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Letzte Station - der Sessel im Altenheim

(Trier) Pflegeheime werden für viele Menschen zur letzten Station. Leben, lachen, leiden und sterben liegen dort ganz nah beieinander. Unsere Redakteurin hat einen Vormittag mit Bewohnern und Pflegern des Trierer Mutter-Rosa-Altenzentrums verbracht.
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"Ich habe meinen eigenen Sessel, meine eigene Brille und meine eigene Schnüss im Kopp", sagt Annelie Basten lächelnd, während ihre blauen Augen frech funkeln. Ihr gemusterter Sessel steht an einer strategisch günstigen Stelle des nach Kaffee riechenden mit gelbem Linoleum ausgelegten Gangs: zwischen Büro, Küche und Esszimmer. Von hier aus bekommt die 89-Jährige alles mit, was in ihrem Wohnbereich des Trierer Mutter-Rosa-Altenzentrums passiert.
 
Zukunft der Pflege - Pflege der Zukunft
 
Schon seit vier Jahren lebt sie im Heim. Und sitzt dort täglich neben ihrem kleinen Privat-Tischchen, auf dem Bilder stehen, die sie mit ihrem Mann zeigen. Lange ist's her. "Wie alt bin ich? Fast 90? So eine alte Krücke", sagt sie zur Wohnbereichsleiterin und lacht. Die Seniorin ist mit ihrem Leben zufrieden. Sie scheint sich wohlzufühlen. Bei der "Chefin", die sie kurz darauf herzlich drückt und inmitten all der Geräusche, Gerüche und Szenen, die Außenstehende zumindest befremden würden. Vielleicht auch erschrecken. Künden sie doch davon, was passiert, wenn Menschen alt und hilfsbedürftig werden. Wenn der Körper nicht mehr mitmacht. Schlimmer noch: wenn das Denkvermögen schwindet, das Gedächtnis versagt, die Sprache versiegt. Von Bastens 27 Mitbewohnern ist der größte Teil stark dement. Sie selbst vergisst zwar auch manchmal etwas, ist aber noch rege.
 
Links von ihr sitzt eine hagere, alte Frau, die alle nur Pia* nennen. Denn ihren Nachnamen kennt sie nicht mehr. Schon seit einer Stunde ist sie mit einem Erdbeermarmeladenbrot beschäftigt, das sie in kleine Stücke zerreißt, in Joghurt tunkt, ableckt, kaut. Den Kopf geneigt, gestikuliert sie immer mal wieder mit ihren faltigen, joghurtverschmierten Händen und erzählt über ihren Vater oder ruft ein Fräulein, das es nicht gibt. Stattdessen kommt ein Pfleger vorbei, fragt, ob es ihr schmeckt, streicht ihr über den Rücken, reicht ihr eine Schnabeltasse oder hilft mit dem Brot.
 
Rechts von Annelie Basten weitet sich der gelbe Flur zu einem Esszimmer. Ein Dutzend Bewohner ist dort nach dem Frühstück einfach sitzen geblieben. Meist schweigend. Den Tisch betrachtend. Oder die eigenen Hände. In eine andere Welt versunken. Nur eine der Frauen gibt regelmäßig sehr laute Töne von sich. Mal klingen sie wie das Meckern einer Ziege, mal wie das Pfeifen eines Vogels, mal wie Schreie. Wer sie länger kennt weiß: Dies sind die Reste von Marienliedern, die die Frau immer sang, als sie das noch konnte. Nun sind diese Laute alles, was ihr an Sprache geblieben ist. Und jedes Mal, wenn das Meckern und Pfeifen ertönt, sagt ein Mann entnervt: "Oh Maria!", ehe sich wieder Stille über die grauhaarige Gesellschaft legt, die auf den Beginn der Sitzgymnastik wartet. Auf den Gottesdienst. Den hausinternen Weihnachtsmarkt. Oder auch auf nichts.
 
Es ist schon nach 9 Uhr. Die vier Pfleger haben einen anstrengenden Teil ihrer Arbeit schon hinter sich: Zwischen 6 und 8 Uhr hat jeder sechs oder sieben Bewohner gewaschen, angekleidet, zur Toilette begleitet, Blutdruck gemessen, Verbände gewechselt oder Medikamente verabreicht. Und all das auch minutiös dokumentiert. Denn: Ein Toilettengang, der nicht dokumentiert ist, wird auch nicht gezählt, wenn es darum geht, die Pflegestufe festzulegen. Und die entscheidet darüber, wie viel Personal bereitsteht.
 
Zu wenig Zeit für Bewohner
 
Die Pfleger würden sich weniger Dokumentation wünschen und mehr Zeit für die Bewohner. Denn die ist - auch, wenn das Heim im Vergleich gut mit Personal ausgestattet zu sein scheint - immer knapp. Obwohl sie diesen Mangel selbst beklagen, finden sie es traurig, dass oft so negativ über ihren Beruf berichtet wird.
Bis 9 Uhr haben sie das Frühstück aufgetischt, beim Essen geholfen, Streit geschlichtet, übers Wetter geredet, Scherze gemacht, mit Ärzten und Angehörigen gesprochen, einen neuen Rollstuhl in Empfang genommen, einem wütenden Demenzkranken erklärt, dass der "Fremde" in seinem Zweibettzimmer der Mitbewohner ist, den Tisch wieder abgeräumt und viele Hände gehalten.
 
Zum Beispiel die von Frau Rosenberg*, die immer wieder am Sessel von Annelie Basten vorbeiläuft. Dann plötzlich stehen bleibt. Unsicher lächelnd. Mit diesem erstaunten Gesichtsausdruck. Als müsste was passieren. Nur was? Bis dann eine Pflegerin sie in den Arm nimmt und fragt: "Was sollen wir machen?" und sie "heim" sagt und damit meint, dass sie ins Bett will. Obwohl sie doch gerade erst aufgestanden ist.
 
Der Beruf ist belastend, körperlich wie psychisch. Schließlich ist auch der Tod regelmäßig zu Gast. Im Schnitt sind die Bewohner drei bis vier Jahre da, ehe sie sterben. Die Pfleger entwickeln ihre Strategien, mit der Trauer umzugehen. An jenen Tag, an dem Annelie Bastens Sessel einmal leer bleibt, denken sie lieber nicht.
 
Der Beruf ist "happig", wie die "Chefin" sagt und dabei nicht gerade gut bezahlt. Dennoch haben sie und ihre zum Teil noch sehr jungen Kollegen sich bewusst dafür entschieden. Eine gelernte Krankenschwester, weil sie - anders als im Krankenhaus - zu den Bewohnern richtige Beziehungen aufbauen kann. "Jedes Mal, wenn ich eine Sterbebegleitung mache für jemanden, der sonst niemanden hat, weiß ich, warum ich hier bin", sagt Anja, die "Chefin", die schon seit 16 Jahren dabei ist. "Wir sind wie Familie", sagt eine Dritte. Sie alle könnten in Luxemburg das Doppelte verdienen. Aber Geld sei nicht alles. In Trier gebe es schließlich auch alte Menschen, die Hilfe brauchen.
 
"Wie gut, dass es Euch gibt". Solch ein Satz mache vieles wett. Ähnlich Nettes sagt Annelie Basten an diesem Vormittag mehrfach, bevor auch sie in ihrem grau gemusterten Sessel in tiefes Schweigen versinkt. In Gedanken vielleicht irgendwo bei jenem Leben, das sie einst außerhalb des Heims geführt hat.
* Name geändert
 
 
 
 
 
 

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