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Sport ist fürs Gehirn wichtiger als Denken

Körperliches Training kommt allen Gehirnfunktionen zugute - Sport entfaltet seine größte Wirksamkeit im Gehirn derjenigen Menschen, die auch geistig aktiv sind

Die geistige Leistungsfähigkeit ist auch durch Sport trainierbar. Und offenbar ist Sport dabei sogar wirksamer, als es geistige Übungen sind.

22.11.2013
Martin Lindemann
Übungen fürs Gehirn verbessern immer nur die Fähigkeit, die gerade trainiert wird. "Wer speziell Kreuzworträtsel übt, kann besser Kreuzworträtsel lösen, aber er wird es nicht einfacher haben, sich Wortlisten zu merken, eine neue Sprache zu lernen oder sich eine gute Reaktionszeit zu erhalten", sagt der Hirnforscher Professor Dr. Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden. Aufgrund dieser Erkenntnisse enthalten viele der sogenannten Hirnjogging-Programme eine Fülle verschiedener Denksportaufgaben und Knobeleien, damit das Gehirn möglichst vielfältig beansprucht wird. Und dennoch sind sie nicht so wirksam wie sportliche Betätigung. "Die verblüffende Erkenntnis der vergangenen Jahre ist, dass körperliche Aktivität sich positiv auf alle geistigen Leistungen auswirkt", erklärt Kempermann. "Wer Sport treibt, tut mehr für sein Gehirn als jemand, der den ganzen Tag im Sessel sitzt und angestrengt denkt, gar nicht zu reden von demjenigen, der im Sessel sitzt und nur fernsieht."
Studien zur Wirksamkeit von Sport auf die Hirnfunktionen zeigen: Echtes Jogging ist dem "Hirnjogging" überlegen. Wie sich die körperliche Betätigung genau auf die Hirnstruktur und -funktion auswirkt, hat die Wissenschaft allerdings noch kaum verstanden. "Manche Wirkungen sind noch rätselhaft", sagt Kempermann. "Es besteht aber kein Zweifel daran, dass Sport dem Gehirn wirklich hilft." Deshalb empfehlen inzwischen auch Neurologen und Psychiater ihren Patienten eine regelmäßige sportliche Betätigung, und zwar nicht nur als Therapie, sondern vor allem zur Vorbeugung.
Das Gehirn wird bei körperlicher Betätigung durch den verstärkten Blutfluss besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Beim Spazierengehen sind es bereits rund 20 Prozent mehr Sauerstoff, bei mittlerer Belastung bis zu 30 Prozent. Zudem werden mehr biochemische Substanzen produziert. Die Heidelberger Humanbiologin Dr. Sabine Kubesch berichtet, dass durch Sport zum Beispiel mehr Serotonin im Gehirn gebildet wird. Dieses "Wohlfühlhormon" fördere Gedächtnisprozesse, hebe die Stimmung, reduziere aggressives Verhalten und Ängste und unterstütze die Stressbewältigung. "Körperliche Fitness hat einen höheren Einfluss auf die Lernleistung als der IQ", erläutert Kubesch.
Das Gehirn sammelt Wahrnehmungen, die von Augen, Ohren, Nase, Zunge, Gleichgewichtssinn und Tastsinn geliefert werden. Es bewertet diese Informationen und löst entsprechende Reaktionen aus, in der Regel körperliche Bewegungen. "Gehirne sind zur Steuerung von Bewegung entstanden", sagt Gerd Kempermann. "Gehirne können gar nichts anderes, als Bewegung zu steuern. Auch ,reines Denken\' kann unser Gehirn nur durch motorische Äußerungen in gesprochener oder geschriebener Form verlassen. Die beiden sind die komplexesten Formen von Motorik, die aber ein Leben lang extrem flexibel bleiben."
