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Neue Sitzordnung im Trierer Rathaussaal: Niemand will neben die AfD

(Trier) Konfrontativ waren im Trierer Rathaussaal bislang nicht nur häufig die Meinungen der Fraktionen, sondern auch die Sitzordnung. Nach der Sommerpause ändert sich das: Künftig sitzen die Kontrahenten Schulter an Schulter.

18.08.2016
Christiane Wolff
"Neben wem werde ich bloß sitzen?" Diese Frage dürfte eine der wichtigsten sein, die Hunderte Trierer Schüler zu Beginn des neuen Schuljahres umtreibt. Einigen ist dabei völlig klar, dass man nur und ausschließlich neben der besten Freundin Platz nimmt. "Bloß nicht neben dem!", spukt es anderen im Kopf herum.
Wer neben wem sitzen darf oder muss, darüber hat sich in den vergangenen Wochen auch der Trierer Stadtrat gestritten. Grund ist die neue Bestuhlung im Rathaussaal: Möbel und Technik aus den 1960er Jahren sind rausgeflogen. Diese Woche montieren die Schreiner neue Tische, nächste Woche werden die passenden Stühle geliefert (siehe Extra).

Halbes Dutzend Varianten


Nicht nur das Mobiliar ist neu, auch die Sitzordnung. Bislang saßen sich die Fraktionen an zwei langen Tischreihen frontal gegenüber. Die eher konservativen - CDU, FWG, FDP, AfD - auf der einen Seite, SPD, Grüne, Linke auf der anderen. Wenn die Chefs von CDU und SPD sich mit nach vorne fuchtelnden Armen und ausgestreckten Zeigefingern gegenseitig von ihren Meinungen überzeugen wollten, sah das manchmal ein wenig nach Kampfhähnen in einer Arena aus.

Künftig sitzen die Kontrahenten Schulter an Schulter nebeneinander. Nach außen im Halbkreis folgen die kleineren Parteien (siehe Grafik). Einig war sich der Stadtrat über diese Anordnung nicht. Ein gutes halbes Dutzend Varianten hatte die Stadtverwaltung vorgeschlagen. "Neben der AfD wollte niemand sitzen", verrät ein Ratsmitglied im Gespräch mit dem TV.

"Kommunikation wird erschwert"


Letztlich bestimmten die beiden großen Fraktionen CDU und SPD zusammen mit der AfD und der Piratin als Einzelvertreterin ihrer Partei, wer wo sitzen soll. Grüne, FDP, FWG und die Linke - und damit die Mehrheit der Fraktionen - stimmten gegen diese Sitzordnung. Die Grünen wollten zum Beispiel - wie im Mainzer Landtag - gerne zwischen den Christdemokraten und den Sozialdemokraten sitzen. Tobias Schneider, Sprecher der zweiköpfigen FDP-Fraktion, kritisiert: "Statt wie bislang nebeneinander sitzen wir künftig hintereinander - und das auch noch leicht versetzt. Das macht die Kommunikation in kleinen Fraktionen schwierig."
Markus Nöhl von der SPD hält dagegen: "Auch bislang ist man, wenn Absprachen nötig waren, aufgestanden und durch die Reihen gegangen. Und das ist auch weiterhin möglich." Außerdem habe die Stuhlanordnung im Halbrund einen weniger konfrontativen Charakter. "Diese parlamentarische Sitzordnung ist kommunikativer - das wird sich positiv auf unsere Debattenkultur auswirken", ist sich Nöhl sicher. Keinen Dissens gab es übrigens darüber, dass jede Partei mindestens einen Stuhl in der ersten Reihe erhält. Damit unterscheidet sich der Trierer Stadtrat in Sachen Sitzwahl dann doch von einem durchschnittlichen Viertklässler - dem alles andere lieber ist, als ganz vorne zu sitzen.
Extra
Zur neuen Technik im Rathaussaal gehören vier große Flachbildschirme, die die Abstimmungsergebnisse anzeigen. Alle Sitzplätze sind mit Sprechanlagen ausgestattet und mit Displays, über die die Ratsmitglieder elektronisch ihre Stimme übermitteln. Das bisherige teils langwierige und fehleranfällige Abzählen der erhobenen Hände entfällt. Auf den Displays können durch den Sitzungsdienst auch Unterlagen angezeigt werden. Ans Internet angeschlossen sind die Minicomputer allerdings nicht. Knapp ein Kilometer Kabel sind für die neue Technik im Rathaussaal verlegt worden. Außerdem werden drei Videokameras installiert. Diese sollen die Aufnahmen für die vom Stadtrat beschlossenen künftigen Live-Übertragungen der Stadtratssitzungen im Offenen Kanal liefern. Trier ist die erste Kommune in Rheinland-Pfalz, die Ratssitzungen live überträgt. Da noch nicht alle datenschutzrechtlichen Fragen geklärt sind - etwa, ob auch Zuschauer im Saal gefilmt werden dürfen - verzögert sich die Premiere. Geplant ist, dass die Sitzungen ab November ausgestrahlt werden. Neue Möbel und Technik haben inklusive Installation rund 250 000 Euro gekostet. woc