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23.08.2017

"So wie Malu machen wir es auch"

(Trier) SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz spricht den Genossen beim Wahkampfauftritt in Trier Mut zu: Noch sei die Sache nicht gelaufen . Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

Bernd Reiffenberg ist einer der Ersten vor der Porta Nigra in Trier. Als Mitglied der Trierer SPD hat er mitgeholfen, den Platz herzurichten. Für den Auftritt von Kanzlerkandidat Martin Schulz, der in zwei Stunden hier erwartet wird. Der SPD-Chef hat heute an dem Tag, an dem der Sommer zurückgekehrt ist, seinen zweiten Wahlkampfauftritt – nach Bremen am Montag. Er hoffe, dass Schulz sich bei seiner Rede klar abgrenzen werde von Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer, sagt Reiffenberg, der wie viele andere SPD-Anhänger einen Button mit dem Aufdruck „Zeit für Martin“ trägt. „Bis zur Wahl“, meint der Trierer Sozialdemokrat, „kann noch viel passieren.“ Er spielt damit auf die Umfragewerte an, die die SPD derzeit deutlich hinter der CDU sehen.

  Vier Wochen vor der Wahl sollte man Umfragen verbieten, die irritierten nur die Wähler, sagt Karl Diller. Der ehemalige Bundestags- abgeordnete aus Hermeskeil (Trier-Saarburg), der angesichts der sommerlichen Temperaturen mit Strohhut kommt, gehört zu den Ersten, die sich einen Platz vor der Bühne sichern. Auch er habe schon Wahlkämpfe erlebt, bei denen die SPD zurückgelegen und später dann doch noch aufgeholt habe. „Ich bin optimistisch“, sagt Diller. Auch wenn derzeit keine echte Wechselstimmung herrsche. Das sehen auch andere SPD-Anhänger vor der Porta so. „Deutschland geht es gut“, sagt einer. Die Sozialdemokraten haben es schwer, mit ihren Erfolgen in der Koalition der vergangenen vier Jahre bei den Wählern durchzudringen.

  Die Trierer SPD-Spitzenkandidatin und Bundesfamilienministerin Katarina Barley ruft daher den mittlerweile gut 1500 Zuschauern vor der Porta in Erinnerung, was ih- re Partei in der ablaufenden Legislatur erreicht habe: Mindestlohn, Ehe für alle, Rente mit 63. Barley ge- nießt sichtlich ihr Heimspiel. Immer wieder geht sie durch die Rei- hen, schüttelt Hände, umarmt Ge- nossen. Später sitzt sie neben dem Rednerpodest, an dem eine halbe Stunde später Schulz reden wird, und hört der Trierer Steff-Becker- Band zu, als plötzlich Barleys Lebensgefährte zu ihr kommt, sie umarmt. Wahlkampf mache Spaß, es sei ein Fest der Demokratie, sagt Barley und verschwindet wieder hinter der Bühne.

  Auf der Bühne stellt der Moderator die Direktkandidaten der SPD aus der Eifel, Jan Pauls, und Rhein- Hunsrück, Ivonne Horbert, vor. Dennis Eighteen heißt der Moderator. Ob die 18 (eighteen) für das Wahlergebnis der SPD am 24. September stehe, witzelt ein Zuschau- er. Ein junges SPD-Mitglied, das ein Plakat mit der Aufschrift „Jetzt ist Schulz“ hochhält, kann darüber nicht lachen.

  Umso mehr lächelt Malu Dreyer. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Wahl-Triererin genießt wie Barley ihr Heimspiel. Auch sie stellt Themen vor, die in der schwarz-roten Bundesregierung sozialdemokratische Hand- schrift tragen. „Das ist die SPD“, ruft sie den Anhängern auf dem Platz zu, auf den mittlerweile gnadenlos die Nachmittagssonne scheint. Und: „Wir schaffen das.“ Gemeint ist der Einzug von Schulz ins Kanzleramt. Dreyer erinnert daran, dass auch sie und die rheinland-pfälzische SPD drei Monate vor der Landtagswahl zehn Prozent hinter der CDU lagen – und dann mit deutlichem Vorsprung gewonnen haben. „Malu“, sagt Schulz später, „hat gezeigt, wie man Wah- len gewinnt. So machen wir das auch bei der Bundestagswahl.“ Dreyers Wahlerfolg als Blaupause für den Schulz-Sieg. Das kommt bei den jubelnden Anhängern an. Ohnehin wird Schulz bei seinem Einmarsch über den Simeonstiftplatz direkt vor die Porta wie ein Pop-Star gefeiert. Er kommt direkt aus Bonn nach Trier. Immer wieder muss er Hände schütteln, macht Selfies mit Fans. Als er kurz nach 17 Uhr an das Rednerpult tritt, wehen ihm etliche rote Fahnen entgegen. Darunter auch die der Luxemburger Sozialdemokraten, die mit ihrem ehemaligen Vorsitzenden Alex Bodry nach Trier gekommen sind. „Deutschland kann mehr“, das ist das Leitthema von Schulz’ kämpferischer Rede. Und immer wieder: soziale Gerechtigkeit. Alle Bürger müssten sich Gesundheit leisten können, Löhne und Renten müssten zum Leben reichen. Und Bil- dung müsse gebührenfrei sein, „wie in Rheinland-Pfalz“. Er ver- spricht mehr Lehrer, bessere und modern ausgestattete Schulen, wohlwissend, dass Bildung Ländersache ist. US-Präsident Donald Trump wirft er Naziideologie vor, und die AfD nennt er Organisation der Hetzer. Das kommt bei den Zu- schauern an. Genau wie der Satz „Golffahrer interessieren mich mehr als Golfspieler“, mit dem er das Verhalten der Autobosse bei der Diesel-Affäre geißelt. Vieles wirkt einstudiert. Auch dass er nach 20 Minuten seine Anzugjacke aus- zieht, so wie er es meist bei seinen Reden macht. Sein weißes Hemd, dessen Arme er hochkrempelt, zeigt deutliche Schweißflecken. Schulz gibt sich als Vertreter des kleinen Mannes, mit dem im Kanz- leramt alles anders und besser wer- de. Passend dazu ertönt zum Ab- schluss der Rede ein Lied der briti- schen Popband Coldplay. „I used to rule the world“, heißt es darin. „Einst regierte ich die Welt.“