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Auch im hohen Alter adrett und beliebt: Bernkasteler Spitzhäuschen wird 600 Jahre alt

(Bernkastel-Kues) Zwölf Meter lang aber nur zwei Meter breit: Das sind die Maße des meistfotografierten Hauses in Bernkastel-Kues. Das Spitzhäuschen dient heute als Weinlokal. In früheren Zeiten haben es aber auch Großfamilien bewohnt. Gebaut wurde es zu der Zeit als Nikolaus Cusanus lebte.

04.01.2016
Es ist das älteste und meistfotografierte Haus der Region. Das Spitzhäuschen am Bernkasteler Marktplatz feiert bald seinen 600.Geburtstag. 1416 wurde es erbaut. Vorwitzig schaut es aus seinem Winkel, bescheiden versteckt es sich hinter den stolzen prächtigen Fachwerkhäusern. Doch die Besucher der Stadt haben es längst zu ihrem Schmuckstück erkoren. Denn trotz seines hohen Alters ist das kleine Haus der Star, wenn es um ein beliebtes Fotomotiv geht. Fast jeder hat schon von dem Gebäude am Eingang zur Karlstraße gehört. Bei Führungen kommt oft die Frage: Und wann kommen wir ans kleinste Haus?

Peter und Claudia Schmitz begrüßen in ihrer Weinstube auf zwei Etagen internationales Publikum. Mehr als 50 Riesling- und Rotweine aus eigenem Anbau bietet die Weinkarte. Ob das Häuschen deswegen etwas schief steht? Dem Betrachter fällt es sofort auf durch seine außergewöhnliche Bauart, denn es strebt auf engstem Raum nach oben bis zum spitzen Dachgiebel, was ihm auch seinen Namen „Spitzhäuschen“ verdankt.

Der Grund für diese Bauform mit geringer Grundfläche und vorragenden Etagen war einerseits die Steuer, die man nur für die bebaute Fläche zahlen musste. Anderseits durfte nicht weiter in die schmale Gasse gebaut werden, um den Ochsenwagen genügend Platz zu lassen. In der Chronik von Bernkastel beschreibt Heimatforscher Franz Schmitt dieses „Schmuckstück des Rathauswinkels“ (Extra). Das Haus hat oft seine Besitzer gewechselt. Es diente vor 1910 Schneidermeister Matthias Billen als Atelier, später begaben sich die Bürger bei Barbier Theodor Esslinger unters Rasiermesser, ließen sich Haarschnitt oder neue Frisur verpassen. 1970 kauften Robert und Christel Schmitz-Herges das Haus. Seitdem bietet eine gemütliche Weinstube rund 55 Gästen Platz. Es ist eng, aber urgemütlich. Mit Sohn Peter hat die nächste Generation die Weinstube übernommen. Mit seiner Ehefrau bewirtet er die Gäste.

Gerne plaudert er aus seinem Anekdoten-Schatzkästchen. So hatte Ende der 1920er Jahre ein Junggeselle aus Monzelfeld das Haus gekauft und als Wochenendbleibe genutzt. „So war er direkt vor Ort und konnte von hier aus zu seinen regelmäßigen Kneipentouren durch Alt-Bernkastel losziehen“, verrät Schmitz. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war Bernkastel als Urlaubsort bei ausländischen Gästen beliebt. Ende der 1940er bis Anfang der 1960er Jahre wohnten hier zwei Tanten des Bernkastel-Kuesers „Beerschte Rickes“. „Während der Saison zogen die beiden Frauen auf den Speicher und vermieteten die unteren Räume als Fremdenzimmer“, weiß Schmitz.

Klein, aber gemütlich: Platz bot das Haus auch einer Großfamilie. Schmitz: „In den 1980er Jahren besuchte oft ein älterer Herr unsere Weinstube und berichtete, dass er 1901 in diesem kleinen Haus geboren sei und mit Eltern, beider Großeltern und sieben Geschwistern hier gewohnt habe.“ Fast hätte das Spitzhäuschen sogar eine weite Reise nach Texas angetreten. Ein Farmer wollte Ende der 1980er Jahre das moselländische Kleinod kaufen, abbauen und nach Hause transportieren lassen. Dort sollte es vor der Ranch des Farmers als schmucker, auffälliger „Briefkasten“ dienen. Vielleicht wäre es dann auch in Texas zum meistfotografierten Objekt geworden.

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