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Spochtipedia-Serie: Boxen in der Region - Zu Besuch beim Boxclub Vulkaneifel (Video)

(Gerolstein) Boxen ist mehr als nur ein Kampfsport. Im Training sind Wettkämpfer, Fitness-Freunde und Menschen aus schwierigem sozialen Umfeld vereint. Dossier zum Thema: Spochtipedia

29.03.2017
Mirko Blahak
Platt gesprochen könnte man sagen: Dort, wo früher Möbel verkauft wurden, vermöbeln sich nun Gleichgesinnte. Doch weit gefehlt!
Gerolstein, in einem 500 Quadratmeter großen Areal eines ehemaligen Möbelhauses. Hier ist das Reich des Boxclubs Vulkaneifel - und damit auch des Vorsitzenden und Trainers Hadi Heidari (TV-Foto: Mirko Blahak). Von den Decken hängen neun Boxsäcke. Jeder wiegt 70 bis 80 Kilo und kostet rund 150 Euro. Das Licht ist eher fahl. An der Stirnseite steht ein gut ausgeleuchteter Boxring. Kostenpunkt: 14 000 Euro.

Rund 50 Mitglieder zählt der Verein - eine sehr heterogene Gruppe. Kleine und Große, Junge und Ältere, Dünne und Kräftige, Jungen und Mädchen, Frauen und Männer, Deutsche, Russen, Albaner, Afghanen, Iraner, Syrer, Rumänen. Wer boxt, hat völlig unterschiedliche Motivationen.

Und doch treffen sich alle zur selben Uhrzeit unter demselben Dach. "Einige wollen etwas für ihre Fitness tun, andere ihr Selbstbewusstsein stärken, wieder andere Stress abbauen. Und rund zehn bis zwölf Boxer bereiten sich auf Wettkämpfe vor", sagt Heidari. Was er von allen gleichermaßen einfordert, ist gegenseitiger Respekt: "Wer zum Training kommt, gibt erstmal allen anderen, die schon da sind, die Hand."

Wertschätzung dem Trainingspartner und Kontrahenten gegenüber erwähnt auch Arjanit Etemi. Der 17-jährige Mittelgewichtler aus Gerolstein, zweifacher Vize-Rheinlandmeister, sagt zudem freimütig: "Wir lernen hier Respekt und Disziplin. Man kann sich im Ring austoben. Da wird man müde und kommt nicht auf schlechte Ideen."

Wie er betreibt auch Natalie John den Sport wettkampforientiert. Sie mag das Boxen aus mehreren Gründen: "Ich vergleiche mich gerne mit anderen. Boxen ist eine dynamische Sportart. Der ganze Körper wird beansprucht. Boxen ist aber auch ein Ventil, um mal loszulassen nach einem langen Arbeitstag, an dem vielleicht mal nicht alles so gut gelaufen ist wie gewünscht", sagt die 41-Jährige, die 2006 deutsche Box-Meisterin und 2010 Europameisterin im Vollkontakt-Kickboxen war.

Heidari, 59 Jahre, stammt aus dem Iran, wo er Box-Landesmeister im Leichtgewicht und Mitglied der Nationalmannschaft war. Als Trainer besitzt er Lizenzen aus dem Iran, den Niederlanden und Deutschland. Sie hängen an einer Wand der Trainingshalle - neben Bildern aus der Vergangenheit, Zeitungsartikeln und anderen Dokumenten.
Er hat den Boxclub zum 1. Januar 2013 gegründet, als er die Trainingsgruppe aus dem SV Gerolstein herauslöste. Die Miete für die Halle wird durch die Mitgliedsbeiträge bestritten, darüber hinaus schießt Heidari einige Euro aus der eigenen Tasche hinzu. Etwa für den Kauf von Handschuhen oder für den Bau von Duschen.

Das Image des Boxens unterliegt einem steten Wandel. "Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Boxen ein ganzheitliches Training ermöglicht", sagt Vereins-Schatzmeisterin Verena Meyer.

Heidari erinnert sich an andere Zeiten: "Ich wollte schon vor 28 Jahren einen Boxverein aufmachen. Da haben viele komisch geguckt. Weil Boxen zunächst mit Schlägereien, Hamburg und dem Kiez in Verbindung gebracht wurde."
Heidari hat mit diesen Assoziationen nichts am Hut: "Das Ziel beim Boxen ist keineswegs nur, jemanden zu schlagen. Boxen heißt auch, sich als Sportler selber kennenzulernen."

Zum Training gehört, dass die Mitglieder einen Parcours durchlaufen. Reflextraining (an schwingenden Tennisbällen), Reaktionstraining, Krafttraining an den Boxsäcken, Bauchtraining mit Medizinbällen. Ein weiteres wichtiges Utensil: das Sprungseil. Wenn alle gleichzeitig auf Kommando loslegen, entsteht eine Geräuschkulisse wie bei Hunderten Peitschenschlägen. Heidari ist sich sicher: "Wer den Körper trainiert, wird auch geistig stark." Seine Erfahrung: Unruhige Leute werden durch das Boxen ruhiger.

Heidaris Job ist auch Sozialarbeit mit Menschen aus schwierigen Verhältnissen. Kraft, Kondition und Technik seien gefragt. Heidari: "Der Kopf muss arbeiten, wie man was nutzt. Jeder Boxer muss Charakter mitbringen."

Der Boxclub Vulkaneifel richtet am 1. und 2. April in der Stadthalle Rondell in Gerolstein die Box-Rheinlandmeisterschaft der Amateure aus. Am Samstag, 1. April, beginnen die Kämpfe um 18 Uhr. Einen Tag später am Sonntag, 2. April, geht’s um 11 Uhr los. Eintrittskarten sind im Vorverkauf erhältlich. Ein Eintagesticket kostet zehn Euro für Erwachsene, Kinder zahlen sieben Euro. Ein Zweitagesticket ist für 15 Euro (Erwachsene) beziehungsweise zehn Euro (Kinder) zu bekommen. Karten können im Pub Namak (Hauptstraße 84, Gerolstein) gekauft werden. Weitere Informationen im Internet: www.boxclub-vulkaneifel.de