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Proteste im Iran: Frau spricht über Situation in ihrer Heimat

Sie flüchtete 1984 : „Das ist so grausam ...“: Wie eine Iranerin die Proteste in ihrer Heimat erlebt

Vor mehr als 40 Jahren erlebte Soussan Evers-Khazaeli die Revolution im Iran, ging selbst auf die Straße. Sie flüchtete nach Deutschland, von wo aus sie heute Bilder des Schreckens aus ihrer Heimat sieht. Sie erkennt Parallelen – und hat eine klare Botschaft.

Der Iran im Jahr 1979. Die Revolution hat die Rechte der Frauen verändert. Der Hijab, also das Kopftuch, wird zur Pflicht. Soussan Evers-Khazaeli ist zu dieser Zeit Studentin in ihrer Heimat. Gemeinsam mit einer Freundin geht sie auf die Straße. Sie demonstrieren gegen den Verschleierungszwang. Ebenfalls auf dem Straßen: Gegner der Demonstration. Sie schlagen zu. Soussan und ihre Freundin laufen weg. Suchen sich eine Ecke oder eine Gasse, in der sie sich schützen können. Soussans Freundin wird geschlagen, trägt tiefe Wunden an den Beinen davon.

Deutschland im Jahr 2022. Soussan Evers-Khazaeli sitzt in der Volksfreund-Redaktion und spricht über ihre Heimat. Im Iran lebt sie schon lange nicht mehr, ist 1984 nach Deutschland gezogen. Kurze Zeit lebte sie in Ingelheim, seitdem ist sie Eifelerin. In Bitburg hat sie ihre neue Heimat gefunden, arbeitet als Integrationsbeauftragte. Eine Aufgabe, die für sie wie gemacht erscheint. Sie ist sprachgewandt, spricht gutes Deutsch. Und sie kennt die Probleme der Flüchtlinge. Vor knapp zehn Jahren sagte sie im Gespräch mit dem Volksfreund, dass sie damals viel geweint habe. „Auch für die anderen Flüchtlinge war das schwer. Doch jeder, der seine Heimat verlässt, hat einen guten Grund dafür.“ Viele Kontakte in den Iran hat sie nicht mehr, diese seien über die Jahre verloren gegangen. „Damals gab es noch kein Facebook oder Whatsapp, man hat sich Briefe geschrieben. Irgendwann bricht das dann ab.“

Soussan Evers-Khazaeli ist Integrationsbeauftrage in der Stadt Bitburg. Mit Schrecken beobachtet sie, was aktuell in ihrer Heimat, dem Iran, passiert.
Soussan Evers-Khazaeli ist Integrationsbeauftrage in der Stadt Bitburg. Mit Schrecken beobachtet sie, was aktuell in ihrer Heimat, dem Iran, passiert. Foto: TV/Christian Thome

„Das kann man absolut nicht akzeptieren, das ist so grausam.“

Aus der Ferne erlebt sie heute ähnliche Dinge, die ihr und ihrer Freundin Ende der Siebziger passiert sind. Seit Mitte September wird im Iran gegen das theokratische Regime demonstriert. Auslöser der Proteste war der durch Polizeigewalt herbeigeführte Tod der 22-jährigen Mahsa Amiri. Sie starb, weil sie den Hijab in der Öffentlichkeit nicht korrekt getragen hat. Seitdem gehen Menschen auf die Straße, Frauen ziehen ihr Kopftuch aus und demonstrieren. Manche bezahlen das mit ihrem Leben oder ihrer Freiheit.

Was für die heute 62-jährige Soussan Evers-Khazaeli besonders schlimm ist: Das Regime tötet Kinder. „Das kann man absolut nicht akzeptieren, das ist so grausam. Viele von uns haben selbst Kinder oder mit Kindern zu tun.“ Allgemein sei das Besondere an diesen Protesten, dass viele junge Leute, auch Minderjährige beteiligt seien. Wenn sie darüber spricht, spürt man, dass die Augen hinter ihrer roten Brille trauriger werden.

Alte Kommunikationsmethoden werden wieder verwendet

Es gibt Dinge, die erkennt Soussan Evers-Khazaeli wieder, wenn sie an damals denkt. Da sind zum Beispiel die Kommunikationsmethoden. Kanäle wie soziale Medien oder WhatsApp werden teilweise abgeschaltet. Das Regime denkt, dass junge Iraner nur über solche Dienste kommunizieren können. Die Bevölkerung beweist das Gegenteil. „Sie greifen auf alte Methoden zurück, die es damals schon gab“, sagt die kurzhaarige Frau. Heißt: Es werden beispielsweise Zettel von Briefkasten zu Briefkasten transportiert, auf denen Uhrzeit und Ort von Demonstrationen verteilt werden. „Es gibt Methoden, die kommen auch nach 43 Jahren wieder“, sagt sie.

