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Kampf den Fachidioten!

Kultur, das war einst Freiheit für Kopf und Seele. Horizonterweiterung durch Spielen und Ausprobieren. Heute ist es nur noch ein Schlachtfeld für Ökonomen, die die Gesetze der Betriebswirtschaftslehre auf den Kulturbetrieb anwenden wollen. Höchste Zeit, dem Irrsinn Einhalt zu gebieten.
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Es gab in der Bundesrepublik mal etwas, das sich "soziale Marktwirtschaft" nannte. Der Begriff wurde meist missverstanden. Es ging nämlich nicht darum, die Marktwirtschaft besonders sozial zu gestalten. Vielmehr war es so, dass die arbeitende Bevölkerung die Wahl hatte: Die eine Hälfte ging in die freie Wirtschaft und erfuhr dort die Gesetze des Kapitalismus - im schlimmsten Fall Bankrott oder Kündigung. Die andere Hälfte ergriff einen Beruf, der im weitesten Sinne "sozial" war. Das mochte im Krankenhaus sein, bei der Kirche, auf dem Amt, bei der Polizei, im Museum oder beim Theater.
Auf diese Weise konnte es passieren, dass Millionen von Deutschen ihr Leben lang nicht mit der kapitalistischen Arbeitswelt in Berührung kamen. Man schaute befremdet nach Amerika, wo "Heuern und Feuern" die Regel war, und begriff nicht, dass man selber auf einer Insel der Seligen lebte.

Siesta war gestern


Dieses betuliche Eiland versinkt seit einigen Jahren peu à peu im Meer. Längst haben auch in kulturellen und sozialen Einrichtungen die Effizienzer und Controller Einzug gehalten. Siesta war gestern; selbst in Behörden ist die Zahl der Kaffeepausen rapide zurückgegangen.
Nun ist gegen mehr Leistung ja eigentlich nichts einzuwenden. Bloß folgt Kreativität anderen Gesetzen. All das, was unter Produktivitätsfanatikern verpönt ist - Ziellosigkeit, Abschweifungen, zweckfreies Ausprobieren -, dient hier einem guten Ergebnis. Die besten Ideen sind Zufallsprodukte.
Ein solcher Gedanke muss einem Unternehmensberater, dessen engstirniges Denken sich um betriebswirtschaftliche Kennzahlen dreht, natürlich ketzerisch vorkommen. Er wird nicht begreifen, dass "Leistung" sich nicht immer in Zahlen ausdrücken lässt, sondern manchmal nicht mehr ist als ein Gedankenanstoß. Man sieht einen Film, hört ein Lied, liest ein Buch, betrachtet ein Theaterstück und hat plötzlich eine neue Sicht aufs Leben.
Daher sind öffentlich geförderte Initiativen, Einrichtungen und Orte wie Proberäume für Bands, Kulturfabriken, Kunstakademien, Musikschulen sowie freie und kommunale Theater auch kein Sahnehäubchen fürs vergreisende Bildungsbürgertum, sondern eine Notwendigkeit.

Schutzräume für Kreative


Die Gesellschaft - das sind wir - braucht Reservate der Kreativität. Schutzräume, in denen sich Menschen einfach mal austoben können, ohne dass gleich ein Unternehmensberater mit Taschenrechner anrückt und fragt: "Ist das wirtschaftlich?"
Wirtschaftlich? Nein. Aber es zahlt sich dennoch aus. Weil Kultur den Blick aufs Wesentliche öffnet, auf die Grundwahrheiten des Lebens - und das sind nicht Effizienz und Produktivität. Oder um es mit den Worten des Schauspielers Matthew Broderick zu sagen: "Das Leben geht ziemlich schnell vorbei. Wenn du nicht ab und zu stehen bleibst und dich umsiehst, könntest du es verpassen."


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