das nun jeder zugreifen kann. Wenn die Seite komplett fertig ist, wird es neben den lockeren Erzählungen zu alten Fotos noch viele weitere Inhalte geben. Auch spätere Generationen werden daran sicher ihre Freude haben. 
c.weber@volksfreund.de