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"Kein zusätzliches Center für Trier"

TV-Interview mit Stadtplaner und Universitätsdozent Christian Muschwitz

(Trier) Über ein mögliches Einkaufscenter-Wettrüsten in der Region, die Folgen eines Exklusivvertrags mit dem Investor ECE für Grundstücksbesitzer und die Notwendigkeit eines regionalen Einzelhandelskonzepts hat TV-Redakteurin Christiane Wolff mit Uni-Dozent Christian Muschwitz gesprochen. Als Stadtplaner hat er in den 1990ern die Ansiedlung eines ECE-Centers in Hamm begleitet. Dossier zum Thema: ECE

21.06.2013
Christiane Wolff
Herr Muschwitz, warum geben so viele Kunden ihr Geld in Trier aus? Die Einzelhandelszentralität - der Messwert dafür, wie viel Geld aus der Region in den Trierer Einzelhandel fließt - liegt mit 200 weit über den Werten vergleichbarer Städte.
Dr. Christian Muschwitz: Das liegt zum einen an den fünf Millionen Touristen, die jedes Jahr Trier besuchen und hier ihr Geld ausgeben. Zum anderen ist das Oberzentrum Trier von mehreren Mittelzentren wie Bitburg, Wittlich und Konz umgeben, von denen aus der Weg zu einer anderen größeren Einkaufsstadt relativ weit ist. Und dann natürlich die Luxemburger, die gern und viel in Trier einkaufen.

Trotzdem ist die Geldmenge, die die Kunden im Trierer Einzelhandel ausgeben, in den vergangenen Jahren um zehn Prozent gesunken. Die Einzelhandelszentralität sank von 232 auf 200. Wieso das?

Muschwitz: Bei einem Indexwert von 100 halten sich Kaufkraftabfluss und -zufluss die Waage, München etwa hat gerade einmal einen Wert von 116, Düsseldorf bringt es auf 122. Da kann man nicht erwarten, dass sich eine Zentralitätsziffer von 232 dauerhaft halten oder sogar steigern lässt. Wenn Trier daher von 232 auf 200 sinkt, dann ist dieser Wert immer noch gigantisch - wer darüber jammert, tut dies auf hohem Niveau.

Könnten denn ein oder zwei neue Einkaufscenter diesen Abwärtstrend stoppen und noch mehr Kunden nach Trier locken?

Muschwitz: Ich fürchte, es könnte eher umgekehrt kommen. Die hohe Trierer Einzelhandelszentralität ist ja jetzt schon eine Provokation für die Mittelzentren und auch für das Großherzogtum Luxemburg. Wenn Trier sich anschickt, noch mehr Kaufkraft aus der Region abzuschöpfen, dann könnte es sein, dass die umliegenden Städte sich diese Kunden durch die Ansiedlung eigener Einkaufscenter zurückholen wollen. In Bitburg steht das erste Einkaufscenter ja bereits kurz vor der Umsetzung. Und auch das Großherzogtum Luxemburg plant eine extreme Ausweitung seiner Einzelhandelsflächen. Dieses "Aufrüsten" im Umland ist absehbar - zumindest solange sich die Großregion nicht ein gemeinsames Konzept dazu überlegt, von dem alle profitieren.

Sie haben als Stadtplaner mitgearbeitet an einem überregionalen Einzelhandelskonzept für das östliche Ruhrgebiet. Wäre so etwas auch für den Großraum Trier sinnvoll?

Muschwitz: Ich habe eine solche regionale Zusammenarbeit schon vor dem Bau der Trier-Galerie empfohlen. Sicher wäre das schwierig, es müssten schließlich nicht nur deutsche Kommunen miteinander reden, sondern auch über die Grenze hinaus nach Luxemburg verhandelt werden. Doch auf Dauer wird es nicht anders gehen, will man ein gegenseitiges Aufrüsten mit Einzelhandelsflächen, bei dem am Ende alle verlieren könnten, verhindern.

