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Homburg: Broken Heart Syndrom - Ärzte erforschen gebrochene Herzen

Wie starke Gefühle krank machen können : Broken-Heart-Syndrom: Homburger Ärzte erforschen gebrochene Herzen

Eine Scheidung, ein Verkehrsunfall, eine Trennung - starke negative, aber auch positive Gefühle können das Herz schädigen - das Herz brechen. Damit befasst sich jetzt auch eine Arbeitsgruppe von Psychokardiologen am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg.

Ihr Liebeskummer hat ihr das Herz gebrochen. Was sich nach schnulzigem Arztroman anhört, ist ein ernsthaftes medizinisches Problem. „Starker emotionaler und physischer Stress kann zu einer Herzerkrankung führen, bei der die gleichen Symptome wie bei einem Herzinfarkt auftreten“, sagt die Professorin Dr. Ingrid Kindermann vom Universitätsklinikum des Saarlandes. „Wie bei einem Herzinfarkt verspüren Betroffene Brustschmerzen und Atemnot, Übelkeit und Schweißausbrüche, das EKG deutet auf einen Herzinfarkt hin, und im Blut können erhöhte Werte von Troponin und Creatinkinase nachgewiesen werden, die auch bei einem Herzinfarkt von den geschädigten Herzmuskelzellen freigesetzt werden.“

So erkennt man das Broken-Heart-Syndrom

Doch es ist kein Herzinfarkt. Die Herzkranzgefäße sind nicht durch Blutgerinnsel verstopft, sie zeigen sich in der Herzkatheteruntersuchung offen. Als Ursache der Erkrankung wird unter anderem eine vorübergehende Verkrampfung (Spasmus) besonders der kleinen Herzkranzgefäße diskutiert. „Es handelt sich um ein gebrochenes Herz, um das Broken-Heart-Syndrom“, berichtet Kindermann. „Eine Ultraschalluntersuchung zeigt eine typische Bewegungsstörung der linken Herzkammer im mittleren Bereich und der Herzspitze, dadurch erscheint sie ballonartig aufgebläht. Es ist wie eine Schockstarre der Herzkammer. Nach einigen Stunden bis Tagen erholt sich normalerweise das Herz wieder.“

Es ist noch nicht genau geklärt, wie es zum Gebrochenen-Herz-Syndrom kommt. Als Herzspezialistin beschäftigt sich Ingrid Kindermann seit 2010 mit dem Fachgebiet Psychokardiologie. Sie erforscht unter anderem Herzerkrankungen, die auf seelische Ausnahmezustände zurückzuführen sind. „Auslöser sind in der Regel starke Emotionen“, erklärt die Kardiologin, „das können negative Erlebnisse wie der Tod eines Angehörigen, eine Scheidung, ein Verkehrsunfall, ein Brand oder ein Einbruch sein, aber auch die freudige Erregung bei einer Hochzeit, der Geburt eines Kindes oder einem Lottogewinn.“

Vor allem viele Frauen leiden unter dem Broken-Heart-Syndrom

Dies führt zur vermehrten und herzschädigenden Ausschüttung von Stresshormonen, weshalb diese Erkrankung auch Stresskardiomyopathie genannt wird. Unter allen Patienten, die mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden, leiden im Durchschnitt drei bis fünf Prozent unter einem gebrochenen Herz. „95 Prozent der Betroffenen sind Frauen nach der Menopause im Alter von 65 bis 75 Jahren“, berichtet Kindermann. „Möglicherweise spielt bei den Frauen die gedrosselte Produktion des Geschlechtshormons Östrogen mit Beginn der Wechseljahre eine Rolle.“ Es könne sein, dass der geringere Östrogenspiegel das Herz anfälliger für Stressreaktionen mache.

Patienten mit gebrochenem Herzen werden wie Menschen mit Herzinfarkt immer auf der Intensivstation überwacht. „Sie müssen weiter beobachtet werden, denn gerade in der Akutphase können Herzrhythmusstörungen oder eine lebensbedrohliche Schocksituation auftreten. In der Regel erholt sich das Herz im weiteren Verlauf jedoch wieder“, sagt Kindermann. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Der Vorfall kann sich wiederholen. „Daher ist eine psychologische, psychosomatische oder auch psychotherapeutische Mitbetreuung ratsam“, sagt die Medizinerin.

So wirkt sich Stress auf das Herz aus

Doch plötzliche Gefühlsausbrüche können nicht nur zum Gebrochenen-Herz-Syndrom führen, sondern auch zu einem Herzinfarkt. Auch das erforschen Ingrid Kindermann und ihr Team in der Arbeitsgruppe Psychokardiologie am saarländischen Uniklinikum. „Starke psychische Belastungen steigern selbst bei Personen ohne Vorerkrankung der Herzkranzgefäße das Herzinfarktrisiko“, sagt die Psychokardiologin. Oft schädigt auch andauernder Stress das Herz.

Psychische Belastungen lassen den Blutdruck steigen und aktivieren die Blutgerinnung, was Verengungen und Verstopfungen der Blutgefäße fördert. „Wir haben einen 50 Jahre alten Mann mit Herzinfarkt behandelt, der davor völlig gesund war. Berufsbedingt stand er jedoch ständig unter Stress. Wir wissen, dass anhaltender Stress am Arbeitsplatz oder in der Familie zu einem Herzinfarkt führen kann“, erklärt Kindermann.

Weshalb viele Menschen einen Herzinfarkt erleiden

Die Hauptursachen für einen Herzinfarkt sind jedoch eine fett- und kalorienreiche Ernährung, mangelnde körperliche Bewegung und Rauchen, die zu hohen Blutfettwerten, Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes führen. Nach einem Herzinfarkt wollen Patienten oft nicht wahrhaben, dass sie nicht mehr kerngesund sind. „Das kann depressive Verstimmungen bis hin zu einer schweren Depression zur Folge haben“, sagt die Ärztin. Nach einem Herzinfarkt steigt das Risiko, eine Depression zu entwickeln, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Dreifache

„Auch eine bestehende eine Herzschwäche erhöht das Risiko für eine Depression“, sagt Kindermann. Damit beginne ein Teufelskreis. „Psychische Leiden wie Angst und Depression wirken sich sowohl auf die Entwicklung als auch Verschlechterung einer Herzerkrankung wie einer koronaren Herzerkrankung, Herzschwäche, Rhythmusstörungen und Infarkte aus.“ Deshalb sollten herzkranke Patienten, die über Angststörungen oder Depressionen berichten, zusätzlich psychologisch oder psychotherapeutisch behandelt werden.

Am Universitätsklinikum des Saarlandes läuft derzeit eine fünfteilige Fortbildung zur „Psychokardiologischen Grundversorgung“ der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Niedergelassene und Klinikärzte, Psychiater und Psychologen und auch Herzinsuffizienzschwestern lernen dabei, wie psychische Faktoren und Herz-Kreiskauf-Erkrankungen zusammenhängen und wie sie betroffenen Patienten helfen können.