Klima-Experte im Interview: „Es ist noch sehr viel Luft nach oben“

Kostenpflichtiger Inhalt: Klimaschutz : Klima-Experte im Interview: „Es ist noch sehr viel Luft nach oben“

In diesem Jahr sind erstmals auch in der Region freitags Schüler auf die Straße gegangen, um für Klimaschutz zu demonstrieren. In Trier wurde der Klimanotstand ausgerufen. Darüber sprachen wir mit dem Präsidenten der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues.

Die Diskussion um den Klimawandel hat in diesem Jahr auch das ein oder andere Kommunalparlament in der Region beschäftigt. Vor allem dort, wo nach der Kommunalwahl im Mai die Grünen deutlich zulegen konnten. Etwa in Trier. Dort bilden die Grünen die stärkste Fraktion im Stadtrat. Sie beantragten, den Klimanotstand in Trier auszurufen. Am 29. August stimmte dem der Stadtrat mehrheitlich zu. Zwar ist der Beschluss bislang nach außen hin mehr oder weniger ohne erkennbare Wirkung. Mittelfristig sollen alle Entscheidungen des Stadtrats auf die Auswirkungen aufs Klima abgeklopft und notfalls angepasst werden.

Mit  dazu beigetragen, dass das Thema auf die Agenda gekommen ist, hat die Fridays-for-Future-Bewegung. Der von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg initiierte Schülerstreik hat in diesem Jahr die Region erreicht. Im Januar gingen erstmals Schüler in Trier auf die Straße. Zuletzt gab es im November auch Freitags-Demos in Saarburg, Prüm und Bitburg.

Über Klimanotstand, Fridays for Future und Wetterextreme in der Region in diesem Jahr haben wir mit Reinhard Loske gesprochen. Der ehemalige Grünen-Bundespolitiker ist Präsident der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und dort auch Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung. Mit ihm sprach unser Redakteur Bernd Wientjes.

Herr Loske, was hat 2019 für den Klimaschutz gebracht?

REINHARD LOSKE Zumindest mal eine größere öffentliche Dringlichkeit. Das Thema ist ja nicht neu. Es wird seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert. Es hapert nicht an wohlmeinenden Beschlüssen, wie der Klimarahmenkonvention von 1992 oder dem Pariser Klimaabkommen von 2015. Aber die Politik ist weit hinter all dem zurückgeblieben. Durch Fridays for Future und die zunehmenden Wetterextreme ist in diesem Jahr der Druck auf die Politik gewachsen. Die Menschen sind unzufrieden, was die Politik in Sachen Klimaschutz vorlegt.

Sie sprachen es an, die Wetterextreme nehmen zu. Der 25. Juli gilt als der bislang heißeste Tag in Deutschland. In Trier wurden auf dem Petrisberg über 40 Grad gemessen. Trotz dieser Extreme, glauben viele noch immer nicht, dass es einen Klimawandel gibt. Woran liegt das?

LOSKE Diese Zweifeler sind in Europa doch deutlich in der Minderheit. Es gibt einen sehr großen Konsens in der Wissenschaft, was die Auswirkungen des Klimawandels betrifft. Die Klimawandel-Leugner machen sich mit ihren Argumenten zunehmend lächerlich. Aber sie sind politisch einflussreich, siehe Trump in Amerika oder Bolsonaro in Brasilien.

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat in diesem Jahr auch die Region Trier erreicht. Zunächst gingen nur in Trier Schüler auf die Straße, dann folgten auch andere Städte wie Bitburg, Prüm oder Saarburg, teilweise auch unterstützt von den Eltern. Wie bewerten Sie die Bewegung? Nimmt die Jugend die Klimaprobleme ernster als die Politiker?

LOSKE Die Politik hat lange Zeit und tut es zum Teil immer noch, die Illusion geschürt, dem Klimawandel wäre mit kleinen Veränderungen zu begegnen. Es sind aber große Veränderungen notwendig. Genau das macht die Jugendbewegung in einer sehr erfreulichen Frische und auch positiven Radikalität klar. Die Fridays-Bewegung verdeutlicht, dass die Folgen des Klimawandels nicht in ferner Zukunft liegen, sondern jetzt spürbar sind und schlimmer werden. Je länger die Politik wartet und vermittelt, man dürfe niemandem etwas zumuten, desto größer sind am Ende die Zumutungen durch den Klimawandel selbst. Wenn Politik nur noch darin besteht, die Anpassung an einen eskalierenden Klimawandel zu organisieren, dann hat das mit Freiheit nicht mehr viel zu tun. Man kann von der Jugend dann auch nicht mehr erwarten, dass sie in Zukunft schön brav ihre Rentenbeiträge abdrückt, während wir jetzt ihre Lebensgrundlagen ruinieren.

Nicht nur die große Politik hat das Thema Klimawandel erkannt. Auch in vielen Kommunalparlamenten wurde in diesem Jahr darüber diskutiert. Trier hat am 29. August den Klimanotstand ausgerufen. Bringt das in Ihren Augen etwas? Oder ist das reine Symbolpolitik?

