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Das Wahlprogramm der CDU heißt Merkel (Fotos/Video)

(Trier) Die Bundeskanzlerin spricht in Trier vor 4000 Zuschauern. Vereinzelt stören Pfiffe die 30-minütige Rede. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

15.09.2017
Bernd Wientjes
Schunkeln für die Kanzlerin. Als die Band Victory Seventeen, die mit Angela Merkel derzeit auf ihren Wahlkampfauftritten durch Deutschland tourt, den Klassiker Que sera von Doris Day spielt, bewegen sich die über 2000, die auf dem Vorplatz des Trierer Wahrzeichens auf die Bundeskanzlerin warten, im Takt. Weitere 2000 stehen auf der Straße vor dem Platz bis in die Fußgängerzone hinein. Bereits kurz nach 16 Uhr wird kein weiterer Zuschauer mehr direkt auf den bestuhlten Platz gelassen. 

Manche tragen Strohhüte, die mit einer Deutschlandfahne umrundet sind. Viele halten Plakate hoch. „Voll muttiviert“ steht auf einigen, ein Wortspiel: Merkel ist die Mutti der Nation. Auch Alfred Karges aus Irsch an der Saar hält ein Plakat hoch: ein großes I, ein rotes Herz und zwei gelbe Hände, die eine Raute machen. Die Merkel-Raute. „Ich liebe Merkel“, soll das wohl bedeuten. Karges ist „im Großen und Ganzen“ mit dem was die Kanzlerin macht, zufrieden. Nur mit der Entscheidung vor zwei Jahren, Tausende von Flüchtlingen über Österreich einreisen zu lassen, da hatte er zunächst seine Probleme. Merkel wird zwei Stunden später in ihrer Rede die Entscheidung als ein Akt der Humanität bezeichnen. Ein Akt, der sich in der Form aber nicht mehr wiederholen werde und dürfe, sagt sie und betont aber auch, dass es nicht sein dürfe, dass Tausende von Flüchtlingen ihr Leben riskieren müssten, um vor Hunger und Elend zu fliehen. Man müsse den Menschen vor Ort helfen. 

Von echten Merkel-Kritikern gibt es an diesem früherbstlichen Freitagnachmittag in Trier auch ein paar. Sie haben sich an der Seite oberhalb des Porta-Nigra-Platzes versammelt. Einige halten Wahlplakate der AfD hoch. Die Partei hatte ihre Mitglieder dazu aufgerufen, der Kanzlerin einen „angemessenen Empfang“ zu bieten. Johannes Becker aus Morscheid (Trier-Saarburg) macht aus seiner Kritik an Merkel kein Hehl. Er trägt zusammen mit einem anderen Mann ein großes Transparent. „Merkel handelt kriminell. Merkel muß weg“ steht in falscher Rechtschreibung drauf. Vier Jahre Merkel seien genug, es müsse was Neues her, sagt Becker. Weder bei Rente noch bei Asylanten habe die Kanzlerin was gebracht, ärgert er sich. „Wir brauchen eine andere Politik“, sagt er und betont, er sei nicht in der AfD, um noch hinzufügen: „Was nicht ist, kann ja noch werden.“ 

Später, als Merkel um kurz nach 17 Uhr zu reden beginnt, kommen aus der Richtung, wo Becker und die Zuhörer mit den AfD-Plakaten immer wieder lautstarke Pfiffe. So heftig und lautstark wie bei anderen Wahlkampfauftritten etwa in Ostdeutschland ist der Protest in Trier aber nicht. 

Einer, der mit Merkel und ihrer Politik und auch mit der großen Koalition zufrieden ist, ist Franz Peter Basten. Der 73-jährige Trierer ist Honorarkonsul für Luxemburg und war unter anderem bis 1998 vier Jahre lange für die CDU im Bundestag. Er wünscht sich, dass Union und SPD weiter regieren. „Das wäre die beste Lösung“, sagt der Jurist. 
Es ist kurz nach 17 Uhr. Die Band spielt „100 Prozent“ von Helene Fischer. Das dürfte auch für die erfolgsverwöhnte Kanzlerin auch am 24. September weiter Wunschdenken bleiben. Dann bahnt sie sich den Weg quer über den Platz zu der Bühne vor der Porta. Immer wieder schüttelt sie Hände, gibt zwei Jungs ein Autogramm. Mit dabei sind die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner, den Spitzenkandidaten aus der Region, Andreas Steier, Peter Bleser und Patrick Schnieder und dem scheidenden Trierer Bundestagsabgeordneten Bernhard Kaster folgt der Kanzlerin durch die Menge. Merkel ist zuvor auf dem US-Flugplatz Spangdahlem in der Eifel gelandet und dann mit dem Auto nach Trier gebracht worden. Bevor sie auf die Bühne geht, begrüßt sie das regionale CDU-Urgestein, den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Peter Rauen aus Salmrohr (Bernkastel-Wittlich). 

Anders wie bei früheren Wahlkampfauftritten in der Region, hält Merkel ihre Rede nicht frei, sondern liest ab. Ihre Botschaft ist klar: Wenn Sie mich wählen, wird es Ihnen in den nächsten vier Jahren weiter gut gehen. Das Wahlprogramm der CDU heißt Merkel, das wird in der 33-minütigen Rede deutlich. „Keine Experimente“, sagt sie am Schluss. Zuvor spricht sie über den digitalen Fortschritt, der zunehmend das Leben und Arbeiten bestimme („Als ich vor über zehn Jahren Kanzlerin wurde, hatte noch niemand ein Smartphone.“), den Dieselskandal („Wir machen alles, damit die Autoindustrie wieder gutmacht, was sie an Vertrauen verspielt hat.“), nennt Pfleger die „Helden der Gegenwart“ und sagt Islamismus, Terrorismus und Hass den Kampf an. Merkel spricht sich für ein starkes Europa aus und für besser ausgestattete und moderne Schulen und verspricht Steuererleichterungen. 

Als Merkel kurz vor 18 durch die Porta Nigra zum Auto geht, das sie zu ihrem nächsten Auftritt im saarländischen Dillingen bringt, spiel die Band einen weiteren Song von Helene Fischer: „Du bist ein Phänomen“. Vielleicht denken das einige der 4000 Zuschauer auch von der Kanzlerin.