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Unterkünfte für Hunderte Flüchtlinge - Trier kann es auch rasend schnell

Innerhalb von ein paar Monaten schafft die Stadt Unterkünfte für Hunderte Flüchtlinge

(Trier) Vor einem Jahr hat niemand im Trierer Rathaus ahnen können, dass die Stadt über die zentralen Aufnahmestellen des Landes hinaus schnell Raum für Hunderte Flüchtlinge schaffen muss. Dann ging alles rasend schnell – und das Ergebnis ist verblüffend.

07.01.2016
Jörg Pistorius
2015 änderte sich die Situation der Stadt Trier gewaltig. Die Zahl der in Deutschland Schutz und Hilfe suchenden Menschen stieg derart an, dass das Asylbewerberheim des Landes in der Dasbachstraße die nach dem Königsteiner Schlüssel festgelegte Trierer Aufnahmequote (siehe Extra) nicht mehr ausgleichen konnte. Zum ersten Mal musste die Stadt selbst Wohnraum suchen, finden, in Schuss bringen und anbieten. Das hat sie mit einem echten Kraftakt geschafft.

Die Geschwister-Scholl-Schule in Trier-Nord: Platz für 140 Menschen, aktuell belegt von einer Familie

2009 läutete die letzte Pausenklingel in der ehemaligen Hauptschule im Trierer Norden, danach wurde sie wegen Schülermangel geschlossen. Doch der lange Leerstand ist vorbei. Aus Klassenräumen wurden Mehrbettzimmer, die große Gemeinschaftsküche mit zwei neuen Waschmaschinen ist ein heller und freundlich wirkender Raum. Noch stehen die meisten Räume leer, doch das wird sich schnell und schlagartig ändern.

„Wir haben sehr viel sehr schnell auf die Beine stellen müssen“, sagt Hans-Werner Meyer. Er leitet das für die Unterbringung zuständige Amt für Soziales und Wohnen und ist damit der verantwortliche Flüchtlingsexperte der Stadt. Allein reisende Männer und Familien sollen nach Etagen getrennt werden. Unverzichtbare Details wie Kinderbetreuung und Sozialarbeit funktionieren dank des Engagements freier Träger. Meyer: „Die Caritas, das DRK und Institutionen wie der Treffpunkt am Weidengraben machen diese Form der Aufnahme überhaupt erst möglich.“ Die Betreuung der Träger funktioniert rund um die Uhr, das Büro ist auch nachts besetzt.

Das Burgunderviertel in Kürenz: Platz für 250 Menschen, aktuell belegt von 140

Die Geisterstadt könnte als Kulisse der Horrorserie „The Walking Dead“ dienen. Leere und verfallene Häuserblocks, bröckelnde Fassaden, verrammelte Fenster – einen halben Steinwurf vom Prachtquartier auf dem Petrisberg entfernt. Drei Häuserblocks in der früheren französischen Siedlung hat die Stadt saniert, vier weitere sind in Vorbereitung. Hier endet das Bild vom Horrorfilm. Die Wohnungen sind spartanisch, aber freundlich eingerichtet. Sozialarbeiter haben eigene Büros und organisieren die Betreuung der Bewohner.

Im Gegensatz zur Geschwister-Scholl-Schule haben die Blocks im Burgunderviertel den Charakter einer Wohngemeinschaft oder einer zusammenlebenden Großfamilie. „Das Zusammenleben funktioniert hervorragend“, betont Meyer. Und auch die Nachbarschaft – Kürenz, die Uni, der Petrisberg – haben diese Lösung akzeptiert.

Die Jägerkaserne in Trier-West: Platz für 200 Menschen, aktuell belegt von 100

Zwei Blocks der früheren Bundeswehrkaserne werden zur vorläufigen Heimat von Flüchtlingen. Einer hat Platz für 160 Menschen, hier wohnen bereits 100. Der Zweite ist noch in Arbeit, hier werden 140 Asylbewerber ein Dach über dem Kopf finden. Die alte Wohnstruktur der Bundeswehr funktioniert auch hier: Mehrbettzimmer, Betten, Spinde, Gemeinschaftsräume. Das Deutsche Rote Kreuz hat eine Krankenstation eingerichtet, die von einer hauptamtlichen Krankenschwester geleitet wird. „Ich bin jeden Tag acht Stunden hier“, sagt Petra Classen. „Viele Menschen treffen hier mit alten Verletzungen ein, die sie sich auf der Flucht zugezogen haben. Andere haben einfach einen Husten oder Schnupfen.“ Classen macht die Erstuntersuchung, leitet schwere Fälle weiter und versorgt leichtere sofort.

In der Jägerkaserne steht auch die zentrale Kleiderkammer. Männer, Frauen, Kinder – alle Größen und Sorten belegen ein imposantes Labyrinth von Regalen. Meyer bittet um weitere Unterstützung: „Wir brauchen noch ehrenamtliche Helfer und auch weitere Kleiderspenden.“

Private Wohnungen: Die Stadt Trier hat zurzeit 120 Wohnungen stadtweit angemietet und bringt dort Flüchtlinge unter. „Unser Ziel sind 150“, sagt Hans-Werner Meyer. Schwierigkeiten wegen Brandschutzbestimmungen oder dem notwendigen engen Zusammenleben fremder Menschen gebe es nicht. „Das Szenario ist nicht problematischer als eine WG mit Kölnern, Trierern und Saarländern.“
 
Extra

Königsteiner Schlüssel

Asylbewerber werden nach maximal drei Monaten in den Aufnahmeeinrichtungen in die Kommunen verlegt. Diese sind dann für die Aufnahme, Unterbringung und Betreuung zuständig. Jede Kommune muss entsprechend ihrer Bevölkerungsgröße eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen aufnehmen. Berechnet wird das nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Dieser sieht für die Stadt Trier eine Quote von 2,7 Prozent aller in Rheinland-Pfalz zu versorgenden Asylbewerber vor. Die Menschen, die im Burgunderviertel, der Jägerkaserne und der Geschwister-Scholl-Schule Unterkunft finden, sind alle Asylbewerber im Anerkennungsverfahren: Sie warten auf die Entscheidung über ihren Antrag – oder auf die Chance, einen solchen überhaupt zu stellen.

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