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Erst sah er Videos über Vergewaltigungen, dann tötete er

Fall Laura-Marie: Computerexperte sagt im Mordprozess am Landgericht aus - Psychiater: Trotz Alkohol wusste Angeklagter, was er tut

(Trier) Noch am Tag, an dem der 25-jährige Angeklagte Laura-Marie tötete, sah er sich online ein Video über eine Vergewaltigung an. Der psychologische Sachverständige hält ihn für schuldfähig. Daran ändert auch der erhebliche Alkoholkonsum in der Tatnacht nichts.

15.01.2016
Katharina de Mos und Florian Schlecht
Trier. Die Mutter von Laura-Marie verzichtet auf das dramatische Video, das über einen kleinen Bildschirm im Gerichtssaal flimmert. Sie faltet ihre Hände auf den Knien und verharrt zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Ganz in Schwarz. Der Angeklagte, der gestanden hat, ihre Tochter mit vier Messerstichen getötet zu haben, sitzt ihr still gegenüber. Beide hören nur die Laute des Fernsehbeitrags, den sich Staatsanwalt, Richter, Anwälte, Gutachter und der Vater des toten Mädchens ansehen. Es ist eine ZDF-Sendung über eine bulgarische Studentin, die vergewaltigt und ermordet wurde.
Das Video soll der Trierer Angeklagte im Internet angeklickt haben. Wenige Wochen vor dem Tod von Laura-Marie. Weil ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, eine Vergewaltigung des Mädchens geplant zu haben, hat ein Computer-Experte den Rechner des 25-Jährigen untersucht.
 

Fußball, Volksmusik und Gewalt



Viele DIN-A4-Seiten liegen dem Gericht vor, mit Sucheinträgen, Links und besuchten Adressen. Darunter sind ganz alltägliche Dinge. Wie ein Video vom Regionalligaspiel von Eintracht Trier gegen den 1. FC Saarbrücken. Witze vom Colonia-Duett, das früher beim Kölner Karneval die Jecken aufheiterte. Das Fest der Volksmusik. Videos, die zeigen, wie eine französische Mädchenfußball-Mannschaft auf der Karibikinsel Martinique badet. Aber auch eine Internet-Suche mit den Worten "grausamer Sex, gewaltsam, perfect girls". Und Folgen von "Aktenzeichen XY… ungelöst", in denen es um Frauen geht, die gefesselt und vergewaltigt wurden. Eine davon soll er sich auch am 13. März 2015 angesehen haben - am Tag der Tat. Was für ein Mensch macht so etwas?
Eine Frage, auf die Richter und Zuschauer im Trierer Landgericht am Freitag Antworten erhalten. Denn der psychologische Sachverständige Wolfgang Retz, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Uniklinik Mainz, schildert seine Sicht auf den Angeklagten.
Er hält ihn für schuldfähig. Zwar habe der 25-Jährige am Tag der Tat viel Alkohol getrunken. Retz schätzt, dass er zum Tatzeitpunkt gegen 23.30 Uhr noch 1,18 Promille Alkohol im Blut hatte. Allerdings sei nicht davon auszugehen, dass die "Steuerungsfähigkeit" dadurch ausfiel. Zeugen hatten berichtet, dass der Trierer angeheitert, jedoch nicht völlig betrunken wirkte. Daher glaubt Retz auch nicht an die Geschichte vom Gedächtnisverlust, die der Angeklagte ihm zunächst auftischte.
Die intellektuellen Fähigkeiten des jungen Mannes hält der Experte für begrenzt. Bei einem IQ von 89 könne man jedoch nicht von einer Intelligenzminderung oder gar von Schwachsinnigkeit sprechen. Obwohl der Angeklagte psychologisch auffällig ist - er neigt zu impulsivem, aggressivem Verhalten und hat mehrfach Mädchen angegriffen - liegen keine schweren psychischen Erkrankungen vor. In einem psychiatrischen Krankenhaus muss der Mann laut Retz daher nicht untergebracht werden.
Aber wie sieht die Prognose aus? Besteht Hoffnung auf Besserung oder muss der Angeklagte in Sicherungsverwahrung? Dem Psychiater zufolge ist die Ausgangslage wegen der schwierigen Persönlichkeit des Trierers, seines wenig differenzierten Denkens und seiner Alkoholprobleme ungünstig.
 

Sexuell abnormal?


Allerdings habe eine mehrjährige Therapie gezeigt, dass der Maler sich ändern kann: 2012 wirkte er so stabil, dass sein Arzt sämtliche Psychopharmaka absetzte. "Man kann nicht davon ausgehen, dass es sich um eine in der Persönlichkeit verankerte Neigung zur Kriminalität handelt", sagt Retz.
Auch eine "sexuelle Abnormität" sei nicht festzustellen. Eine Aussage, die Rechtsanwalt Otmar Schaffarczyk, der die Eltern des getöteten Mädchens vertritt, erstaunt. Schließlich habe sich der 25-Jährige mehrfach Videos über Vergewaltigungen angesehen. Auch am Tag, an dem er Laura-Marie tötete.
Extra
War es Mord oder Totschlag? Das mit Spannung erwartete Urteil im Prozess um den gewaltsamen Tod der 16-jährigen Trierer Schülerin Laura-Marie soll am 1. Februar gefällt werden. Die Plädoyers sind am 27. Januar ab 14 Uhr zu hören. Der 25-jährige Angeklagte hat gestanden, die Schülerin auf einem unbeleuchteten Weg in Trier-Nord getötet und ihre Leiche anschließend verbrannt zu haben. Während er sagt, dies sei im Streit geschehen, wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor, das Mädchen ermordet zu haben, um zu vertuschen, dass er die 16-Jährige vergewaltigen wollte. Mos

 

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