ECE würde ja am liebsten zwei Center bauen: einmal im Bereich der jetzigen Europahalle im Süden der City, einmal auf dem Areal von Kaufhof und Karstadt am nördlichen Ende der Fußgängerzone. Dazwischen sollen dann die Kundenströme fließen und die ganze City beleben. Glauben Sie daran?

Muschwitz: Generell glaube ich nicht, dass der Trierer Einzelhandel die Ausweitung der Verkaufsfläche um 15 000 bis 20 000 Quadratmeter vertragen würde - wie es beim Bau eines neuen Shoppingcenters im Bereich Europahalle der Fall wäre. Würde dagegen Kaufhof und Karstadt durch ein neues Einkaufscenter ersetzt, dann wäre das ja keine direkte Ausweitung der Verkaufsfläche, sondern lediglich eine Umwandlung und städtebauliche Erneuerung. Kaufhof, Karstadt und auch die Treviris-Passage haben ihre Schwächen - da könnte das Quartier durchaus eine qualitätsvolle, gut durchdachte Renovierung vertragen.

Sie haben in der Stadt Hamm in Westfalen, auch als Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die Planung und den Betrieb eines ECE-Centers miterlebt. Wie ticken die ECEler denn eigentlich?

Muschwitz: Wenn man als Stadt auf der Suche ist nach einem Investor für ein Einkaufscenter, dann ist man mit der ECE mit Sicherheit gut bedient. Es wird dort sehr professionell gearbeitet, die ECE ist definitiv der Branchenprimus.

Und wie lief in Hamm die Zusammenarbeit zwischen ECE und Stadtverwaltung?

Muschwitz: Die Zusammenarbeit war gut und reibungslos - weil Stadt und Investor sich in ihren strategischen Zielen einig waren. Was passiert, wenn eine Verwaltung und die ECE sich nicht einig sind, weiß ich nicht. Bekannt ist allerdings, dass die ECE sehr zielstrebig vorgehen kann, wenn sie nicht das bekommt, was sie will.

Wie müsste ein Center - zum Beispiel auf dem Areal Kaufhof/Karstadt in der Simeonstraße - denn gestaltet sein?

Muschwitz: Architektonisch und städtebaulich müsste man sich an der Höhe der in der Simeonstraße gegenüberliegenden Gebäude orientieren. Außerdem ist natürlich Sensibilität gegenüber den historischen Bauten Dreikönigenhaus und Porta Nigra gefragt. Die Größe des Centers sollte die jetzige Verkaufsfläche von Karstadt und Kaufhof nicht übersteigen. Wird auch die bis jetzt nicht für den Einzelhandel genutzte Fläche der Sparkasse mit neu geplant, wäre so viel Platz, dass in dem Komplex neben den Geschäften auch Büros und Wohnungen untergebracht werden können - eine solche vielfältige Nutzung würde dem Quartier guttun.

Nun ist ECE aber ja eher für monolithische Klötze mit wenigen Ausgängen bekannt, damit der Kunde möglichst lange im Center gehalten wird.

Muschwitz: Definitiv müsste es in der Simeonstraße möglichst wenig Barrieren zwischen Center und Fußgängerzone geben, zum Beispiel durch eine Reihe von Ein- und Ausgängen in die Mall. Alles andere würde keinen Sinn machen und auch den Charakter der Fußgängerzone zerstören. Man könnte das Ganze auch so gestalten, dass der Eindruck von mehreren Einzelgeschäften nebeneinander mit je eigenen Zugängen entsteht. Auch eine Passage - also eine breite, offene Gasse, die das Center in mehrere Gebäude teilt - wäre denkbar.

Was halten Sie denn von den Plänen der Stadtverwaltung, mit dem Investor ECE einen Exklusivvertrag abzuschließen?