LOSKE Klimanotstand bedeutet zunächst nur, dass eine Notsituation anerkannt wird. Dabei kann man es aber auf keinen Fall belassen. Das wäre in der Tat reine Symbolpolitik. Es muss um weitreichendere Maßnahmen gehen: Verkehrswende, Energiewende, Agrarwende und weniger Flächenverbrauch. Wir haben eine große Veränderungsnotwendigkeit. Gleichzeitig steigt die Zahl der Zulassungen von SUV, der Kreuzfahrt- und Flugreisen, wir haben so große Wohnungen wie noch nie, die Abfallberge wachsen – 2018 hatten wir den größten Anteil an Verpackungsmüll aller Zeiten. Diese Lücke zwischen Notwendigkeit und Wirklichkeit muss geschlossen werden, auch durch konkrete Beschlüsse auf kommunaler Ebene.

Was können Kommunen überhaupt für den Klimaschutz tun?

LOSKE Die Kommunen könnten endlich damit aufhören, immer mehr Gewerbegebiete auszuweisen und zu glauben, man müsste ständig Flächen ausweiten. Es muss konkret vor Ort etwas Nachvollziehbares passieren. Die Zeit dafür ist reif und die Bereitschaft eines Großteils der Bevölkerung dafür ist da, eine solche Politik gemeinsam zu gestalten. Heute ist nicht mehr so, dass Politiker, die Klimaschutz machen, riskieren abgewählt zu werden. Im Gegenteil: Wer zu wenig Klimaschutz macht, riskiert abgewählt zu werden. Und das zu Recht.

Für wie klimafreundlich halten Sie die Region Trier? Einerseits drehen sich Hunderte Windräder in der Eifel und auf dem Hunsrück, gleichzeitig werden aber immer neue Straßen gebaut (Hochmoselübergang). Wird Klimaschutz hier nicht ernst genug genommen?

LOSKE Es ist noch sehr viel Luft nach oben. Das hat sich auch kürzlich bei der Klimawoche an unserer Hochschule gezeigt. Von Besuchern, die ich nach positiven Beispielen für Klimaschutz in der Region gefragt habe, kam ein ernüchterndes Fazit. Errneuerbare Energien sind die sichtbare Ausnahme, auch auf die ein oder andere ökologische Verbesserung im Weinbau wurde hingewiesen. Bei der Verkehrspolitik präsentiert sich die Region extrem Auto-zentriert und auf Straßenbau fixiert. Der Öffentliche Nahverkehr muss dringend ausgebaut werden, auch die Bedingungen von Rad- und Fußverkehr sind vielerorts stark verbesserungsbedürftig. Car-Sharing und Fahrgemeinschaften sind auch noch sehr selten. Außerdem: Die Moselregion lebt von der Schönheit der Landschaft. Der Klimawandel hat daher auch direkte wirtschaftliche Effekte, etwa auf den Tourismus.

 Stichwort: Nahverkehr. In Luxemburg wird der ÖPNV ab März kommenden Jahres kostenfrei, in der Region wurden in diesem Jahr höhere  Ticketpreise ab Januar angekündigt. Ist das ein richtiges Signal, um Menschen von der Straße auf Busse und Bahnen zu bringen?

LOSKE Kostenloser Nahverkehr ist meines Erachtens nicht vordringlich. Wichtiger ist, dass die Attraktivität des Angebots steigt, höhere Taktdichten und bessere Verknüpfungen sind essentiell. Auch da ist in der Region noch Luft nach oben.

Abschließende Frage: Die Politik ist ja das Eine. Aber was kann denn jeder Einzelne dafür tun, nachhaltig und klimafreundlich zu leben?

Wie weltweit in 1700, bundesweit in 180 und im Land in weiteren zehn Städten sind am gestrigen Freitag auch in Daun Schüler auf die Straße gegangen, um für einen besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Organisator Tim Neumann vom Geschwister-Scholl-Gymnasium ging von rund 600 Teilnehmern mehrerer Dauner Schulen aus. Er sagte: „Es liegt ein weiter Weg vor uns, aber wir machen jetzt den ersten Schritt.“ Die Kinder und Jugendlichen zogen lautstark durch die Innenstadt und präsentierten dabei ihre selbst gestalteten und sehr kreativen Plakate. Ein Jugendlicher fragte darauf: „Opa, was ist ein Schneemann?“. Weitere Bilder im Internet unter www.volksfreund.de Foto: Mario Hübner. Foto: TV/Mario Hübner
Bei Fridays for Future in Saarburg demonstrieren 200 Menschen. Foto: TV/Dirk Tenbrock

LOSKE Die Politik muss auf EU-, Bundes- und Landesebene gute Rahmenbedingungen für den Klimaschutz schaffen, damit Menschen sich klimafreundlich bewegen, ernähren und mit Energie versorgen können und in den Regalen klimafreundliche Produkte vorfinden. Darüber hinaus kann jeder Einzelne selbst sehr viel tun. Das Wichtigste: Auf Überflüssiges verzichten und sich freimachen vom Überkonsum. Jeder sollte überlegen: Was brauche ich wirklich, um gut zu leben. Wann immer möglich sollte man mit dem Rad fahren, zu Fuß gehen, Busse und Bahn oder Fahrgemeinschaften nutzen. Man kann den Stromanbieter wechseln, Mitglied in einer Energiegenossenschaft oder in einer landwirtschaftlichen Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft werden. Jeder muss für sich das rechte Maß finden. Wir als Cusanus Hochschule wollen uns in den Klimaschutzprozess einbringen, in der Lehre, in der Forschung und in der Mitgestaltung der Gesellschaft.