Sportliche Aktivität liefert Reize, die für den Aufbau eines leistungsfähigen Gehirns erforderlich sind. Im Laufe der Entwicklung der Menschheit war körperliche Bewegung eine wesentliche Voraussetzung bei der Entstehung geistiger Fähigkeiten. "Dadurch wird auch verständlich, warum Bewegung heute noch einen generellen Einfluss auf die höheren Gehirnleistungen haben kann", sagt Kempermann. Sport entfaltet seine größte Wirksamkeit im Gehirn derjenigen Menschen, die auch geistig aktiv sind.
Sport und Denken (Lernen) verändern die Hirnstruktur. Das Hirngewebe bleibt dichter als bei nicht aktiven Menschen, und die geforderten Hirnareale werden effizienter aktiviert. Die Verbindungen (Synapsen) zwischen den Hirnzellen (Neurone) werden stärker (Neugewichtung). Neurone verdrahten sich neu, indem sie ihre bereits bestehenden Verbindungen weiterwachsen lassen (Neuverdrahtung). Neurone gehen sogar neue Verbindungen ein, indem sie neue Synapsen bilden (Neuverbindung). Und nicht zuletzt werden völlig neue Neurone geschaffen (Regeneration). Alle vier Prozesse sind an der Speicherung von Erinnerungen beteiligt. "Wahrscheinlich ist, dass Erinnerungen als Muster vieler Verbindungen aufbewahrt werden", sagt der amerikanische Hirnforscher Professor Dr. Sebastian Seung. "Ganz gleich, wie alt wir werden, wir hören nie auf, neue Erinnerungen zu speichern, es sei denn, bestimmte Hirnerkrankungen verhindern dies."
Es ist eine der erstaunlichsten Erkenntnisse aus jüngster Zeit, dass sich auch im erwachsenen menschlichen Gehirn noch neue Nervenzellen bilden können. "Diese Neubildung ist allerdings eine strenge Ausnahme", macht Gerd Kempermann klar. "Sie findet jedoch ausgerechnet im Hippocampus statt, derjenigen Hirnstruktur, die zentral an Lern- und Gedächtnisprozessen und damit an vielen höheren geistigen Leistungen beteiligt ist." Die neuen Hirnzellen bilden sich aus Stammzellen, die sich lebenslang im Hippocampus erhalten. Körperliche und geistige Aktivität regt diese Stammzellen zur Teilung an und steigert die Chance, dass sich neue Nervenzellen ausbilden. "Bereits die unreifen Nervenzellen, die so gebildet werden, scheinen einen wichtigen Beitrag zur Funktion des Gehirns zu liefern", erläutert der Dresdener Wissenschaftler. "Werden sie dauerhaft ins Netzwerk des Gehirns eingebaut, kann sich das Gehirn an neue Herausforderungen anpassen."
Eine Gruppe von Forschern aus Deutschland, der Schweiz, den USA und Großbritannien, unter ihnen Gerd Kempermann, konnte in Versuchen mit Mäusen zeigen, dass sich körperliche und geistige Aktivität in ihrer positiven Wirkung auf das Gehirn summieren. Aus diesen Beobachtungen ist die Theorie der "neurogenen Reserve" entstanden. Sie besagt, dass durch regelmäßige körperliche Bewegung und geistige Aktivität der Vorrat an Stammzellen und ihre Teilungsaktivität auf einem "jugendlichen Niveau" gehalten werden. Dadurch hat das Gehirn eine Reserve, auf die es bei geistigen Herausforderungen im höheren Lebensalter zurückgreifen kann. "Sogar bei einer Erkrankung des Gehirns", betont Kempermann.
Wer körperlich und geistig träge ist, reduziert massiv die Reize und Anregungen, die das Gehirn aufnimmt, und beeinflusst dadurch auch, was das Gehirn hervorbringt. Die Vielfalt unseres Denkens hängt von der Vielfalt des Erlebens ab. Bewegungsmangel macht den Geist träge; Orientierungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung nehmen spürbar ab.