Wieso Vinyl nicht ausstirbt – und es in Trier trotzdem keinen Plattenladen gibt

Kostenpflichtiger Inhalt: Steigende Zahlen : Wieso Vinyl nicht ausstirbt – und es in Trier trotzdem keinen Plattenladen gibt

Die Renaissance der Schallplatte hat 2007 begonnen. Seitdem steigen die Verkaufszahlen Jahr für Jahr. Ein reines Schallplattengeschäft gibt es in Trier dennoch nicht. Wieso eigentlich?

Ein Mann nimmt eine große, quadratische Hülle aus einem verstaubten Regal. Er hält sie vor sich, pustet den Staub von der Pappe und nimmt eine schwarze, gerillte LP (Langspielplatte) aus dem Cover. Vorsichtig legt er sie auf den Teller des Plattenspielers, führt die Nadel auf die Rille des Songs, den er hören möchte. Ein sanftes Knistern ertönt aus den Boxen. Der Mann lehnt sich in seinem Sessel zurück, steckt sich eine Zigarette an, gießt sich einen Whisky ein und entspannt.

Ein Bild, das lange Vergangenheit ist? Nein. Dass noch immer geraucht wird, weiß jeder. Auch Whiskey ist aus den Kneipen nicht wegzudenken. Aber die Platte? Die ist doch lange ausgestorben? Pustekuchen. Sie ist wieder da, und sie wird seit zwölf Jahren immer beliebter. Denn wie der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) mitteilt, setzte damals ein Anstieg ein, der sich bis heute hält.

„Die Renaissance der Schallplatte hat 2007 begonnen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des BMVI Florian Drücke. Wurden 2009 nur eine halbe Million Schallplatten verkauft, waren es 2018 3,1 Millionen. Von Januar bis einschließlich September gingen 2,17 Millionen Platten über die Theke – 7,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Mittlerweile hat das Vinyl seinen Umsatzanteil am physischen Markt auf 12,9 Prozent ausgebaut. Tendenz steigend.

„Angesichts einer seit zwölf Jahren andauernden, fast ununterbrochenen Aufwärtskurve kann man nicht von einer kurzlebigen Entwicklung sprechen“, so der BMVI-Vorsitzende Drücke. Das „Phänomen Vinyl“ sei beständig und die Fangemeinde sehr treu. Dass die Schallplatte allerdings zum absoluten Top-Seller wird, ist laut Drücke nicht zu erwarten. Am gesamten Umsatz – in den auch Streaming und Downloads einfließen – hat die Platte „nur“ einen Anteil von 4,4 Prozent. Trotz des Wachstums sei das also ein „nach wie vor eher kleines Marktsegment“. Auch die CD liegt mit einem Marktanteil von 28,2 Prozent noch weit vor dem Vinyl.

Anders als in den USA. Laut den Zahlen des US-amerikanischen Verbandes RIAA wurden im ersten Halbjahr 2019 224,1 Millionen Schallplatten abgesetzt – im Vergleich dazu 247,9 Millionen CD’s. Am Jahresende könnte die Platte also die CD überholt haben. „Für Deutschland zeichnet sich das bisher allerdings in der Form nicht ab, da bei uns die CD noch immer recht stark ist“, so Drücke. 

Anders sieht das Mirko Gläser. Er ist Gründer des Labels Uncle-M. „Die CD ist für mich persönlich ein sehr steriles Medium“, sagt er. Über die Jahre hätten sich bei ihm beruflich bedingt mehr als zehntausend CDs angesammelt. Diese habe er „in einem Akt der Befreiung entrümpelt“. Seine Plattensammlung habe er aber behalten. Für den Label-Gründer ist der Vinylboom kein kurzlebiger Trend, er werde aber auch nicht weiter steigen.

Gläser und sein Label haben sich deswegen auch in den vergangenen Jahren immer mehr angepasst. Da Vinyl das Format sei, was die meiste Sorgfalt in der Herstellung benötige und damit die meisten Kosten erzeuge, gleichzeitig aber auch die größte Strahlwirkung nach sich ziehe, wurde die Messlatte der Kunden höher gelegt. „Vor einigen Jahren reichte eine schwarze Standard-LP“, so Gläser, „Viele Fans erwarten heutzutage wirklich außergewöhnliche Produktionen mit strengen Limitierungen und Colorierungen.“

Doch woran liegt es, dass die Schallplatte nicht ausstirbt? Laut dem BMVI-Vorsitzenden Drücke gehört neben dem qualitativen Aspekt „auch eine Art Entschleunigungsaspekt und der Wunsch, in einer zunehmend digitalen Welt etwas zu haben, was man in der Hand halten und ins Regal stellen kann“ zu den Gründen. Label-Gründer Mirko Gläser sieht das ähnlich: „Vinyl ist emotional aufgeladen und herrlich analog und damit schon fast ein Statement gegen die zunehmende Digitalisierung und die ‚Alles-Immer-Überall-Verfügbar-Mentalität’.“

Obwohl Vinyl also beliebter wird, sucht man in Trier und der Region vergeblich nach einem reinen Plattenladen. Den Grund sieht Rino Dzur, Mitarbeiter des Trierer Exhauses darin, dass „der Online-Handel einen Laden in einer Stadt wie Trier schwer macht“. Die Zielgruppe sei zwar da, aber relativ klein. Auch deswegen gehört er zu den Organisatoren des Vinyl-Flohmarktes, der im November in Trier stattfand. Und der war ein Erfolg: „Wir werden das im nächsten Sommer auf jeden Fall wieder machen“, sagt Dzur.

Einen klaren Verkaufsschlager bei den Künstlern kann man derweil nicht festmachen. Das zeigen die Top-20 der verkauften Platten der ersten drei Quartale 2019. Schnappen sich Schock-Rocker von Rammstein Platz Eins, rangiert direkt dahinter der Rapper Fler, gefolgt von Queen auf Platz Drei und Fünf. In den Top-20 finden sich auch Namen wie die Beatles, Bruce Springsteen und AnnenMayKantereit und Deichkind. Eine bunte Mischung also.

Eine solch bunte Mischung bietet der Trierische Volksfreund in Sachen Vinyl nun auch. In der neuen Serie „Vinyl der Woche“ stellen wir wöchentlich eine Schallplatte vor. Los geht’s heute mit „All Things Must Pass“ vom Ex-Beatle George Harrison. Diese gibt’s hier.

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