Muschwitz: Die Planungshoheit hat in jedem Fall die Kommune - also die Verwaltung und die politischen Gremien, die versuchen müssen, ganz unabhängig von einem Privaten das beste Entwicklungskonzept für ihre Stadt aufzustellen. Entwicklungsvereinbarungen mit einem speziellen Investor über die Umsetzung eines bestimmten Konzepts halte ich nur für sinnvoll, wenn dieser private Vertragspartner schon im Besitz des fraglichen Grundstücks ist. Ansonsten wird es mit einer solchen Exklusivvereinbarung ganz, ganz schwierig: Schließlich gibt es an den fraglichen Stellen in der Stadt viele private Grundstückseigentümer. Bei einem Exklusivvertrag mit der ECE hätten diese ja gar keine andere Chance, als nur mit der ECE zu verhandeln. Wo blieben denn da die freie Preisverhandlung und der freie Markt? Zu einem so frühen Zeitpunkt, wo die Grundstücksfragen noch gar nicht geklärt sind, über einen Exklusivvertrag nachzudenken, wie die Trierer Stadtspitze es offenbar tut - ist äußerst ungewöhnlich und davon habe ich auch noch in keinem anderen Fall gehört.

Was müsste die Stadt denn tun, um Trier eine goldene Zukunft als Einkaufsstadt zu sichern?

Muschwitz: Die Stadt wäre sicherlich auch von ganz alleine auf die Idee gekommen, sich um die Zukunft der City und der besagten, in die Jahre gekommenen Liegenschaften, Gedanken zu machen. Die Eile, die jetzt an den Tag gelegt wird, nur weil ein Privater angeklopft hat, verstehe ich allerdings nicht. Schließlich ist Trier für Investoren attraktiv, da kann die Stadt ruhig ein bisschen mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Die Angst, dass der Fisch - im aktuellen Fall die ECE - von der Angel springen könnte, kann ich nicht nachvollziehen.

Wenn Trier so ein attraktives Pflaster ist für Investoren, kann dann die Stadt nicht auch selbstbewusst verlangen, dass wer in Trier so große Geschäfte machen will, der Stadt dafür im Gegenzug ein neues Theater oder eine Veranstaltungshalle bauen muss?

Muschwitz: Ich weiß es zwar nicht genau, halte es aber für vorstellbar, dass die Stadtspitze diese Idee im Kopf hat. Und grundsätzlich ist ein solcher Deal auch durchaus machbar und unter Umständen vielleicht sogar sinnvoll. Aber wenn wir über eine Veranstaltungshalle oder ein Theater sprechen, die hinterher in öffentlicher Hand sein sollen, dann ist das keine private Investition, sondern ein öffentlicher Auftrag - und dann muss ein solches Projekt europaweit ausgeschrieben werden. Das kann nicht einfach freihändig per Exklusivvertrag an einen beliebigen Vertragspartner vergeben werden. Anders ist die Lage, wenn Theater oder Veranstaltungshalle später von privater Hand betrieben werden würden, dann müsste die Sache nicht ausgeschrieben werden. Aber dann müsste man wohl erst im Bereich Kultur eine Grundsatzentscheidung herbeiführen, bevor man hier über städtebauliche Exklusivvereinbarungen spricht.

"City vor dem Ausverkauf?" heißt das große TV-Forum mit Expertendiskussion am Dienstag, 25. Juni, 20 Uhr, in der Aula des Humboldt-Gymnasiums Trier.
Extra
Dr. Christian Muschwitz, 46, ist seit 2000 an der Universität Trier Dozent für Stadt- und Raumentwicklung, zurzeit als Vertretungsprofessor. Anfang der 1990er Jahre hatte er zunächst als Bürger, dann als Student, Praktikant und schließlich als Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Ansiedlung eines ECE-Centers in der westfälischen Stadt Hamm begleitet. Muschwitz lebt mit Frau und Kindern in der Verbandsgemeinde Trier-Land. woc

 

 

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