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Die Facetten der Wirklichkeit

(Manderscheid) Jürgen Uecker ist evangelischer Ruhestandspfarrer und stand in seiner Jugend den Nationalsozialisten nahe. Heute setzt er sich für die Demokratie und den Glauben ein.

05.10.2017
Christina Bents
Manderscheid "Wir werden es nicht überleben", das sagen Pessimisten zu Jürgen Uecker, wenn sie sich über die aktuelle Situation in der Welt unterhalten. Klimawandel, Kriege, Ausbeutung, Profitgier sind die Gründe für ihre Meinung. Jürgen Uecker teilt diesen Pessimismus nicht. "Dazu hat die Wirklichkeit zu viele Facetten und nach meiner Meinung ist die Zukunft offen. Wenn ein gemeinsamer ethischer Kern, man könnte auch sagen, ein Geist der solidarischen Liebe da ist, gibt es die Chance, dass wir es überleben."
Dem 85-jährigen ist in seinem Leben schon einiges wiederfahren. Er lebte in zwei Diktaturen, bei den Nationalsozialisten und in der DDR. In seiner Jugend war er begeisterter Anhänger der Nationalsozialisten, die ihn unter anderem mit Lagerfeuern, Geländespielen und Sportveranstaltungen an sich banden. Doch nach dem Krieg kam die Ernüchterung und schließlich Verzweiflung. "Wofür ich mich begeistert hatte, war zu einer verabscheuungswürdigen Fratze geworden", berichtet er. Heute ist er überzeugter Demokrat, hat Rechts- und Sozialwissenschaften studiert. Anschließend studierte er berufsbegleitend Theologie und wurde Pfarrer in Duisburg. Nach Manderscheid kam er, als Kur- und Urlaubspfarrer, bevor er sich hier niederließ.
Sein zweites Buch "Unter dem Unfassbaren - Meditation eines Zeitgenossen" ist keine einfache Lektüre, die man zwischen Tagesschau und Wetterkarte einfach so runterliest. Man muss den einzelnen Texten Raum geben, damit sie wirken können. "Das Buch ist entstanden aus dem Glauben heraus", berichtet Jürgen Uecker. Dabei kann man es in verschiedene Bereiche wie Begegnung mit der Natur, wir selbst als Menschen, die Zweifel am lieben Gott, Jesus und die Seinen, Ökumene, Zweifelfragen, aktuelle Geschichte sowie Leben und Tod unterteilen. Um das Buch zu verstehen, ist es sinnvoll zu wissen, welche Welt- und Glaubenssicht der Autor hat. Für ihn heißt Glauben-Beziehung zum Unfassbaren. Er erklärt: "Wir können nicht alles wahrnehmen. Unsere Sinne und unser Denkvermögen sind begrenzt. Und deshalb können wir auch nicht alles begreifen, was als Wirklichkeit da ist." Weiter führt er aus: "In der Bibel steht schon `,Ich bin der ich bin’. Die Macht, die wir Gott nennen, bleibt unerforschlich." Deshalb ist für ihn die Herangehensweise an Themen wichtig. Jürgen Uecker sagt: "Man kann vieles rational erklären, beispielsweise, wenn man einem Unglück knapp entkommen ist, kann man eine günstige Konstellation vermuten. `Durch diesen und jenen Umstand ist das so gewesen`, aber man kann trotzdem auch sagen `,Ich bin bewahrt worden’." Die Wirklichkeit als Spektakel ist für ihn nichts was mit Gott zu tun hat, sondern mit einem "Ein Ruck im Seinsbewußtsein", wird sie für ihn zur Erscheinung des großen Geheimnisses.
Die Texte im Buch sind aus spontanen Wahrnehmungen entstanden, beispielsweise beim Betrachten der Natur auf einer Bank. Später hat er diese aufgeschrieben. "Die Dinge aufzuschreiben, die mir durch den Kopf gingen und in einen Zusammenhang zu bringen, kann eine heilsame Wirkung haben. Diese Gedanken möchte ich mit meinem Buch auch anderen zugänglich machen, die dadurch vielleicht auch eine innere Berührung verspüren." Für ihn ist diese Art der Mediation eine Art des Betens, so wie es auch Bildbetrachtungen oder Musik sein können. "Die Menschen müssen es aber selbst ausprobieren und erfahren, sonst ist es wie erzähltes Mittagessen", sagt der belesene 85-jährige Theologe.
Das Buch kann im Internet bei
www.1-2-buch.de oder telefonisch unter 04765/830060 bestellt werden. Es hat 217 Seiten und kostet zehn Euro.
Am Sonntag, 5. November, liest Jürgen Uecker um 18 Uhr in der evangelischen Kirche in Manderscheid aus seinem Buch.

Extra: LESEPROBE: JÜRGEN UECKER DAS STRÖMEN DER LIESER

Da ist der Fluss - zwischen steilen Hängen und weiter Wiesen - rau-plätschernd, gurgelnd, fließend - über Felsen, Stämme, Klippen - und anschwellend unter den Wassern des Himmels zu kraftvollen Strömen lässt er hören: "Ewige Kraft!"