Tierwohl: Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen ist Mangelware

Kostenpflichtiger Inhalt: Tierschutz : Bauernpräsident: „Bei diesen Fleischpreisen ist mehr Tierschutz eine Utopie“

Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Michael Horper fürchtet, dass strengere Auflagen seinen Berufsstand gefährden. Weniger als zehn Prozent des Fleischs im Supermarkt stammt von Tieren aus Haltungsbedingungen, die deutlich besser sind als der gesetzliche Standard.

Intelligente Tiere, die auf engstem Raum über den beißenden Dämpfen ihrer eigenen Gülle zusammengepfercht werden, die niemals das Sonnenlicht sehen und so wenig Beschäftigung haben, dass sie irgendwann anfangen, sich gegenseitig die Schwänze abzubeißen: Vielen Verbrauchern vergeht der Appetit aufs Schnitzel, wenn sie sich vor Augen führen, wie das Fleisch produziert wurde.

Die Auswahl an Alternativen ist allerdings gering – zumindest dann, wenn man in Supermärkten und Discountern einkauft. Ein Marktcheck der Verbraucherzentralen zeigt, dass dort weniger als zehn Prozent des Fleischs von Tieren aus Haltungsbedingungen stammt, die deutlich besser sind als der gesetzliche Standard.

Zu erkennen sind diese Bedingungen an dem vierstufigen, freiwilligen Siegel „Haltungsform“, das acht Handelsketten im April 2019 eingeführt haben. 1631 Fleischprodukte haben die Verbraucherzentralen nun bundesweit unter die Lupe  genommen. Das Ergebnis war ernüchternd. „Weniger als zehn Prozent waren mit Stufe 3 und 4 gekennzeichnet. Diese stehen für deutlich bessere Haltungsbedingungen“, sagt Ernährungsexpertin Waltraud Fesser von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

„Das ist viel zu wenig und schränkt die Auswahl beim Einkauf ein.“ Bei Haltungsstufe 4 handelte es sich fast ausschließlich um Bio-Fleisch. Etwa ein Drittel der Produkte (34 Prozent) stammte aus der Haltungsform 2 – in der Regel Geflügelfleisch. Hier liegen die Anforderungen nur wenig über dem Mindeststandard. Mehr als die Hälfte des Fleischs jedoch (56 Prozent), findet sich in Stufe 1 – und erfüllt damit gerade mal den Mindeststandard.

Die Verbraucherzentrale fordert, den Anteil von Fleischprodukten der Stufen 3 und 4 deutlich zu erhöhen. In allen Geschäften müsse es eine Auswahl geben. Auch solle man die Kennzeichnung auf Frischfleisch von der Theke sowie auf Wurstwaren ausweiten. „Die Haltungsbedingungen müssen in der gesamten Nutztierhaltung verbessert werden“, fordern die Verbraucherschützer. Daher solle die staatliche Tierwohlkennzeichnung schnellstmöglich eingeführt werden.

Schon seit vielen Jahren ist dies in Planung. Obwohl das Kabinett das neue Label im September verabschiedet hat, wird es noch lange dauern, bis die Fleischwaren in den Regalen liegen. Bis Ende 2020 soll es so weit sein. Das neue Label wird – anders als das Siegel „Haltungsform“ – ausschließlich Produkte kennzeichnen, die über dem gesetzlichen Standard liegen. 70 Millionen Euro plant Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner alleine für eine Markteinführungskampagne, die den Sinn des Ganzen erklärt.

Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, hat nichts gegen Tierschutz. Und doch macht ihn das Thema wütend. Er fürchtet, dass es irgendwann „ganz tolle Labels gibt, aber keine Bauern mehr.“ Das ganze System sei pervers. „Der Discount macht uns tot“, sagt er. Bei den Preisen, die aktuell für Fleisch bezahlt würden, sei mehr Tierschutz eine Utopie. Wenn sie das wollten, müssten Verbraucher und Politik sehr viel Geld in die Hand nehmen.

Tierwohl ist auch eines der vielen brisanten Themen, die aktuell bei der Agrarministerkonferenz in Mainz besprochen wurden.