Doch vieles unterscheidet sich von 1979. Zunächst sei das, was jetzt passiert, noch schlimmer als damals, findet die Wahl-Eifelerin. Gleichzeitig finde die Revolution jedoch nicht wie damals zentral in der Hauptstadt Teheran, sondern überall statt: „Wenn ich Nachrichten aus Dörfern sehe, die ich noch nicht gehört habe, dann zeigt das, dass dort auch etwas los ist.“ Damals sei es nicht möglich gewesen, das zu transportieren. Heute nehmen Menschen, trotz des schlechten Internets im Iran, kurze Videos auf, die dann um die Welt gehen: „Dann sieht man, dass es wahr ist“, sagt die Integrationsbeauftragte. Jeder sei heute ein Journalist – was wichtig sei, denn ausländische Medien erhielten oftmals keine Akkreditierungen für eine Berichterstattung aus dem Land, befänden sich in Nachbarländern.

Soussan Evers-Khazaeli selbst informiert sich abends auf verschiedenen Kanälen über das, was in ihrer Heimat passiert. Sie schaut beispielsweise Berichte auf YouTube, weiß aber, dass es dort auch Fake-News gibt. „Man muss aufpassen“, sagt sie, „und muss selbst analysieren.“ Wichtig sei, dass wir auch in Deutschland genau hinschauen, was vor Ort passiert. Und laut sind: „Jeder kann eine Stimme für den Iran sein“, sagt Evers-Khazaeli.

Proteste im Iran: Schweigen der Nationalmannschaft war „deutliches Zeichen“

Eine Stimme, auch durch Zeichen. Protest. Hier und (fast) vor Ort. Vor einigen Tagen protestierten die Spieler der iranischen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Nachbarland Katar dadurch, dass sie während der Nationalhymne schwiegen. Eine Stille wurde zum lauten Zeichen in die Welt. „Das war ein deutliches Signal, weil es eine internationale Bühne war“, sagt Evers-Khazaeli. „Viele Menschen schauen keine Nachrichten“, sagt sie, „aber Fußball schauen sie von der untersten Liga bis in den internationalen Sport. Sie machen sich dann vielleicht Gedanken, wieso die Nationalmannschaft das gemacht hat ... da muss dann ja auch was los sein in dieser Ecke.“

Zurück zu einem Satz, den Soussan Evers-Khazaeli gesagt hat. Er ist hängen geblieben. „Jeder kann eine Stimme für den Iran sein.“ Aber wie? Wie können wir hier vor Ort helfen, fragen wir. „Ich bin hier in Bitburg, tief in der Eifel“, sagt Evers-Khazaeli, „viele kennen mich, aber manche wissen nicht, wo der Iran ist oder was da los ist. Da müssen wir uns informieren und darüber sprechen.“ Denn was heute im Iran passiert, könnte an einem anderen Tag in einem anderen Land auftreten.

Helfen kann jedoch auch die Regierung. Mit mehr Power als Bürger. „Die Politik hat jetzt einige Dinge gemacht, aber das war natürlich langsam“, sagt die gebürtige Iranerin. Man könne zum Beispiel die wirtschaftlichen Verbindungen beschränken oder komplett einstellen und das Regime damit unter Druck setzen.

Seit vergangenem Jahr ist Soussan Evers-Khazaeli Integrationsbeauftragte der Stadt Bitburg. Eine Aufgabe, bei der sie in Zukunft auch stärker mit ihrer Heimat in Verbindung kommen könnte. Denn, so sagt sie selbst, wenn das aktuelle Regime noch länger an der Macht bleibt, dann werden natürlich mehr Menschen fliehen – auch nach Deutschland. Vor allem für junge Iraner könne das zum einzigen Ausweg werden. Ihnen wird, wenn sie an Demonstrationen teilnehmen, teilweise für Jahre verboten, weiter zu studieren. „Wenn ein junger Mensch intelligent ist und etwas erreichen will, was bleibt ihm dann übrig? Er muss das Land verlassen.“

„Gerade kann man nicht an das Ende des Tunnels sehen“, sagt sie, „jeden Tag passiert von jeder Seite etwas anderes.“ Sie spricht von den Angriffen des Regimes auf die Kurden im Westen des Landes an der Grenze zum Irak. Und davon, dass das Militär teilweise einer Gehirnwäsche unterzogen worden sei. „Da ist es dann egal, ob sie auf eine Frau, einen Mann oder ein Kind schießen. Das macht mir Sorgen.“

Doch es gibt auch Hoffnung. Soussan Evers-Khazaeli hat Hoffnung. Hoffnung, dass das Ausland das iranische Regime stärker unter Druck setzt. Auch die Bürger vor Ort müssten noch mehr auf die Straße gehen, noch lauter werden. „Dann wirkt etwas“, sagt sie. Sie hofft, dass die Revolution erfolgreich sein wird. „Denn nur dann ist es auch eine Revolution.“

Eine Revolution, die dann auch das ändern würde, gegen das Soussan und ihre Freundin vor 43 Jahren demonstriert haben.