Kämpft Marlon Bröhr gegen Christian Baldauf um CDU-Spitzenkandidatur 2021 in Rheinland-Pfalz?

Spitzenkandidatur 2021 in Rheinland-Pfalz : Hunsrück-Landrat Marlon Bröhr kann die Landes-CDU noch mächtig ärgern

Marlon Bröhr liebäugelt damit, Christian Baldauf als Spitzenkandidat 2021 herauszufordern. Hätte der polarisierende Hunsrück-Landrat eine Chance?

Wenn Marlon Bröhr daran scheitern sollte, eines Tages rheinland-pfälzischer Ministerpräsident zu werden, kann der Landrat in seine Zahnarztpraxis zurückkehren – oder als Telefonseelsorger arbeiten. Die Apparate klingelten in diesen Tagen im Rhein-Hunsrück-Kreis wie verrückt, wütende Eltern wollten wissen, warum keine Schulbusse fahren. Weil die aufgeheizte Stimmung die Azubis einschüchterte, nahm auch der Landrat persönlich den Hörer ab und beschwichtigte viele Eltern, die Dampf ablassen wollten. „Säße ich im Olymp und würde mich fragen, wie ich einen Landrat mal richtig ärgern kann, würde ich zwei Bus-Betreiber zum ersten Schultag pleite gehen lassen“, sagt Bröhr und stöhnt.

Genau das passierte in seinem Kreis und löste Chaos aus. Während Bröhr in seinem Büro in Simmern über die Busse redet, witzelt ein Journalist in der Gesprächsrunde: Wo Helmut Schmidt einst die Flut in Hamburg gemeistert habe und später im Kanzleramt landete, könne für Bröhr eine erfolgreich gemeisterte Bus-Krise im Hunsrück doch die Rampe zur Mainzer Staatskanzlei sein. Bröhr grinst, als er die Worte hört.

Die Landes-CDU dürfte solche Späße weniger witzig finden. Wenn es um die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2021 geht, kann Bröhr dem Machtapparat in der Partei noch gefährlich werden. Hinter den Kulissen ist längst alles geklärt. CDU-Landeschefin Julia Klöckner macht den Weg frei für den rheinland-pfälzischen Fraktionschef Christian Baldauf, um sich auf ihre bundespolitische Karriere in Berlin zu konzentrieren. Baldauf schart gewichtige Befürworter in der Partei um sich – die Junge Union, die Bezirksverbände, Frauen, Ökos. Nur einen nicht: Marlon Bröhr, der sich die Möglichkeit offen hält, bei einem Nominierungsparteitag 2020 als Gegenkandidat von Christian Baldauf anzutreten.

Beide CDU-Männer sprachen schon unter vier Augen über den sich anbahnenden Konflikt. Das Ergebnis dürfte Baldauf nicht gefallen haben. Angesprochen auf Bröhr antwortete der designierte CDU-Spitzenkandidat jüngst in einem Volksfreund-Interview: „Im Team entwickeln wir in den nächsten Wochen und Monaten eine Agenda für Rheinland-Pfalz. Jeder ist herzlich eingeladen, mitzumachen.“ Zwischen den Zeilen las sich da raus, dass Bröhr bislang nicht willig ist, sich im ,Team Baldauf’ unterzuordnen. Für den Hunsrück-Rebell wäre es nicht der erste Kampf, den er in der CDU führt. 2007 wählten die Einwohner der Verbandsgemeinde Kastellaun ihn zum Bürgermeister. Bröhr war als Parteiloser angetreten, weil die Union ihn nicht aufstellen wollte. Seine Frau stärkte ihm den Rücken, half kräftig mit im Wahlkampf, obwohl das Ehepaar zwei Kinder hat und eine Zahnarzt-Praxis zusammenführte. Als Bröhr haushoch gewann, brach sie in Tränen aus. „Ich habe gedacht, du bekommst nur drei Prozent“, gestand sie ihm schluchzend.

Beim CDU-Landesparteitag in Wittlich 2016 wagte Bröhr eine Kampfkandidatur, weil sein Bezirk ihm einen Beisitzer-Posten im Vorstand versagte. Der Landrat scheiterte mit einem Anti-Establishment-Kurs, tauchte danach aber immer auf dem Radar auf, wenn es um Typen in der CDU geht, die sich nicht verbiegen lassen.

Die Ecken und Kanten des Landrates, der lieber selbst am Steuer sitzt statt sich von einem Chauffeur kutschieren zu lassen, spürte auch schon der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) beim Streit um die Mittelrheinbrücke. Die betrachtet der Landrat nicht als kommunale Brücke und verzichtet auf Millionenzuschüsse aus dem eigenen Haushalt, womit er auch Kammern auf den Schlips trat. Bröhr sieht sich im Recht. „Bei der Brücke wird gelogen wie gedruckt“, sagt Bröhr, der Wissing einen „Rabulistiker der alten griechischen Schule“ nennt. Auf Deutsch und in Nett: einen Wortverdreher.

Beim Kirchenasyl landete Bröhr in der überregionalen Presse, als er Pfarrer anzeigte, die drei von der Abschiebung bedrohten Sudanesen Obhut gewährten. Eine Anklage erhob die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach nicht, Bröhr fühlt sich trotzdem im Urteil bestätigt. Das Gericht habe die Auffassung einer Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt geteilt, sagt Bröhr.

Manche konservative Seele dürfte der Landrat damit genauso erreichen wie mit seinem Spott zum momentanen CDU-Elan im Forst („Die Nummer, dass jetzt alle im Wald sitzen ...“) und zur Aufregung um den Klimawandel („Früher hat man Ablassbriefe gekauft, heute wählt man die Grünen“). Dabei will sich der 45-Jährige nicht falsch verstanden wissen. Der Rhein-Hunsrück-Kreis arbeite bereits an technischen Lösungen, um Klimawandel zu bekämpfen. Vertreter aus 70 Ländern der Erde hätten den Kreis bereits besucht, das grün-geführte Umweltministerium in Mainz brüstet sich mit dem Hunsrück gerne als Vorbild, wo 278 Windräder rotieren, manche Orte dank Nahwärmenetzen unabhängig von Gas und Öl sind und einzelne Schulen mit Bioabfall beheizt werden. Böse Stimmen in Mainz sagen da: Wo die Landes-CDU noch Klima-Ideen sucht, setzt der Kreis sie längst um.

Bei der Landesregierung setzt wiederum Bröhr, der einen Jagdschein besitzt, aber nur ein Reh in sechs Jahren erlegt hat, zum Angriff an: Es fehle ein einheitliches Digitalkonzept für Schulen, was zu einem Flickenteppich führe. Bröhr moniert klamme Kassen der Kommunen, schlägt vor, Fördertöpfe zu streichen und Gemeinden Geld doch gleich für die eigene Infrastruktur zu überlassen.  „Rheinland-Pfalz ist in vielen Feldern Relegation, aber nirgendwo Uefa-Cup“, sagt Bröhr.

Wortkarg gibt sich der forsche Schwiegermutter-Typ, wenn es um die Frage nach der Spitzenkandidatur 2021 geht. Ob der Landrat tatsächlich den Zweikampf mit Baldauf sucht, lässt er offen. Mehr als Außenseiter-Chancen hätte der Hunsrücker Landrat zwar nicht, mutmaßen Beobachter. Wo Baldauf die Netzwerke in der Partei pflegt, zapft Bröhr sie gar nicht an, sondern setzt auf Alleingänge. Die sind aber unberechenbar – und können die CDU in Alarmstimmung versetzen.

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