1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Trier: Guildo Horn im Interview vor Konzerten in Europahalle

Weihnachtskonzerte des Meisters : Guildo Horn: „Weihnachten ist eine der schönsten Drogen der Jetztzeit“

Helfen Nussecken in der Krise? Wann wird die Europahalle in Trier in Guildo-Horn-Arena umbenannt? Warum sind die Weihnachtskonzerte derartige Publikumsmagnete? Und wie kommt es zu Liedern wie jenem von Frida, der Weihnachtsgans? Wer anders als Guildo Horn könnte diese Fragen beantworten?

Am 22. und 23. Dezember heißt es wieder „Weihnachten bin ich zu Hause‘“ – Guildo Horn und die Orthopädischen Strümpfe gastieren zum Klassiker in der Europahalle. Die Show am 23. Dezember ist bereits ausverkauft, für den 22. Dezember sind noch Restkarten erhältlich (siehe Extra). Und vor diesen Konzerten in Trier stand der Meister rund 25 Jahre nach seinem Auftritt beim Eurovision Song Contest dem TV Rede und Antwort. Guildo Horn spricht aber auch ernste Themen an – Musiker in der Krise, Corona, Krieg und Inflation – und verrät, warum er trotz 17 Weihnachtsshows pro Jahr nicht mehr Weihnachtsmärkte besucht, sondern vor den Auftritten im Feldbett liegt.

Die beiden vergangenen Weihnachtsshows waren extrem, 2020 ohne Zuschauer als Livestream, dann im Vorjahr nur als Geimpfter, in bestuhlter Halle und mit Masken - dürfen die Fans dieses Jahr wieder maskenfrei und stehend ins Weihnachtsfest feiern?

Guildo Horn Ja, die letzten zwei Jahre waren speziell, ich bin jedoch sehr zuversichtlich, dass wir dieses Jahr entspannter miteinander feiern können. Bei unserem letzten Kaffeekränzchen hat Karl L. mir jedenfalls nix anderes gesagt! Ehrlich, nach all dem Kuddelmuddel mache ich mir definitiv keinen großen Stress mehr mit irgendwelchen Prognosen. Ich nehme es schlichtweg so, wie es kommt. Vor allem freue ich mich jetzt wie ein Trier-Norder Kleinkind auf unsere diesjährige Weihnachtstour, weil wir wieder mal eine exorbitant-orthopädische Show für Hörer aller Fachbereiche auf die Bühne zaubern werden! Achtung Suchtfaktor!

Wird anno 2022 neben den Strümpfen die allseits beliebte „Blaszentrale Dessau“ wieder mit am Start sein, oder übernimmt Mademoiselle Gazelle alle Blasinstrumente?

Horn Die „Orthopädischen Strümpfe“ touren schon seit „Viva Coronia“ mit der wundervollen Mademoiselle Gazelle als Ein-Frau-Bläsersatz im Sturmgepäck und werden exakt in dieser Formation in Trier und Saarbrücken aufschlagen. Unsere Combo musiziert auf der Höhe ihres orthopädischen Schaffens und ist gewillt, konzertant beidhändig auszuteilen! Derweil befindet sich die „Blaszentrale Dessau“ bei einer Reasozialisierungsmaßnahme in der Toskana, wird aber mit Sicherheit im Laufe unseres Seins wieder mal zum Kerntrupp dazu stoßen.

Corona, Krieg, Energiekrise, Inflation, die Welt da draußen ist so schlecht – wie bleibt man da als Musiker so beschwingt und freudig, wie es diese Konzertserie benötigt?

Horn Ich will nicht ständig über Corona, Gaspreise, Kriege oder anders gelagerte Untergangsszenarien kreisen. Der fortdauernde Alarmismus, mit dem wir gerade durchs Leben getrieben werden, macht uns allesamt grau im Hirn und krank. Und da kommen „Guildo Horn und die Orthopädischen Strümpfe“ ins Spiel: In dieser Gemengelage bieten wir den Service an, unsere Konzertbesucher für ein paar Stunden in das Land der „Orthopädischen Strümpfe“ zu entführen. Ein Land, wo Milch und Honig blüht und es Wunder immer wieder gibt! Wir sind eine klingende Aufladestation für die geschundene Seele. Wie hieß das früher so schön in der Fernsehwerbung: „Damit sie morgen wieder kraftvoll zubeißen können!“

Lang ist’s her: Guildo Horn bei seinem Weihnachtskonzert 2006 in der Europahalle Trier.  Er sorgte bei den Zuschauern von der ersten Minute an für ausgelassene Stimmung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Lang ist’s her: Guildo Horn bei seinem Weihnachtskonzert 2006 in der Europahalle Trier.  Er sorgte bei den Zuschauern von der ersten Minute an für ausgelassene Stimmung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Foto: speicher willi

Ist gerade das Weihnachtskonzert die Flucht aus der tristen Realität, das die Leute brauchen, wonach sie sich sehnen?

Horn Sagen wir es mal so: Weihnachten ist eine der schönsten Drogen der Jetztzeit. Es führt über die Verdrängung von Sorge und Stress zur Intensivierung des Gegenwartserlebnisses und zur Flucht in nostalgische, regressive Zustände, die dem Traum bei halb wachem Zustand ähneln.

Sehen Sie sich und Ihre Musik als Mutmacher, als Stimmungs-Booster?

Horn Wenn nicht wir, wer soll es denn sonst sein? Genau deshalb fordern wir seit Jahren, dass es Konzerttickets von „Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe“ auf Rezept geben soll!

