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Aus drei mach' (Bühne) eins

Anstatt sich in Bibliotheken und Vorlesungssäle zu verkriechen, morden sie. Lieben sie. Spielen sie. Und zwar Theater - am Theater selbst.

17.05.2010
Von unserer Reporterin Ursula Quickert
Trier. Er liebt sie, gesteht es und stirbt. Denn sie will seine Liebe nicht. "Nimm' zurück, was du gesagt hast!" Innig fixiert er den Blick der zerbrechlich wirkenden Frau. "Das wird nichts ändern." Sie zieht eine Pistole aus ihrer Hosentasche. Schießt.
 
Der junge Mann und die Frau stehen inmitten eines Karrees von Stühlen. Holzkisten und leere Flaschen liegen auf dem Boden. Requisiten. Die Darsteller sind angehende Germanisten, Politikwissenschaftler, Juristen - keine professionellen Schauspieler und doch auf dem Terrain der Profis: im Proberaum 1 des Theaters Trier. "Bühne 1" heißt das Projekt, das auf einer Kooperation von Universität und Theater fußt und Studenten die Chance gibt, mit Hilfe von Experten ein Stück aufzuführen.
 
"Die Zeit steht still. Die Sonne hängt im Himmel fest." Ein Liebespaar geht aufeinander zu. Frisch verliebt. Sie sprechen im fast perfekten Gleichklang. "Licht!" Die nächste Szene beginnt. Eine Darstellerin stolpert. "Mensch, dieses blöde Kabel!"
 
Die Studenten proben seit Januar, mittlerweile viermal pro Woche, das Stück "Auf der Greifswalder Straße" von Roland Schimmelpfennig. Es wirft die Fragen auf, was Zeit, was Glück und was Realität ist. Fragmente unterschiedlicher Lebensgeschichten werden, im schnellen Wechsel erzählt, miteinander verwoben. Geschichten von Menschen, die lieben, die verzweifelt sind, einsam oder süchtig.
 
Der Mann sitzt auf einem Thron, mit geneigtem Blick. Er steht auf, läuft umher, gesteht sich die "triumphale Rückkehr der Droge" ein und umgreift die leere Flasche. "Text?" Dramaturg Olivier Garofalo blättert in seinem Skript und hilft.
 
Es ist bereits der zweite Durchlauf des Projekts "Bühne 1". Schon im vorigen Jahr gab es diese Kooperation von Theater und Uni, die Studenten einen Einblick in professionelle Produktionen gibt. Sprechtraining, professionelles Equipment, all' das gehört dazu. Sechs Studenten vom 2009er-Ensemble sind auch jetzt wieder dabei. 15 sind es insgesamt, darunter auch Studenten - und eine Sekretärin - von der Fachhochschule.
 
Sie steht still. Nur ihre Arme bewegen sich mechanisch vor und zurück. Dann bricht es aus ihr heraus, sie verliert die Kontrolle über ihren Körper, gestikuliert wild, singt.
 
"Das Theater lässt uns bei der Inszenierung weitgehend freie Hand", erzählt Bettina Stiller-Weishaupt. Sie ist die Regisseurin und selbst noch Studentin. Auch für sie ist die Arbeit mit Anfängern eine Herausforderung: "Man muss einfühlsam sein und selbst viele Vorschläge machen. Aber es ist toll zu sehen, wie jemand, der am Anfang noch zurückhaltend war, nun seine Rolle richtig ausfüllt."
 
Eine der drei Frauen singt, zwei schnipsen im Takt. Jazz, mit deutschem Text. Eine akustische Gitarre begleitet den Gesang.
 
Lieder ersetzen in dieser Inszenierung einige der Monologe Schimmelpfennigs - selbst geschrieben, selbst komponiert. Auch das Bühnenbild wird zu einem Experimentierfeld: vier Projektionsflächen, auf denen Filmsequenzen laufen, die auf die Interaktion der Darsteller reagieren. Bühnenbildner Casper Bauer studiert an der Fachhochschule. Ihr gestalterisches Potenzial soll künftig noch stärker genutzt werden. Kommunikations-, Licht- und Modedesigner, sie alle kommen mit ins Boot.
 
"Danke!" Der erste Durchlauf ist geschafft. Einige gähnen, greifen müde zur Wasserflasche. "Insgesamt bin ich begeistert", sagt Garofalo und geht seine Notizen durch. Lauter sprechen, das Publikum anblicken, penibel auf die Requisiten achten: Die Studenten können hier viel lernen. Doch der Dramaturg besteht darauf: "Das Projekt ist keine Talentschmiede." Es gehe nicht darum, Theaternachwuchs heranzuziehen. Und die meisten der Studenten wollten das Hobby Schauspiel auch gar nicht zu ihrem Beruf machen. Vielmehr ist es in Stiller-Weishaupts Augen das Hauptziel "zu zeigen, dass Studenten kreativ sein können".
 
"Es ist schön, hier zu proben und näher an der professionellen Arbeit, auch der Maske und Technik, zu sein", erzählt Diana Bercht, die zum zweiten Mal dabei ist. Für die 21-jährige Sofia Kosel ist es die Premiere. "Bis in die Nacht zu proben, das ist anstrengend - aber es macht Spaß! Vor allem, wenn man das Gefühl hat, dass es sich lohnt."
 
Und die Erwartungen der Studenten haben sich erfüllt, schließt Michael Gubenko (25): "Ich habe gehofft, dass es so wird, wie es ist."
 

 

 

 
Die Premiere beginnt am Donnerstag, 20. Mai, um 20 Uhr im Studio des Theaters Trier. Weitere Vorführungen am 21. Mai sowie 7., 15., 22. und 23. Juni, jeweils ab 20 Uhr.