Sind Nussecken eigentlich die ideale Nervennahrung in Krisenzeiten – oder bleibt wegen der Gaspreise der Ofen dieses Jahr aus?

Horn Naschwerk ist generell gut bei Stress, um das Erlebte oral zu verkauen!

Es gibt aktuell viele Diskussionen, wie die Musik- und Kulturszene durch die aneinandergereihten Krisen kommt – wie sehen Sie die Lage für die Musiker?

Horn Die Musikszene ist in den vergangenen drei Jahren schon arg gerupft worden. Viele Bands und Künstler stehen kurz vor dem Hinwerfen. Da heißt es: Kreativ bleiben, oder werden und selbst, wenn es auch schwerfällt: Locker durch die Hose atmen! Jedenfalls habe ich in den letzten beiden Jahren gecheckt: Auf Hilfe von außen kannst du lange warten, man muss sein Schicksal selber in die Hand nehmen.

 Guildo Horn beim Weihnachtskonzert in der Europahalle in Trier im Jahr 2010.
Guildo Horn beim Weihnachtskonzert in der Europahalle in Trier im Jahr 2010. Foto: Hans Kraemer

Das traditionelle Konzert am 23. Dezember in Trier war sehr früh ausverkauft – Gleiches gilt für die je zwei Shows in Hagen und Köln sowie den Auftritt in Bonn. Wie stolz macht es einen als Künstler, eine solch treue Fanbase zu haben? Und was ist das Geheimnis dieses schier ewigen Erfolgs?

Horn „Stolz sein“, finde ich kommt immer kurz vor doof, weil es so schrecklich nah an der Eitelkeit baut und sich so wichtig nimmt! Ich mache einfach nur Musik und Unterhaltung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich liebe und lebe das, was ich mache. Das Arbeiten macht wahnsinnigen Spaß, weil ich ein fantastisches Team auf und hinter der Bühne habe. Wir alle, Musiker, Techniker und Management, sind wie eine Familie und lieben es, Zeit miteinander zu verbringen. Wir alle sind selber Fans von unserem eigenen orthopädischen Treiben und ich bin mir sicher, genau das merkt man uns an. Wir strotzen in jeder Sekunde vor Spielfreude. Wir, das sind eine Ansammlung ehemaliger Klassenclowns. Und die tollsten Fans vor der Bühne haben wir auch! Die Hornfans haben sich mit uns einen Act ausgesucht, der nicht von der Stange kommt und schweißtreibend handgemacht musiziert. Wir Strümpfe sind überwältigt von der Fantreue und bedanken uns bei jedem Konzert mit Vollgas voraus! So will es der Brauch!

Seit der neuen Brandschutzverordnung der Europahalle spielen Sie Ihre Show an zwei Abenden hintereinander in Trier – wie fühlt sich das an? Nach Routine sieht es jedenfalls nicht aus?

Horn In der Europahalle zu musizieren, das macht immer Laune. Und Routine mag ich, weil es einen immer besser macht. Abgeschmackt darf es nie sein. Mein Versprechen: Das wird es bei uns auch nie geben!

Zum Programm: In jedem Jahr gibt es neue „Weihnachtslieder“ wie zum Beispiel im Vorjahr die Geschichte von Frieda, der Weihnachtsgans. Wann ist die beste Zeit, diese Songs zu dichten, muss man da in adventlicher Stimmung sein?

Horn Am liebsten texte ich früh morgens, noch bevor die Hähne krähen, meist noch liegend. Nach dem Frühstück teile ich dann meine geistigen Ergüsse mit Addi Mollig, meinem musikalischen Leiter, und wir spielen gedanklich Pingpong. Mit Herrn Mollig musiziere ich jetzt schon 20 Jahre zusammen und er hat seine Synapsen ähnlich verschaltet, wie ich die meinen, also kreuz und quer.

Bei 17 Weihnachtsshows in 13 Städten – wie viele Weihnachtsmärkte bekommt man bei einer solchen Tour zu Gesicht?

Horn Der Nachteil an einer Weihnachtstour ist der, dass man für solcherlei Unternehmungen so gut wie keine Zeit und auch keine Kraft hat. Nach langen Jahren musikalischer Wanderschaft schlafe ich, wenn es geht, am liebsten zu Hause. Dafür fahre ich dann nach dem Konzert oftmals bis 200 Kilometer. Morgens stehe ich dann meist um 6 Uhr mit meiner Familie auf, weil man mich hier auch braucht und lege mich am Nachmittag Backstage auf meinem Feldbett wieder zum Schlafen nieder. Geweckt werde ich zur Show. Pünktlich zur Intromusik bin ich dann wieder ganz bei mir. Das ist der progressive Rock and Roll 2022!

Am 9. Mai 2023 jährt sich Ihr legendärer Auftritt beim Eurovision Song Contest in Birmingham zum 25. Mal. Wird es schon beim Weihnachtskonzert spezielle Reminiszenzen geben?

Horn Das Weihnachtsfest gebührt dem Christkind. Das hat es verdient. Nächstes Jahr dann feiern wir ein zünftiges Jubiläumfest im Zeichen des Hornes.

Welche Gefühle löst das in Ihnen aus, wenn über 20 Jahre danach die Fans immer noch „Guildo war in Birmingham“ singen?

Horn Das finde ich echt schräg!

Seit fast 30 Jahren spielen Guildo Horn & die Orthopädischen Strümpfe am Abend vor dem Heiligen Abend in der Europahalle. Wann wird diese Location in Guildo-Horn- Arena umbenannt?

Horn Das fragen wir uns alle!