Katastrophenschutz: 13.08 Uhr in Trier-Euren – Die Bombe ist entschärft

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Nach 38 Minuten ist alles vorbei. Auf Holzpaletten festgezurrt liegt die entschärfte britische Fliegerbombe, die auf dem Sportplatz in Trier-Euren gefunden wurde, am Sonntag zum Abtransport bereit. Ihr Zünder allerdings birgt eine echte Überraschung.

Vier Ziffern machen allen Spekulationen ein Ende. 1944. Diese Zahl ist auf dem Zünder der Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg eingraviert. Die britischen Kampfpiloten warfen sie also entweder noch im selben Jahr oder erst 1945 bei einem Bombenangriff auf Trier-Euren ab. Alle Vermutungen, die Bombe stamme von einem der sechs Mosquito-Bomber, die am 1. April 1943 einen Angriff auf das Bahnausbesserungswerk in Euren und Trier-West flogen, waren also falsch.

 Als Kind hat die heute 81-jährige Elfriede Kretsch diesen verheerenden Angriff miterlebt. „Ich weiß noch, wie ich zu meinem Vater gesagt habe ,Sieh mal, die werfen Flugblätter ab’.“ Sie holt Luft: „Für mich ist es nach 2006 und 2009 bereits das dritte Mal, dass ich aus meiner Wohnung in der Spirostraße wegen einer Bombe raus muss. Und ich fürchte, das ist nicht das letzte Mal.“ Mit Elfriede Kretsch sitzen 69 weitere Menschen in der Notunterkunft Messeparkhalle und warten auf Entwarnung, während die Kräfte vom Malteser Hilfsdienst Getränke ausgeben, Kekse verteilen und Zeit für ein Schwätzchen haben.

Nach Smalltalk ist um 6 Uhr am Sonntag wohl weder den beiden Mitarbeitern der Bäckerei in der Eurener Straße noch ihren Kunden zumute. Eine Stunde früher als sonst ist das Geschäft geöffnet. Dafür ergattern die Kunden ein Bombenangebot: Zehn Brötchen für drei Euro. Na wer sagt’s denn? Das sollte allen den frühen Ladenschluss um 10 Uhr doch ein bisschen versüßen. Während die letzten Kunden zufrieden mit ihren Tüten nach Hause gehen, beginnen die Mitarbeiter der Firma Wöffler und der Stadtwerke Trier damit, die Straßen abzusperren.

Bomben Trier-Euren - Evakuierung

Inzwischen steht Thomas Zimmer von der Berufsfeuerwehr Trier auf seinem Posten in der Seniorenresidenz Ago. Er kontrolliert, ob um 11 Uhr alle Zimmer, die zum Sportplatz hinaus und damit in der Sperrzone liegen, geräumt sind. Die Senioren nehmen’s gelassen, was Heimleiterin Kerstin Hagner freut. „Die alten Leute fragen sich ‚Was ist denn heute los?’ Ansonsten sind sie ganz ruhig. Um halb zwölf ist ja erst einmal Mittagessen. Damit wir zügiger fertig sind, haben wir den Essensplan von Samstag und Sonntag vertauscht. Heute gibt es also Eintopf.“

Bombe Trier-Euren – Entschärfung

Das warme Mittagessen fällt für die 350 Einsatzkräfte – Polizei, Feuerwehr, Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Malteser Hilfsdienst (MHD), Technisches Hilfswerk (THW), Arbeiter-Samariterbund (ASB), Mitarbeiter der städtischen Ämter und Stadtwerke Trier aus. Obwohl sich langsam die Evakuierungszone leert. Ab 11 Uhr klingeln Teams der freiwilligen Feuerwehren an den Haustüren, um zu überprüfen, ob alle Wohnungen tatsächlich leer sind. Zwei Parteien weigern sich, ihr Zuhause zu verlassen. Die Polizei muss einschreiten.

In der Zwischenzeit warten die sechs Männer vom Kampfmittelräumdienst auf dem Sportplatz auf ihren Einsatz. Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Ordnungsdezernent Thomas Schmitt haben kurz zuvor einen letzten Blick auf die Bombe geworfen. „Ich hoffe, es passiert nichts“, sagt Oberbürgermeister Leibe. „Aber man kann nie sicher sein.“ Aus diesem Grund und zur Sicherung des Luftraums kreist ab 12 Uhr ein Polizeihubschrauber über dem abgesperrten Gebiet, die Besatzung entdeckt tatsächlich noch drei Menschen im Eisenbahnausbesserungswerk. Ein Fall für die Kollegen am Boden.

Im Messepark atmet Johannes Ripp auf. Er ist verantwortlich für den Evakuierungsplan. Punkt 12 Uhr meldet er an das Team des Kampfmittelräumdienstes: „Die Evakuierung der Bevölkerung ist abgeschlossen.“ Jetzt heißt es warten.

 Marc Borkam, Ortsvorsteher von Trier-West/Pallien ulkt: „So lange es nicht rummst, ist alles gut. Nein, im Ernst. Alle sind sehr entspannt, auch das Expertenteam. Nach meinem Eindruck kann das gar nicht besser laufen.“ Auch Eurens Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz spaziert mit seinem Hund am Messepark vorbei und klingt gelassen: „Ich konnte von meinem Haus in der Schweringstraße auf das Loch sehen. Alles ist gut geplant und organisiert.“ Und dann stutzt er. Ein Fahrzeug nach dem anderen fährt vom Gelände. „Ich glaube, dass es gelaufen ist.“ Er hat recht.

Wenige Minuten zuvor, um 13.08 Uhr, hat Marco Ofenstein vom Kampfmittelräumdienst Entwarnung gegeben. Oberbürgermeister Leibe ist erleichtert: „Wieder eine Bombe weniger, die gefährlich werden kann.“

Vanessa und ihr Bruder Daniel kümmern sich in der Messeparkhalle liebevoll um ihren Hund Chico. Seit einer Woche ist Chico Mitglied der Familie Gläß. Foto: Rainer Neubert
Der Zünder der britischen Fliegerbombe. Gut zu erkennen sind die Ziffern des Herstellungsjahres 1944. Foto: Rainer Neubert

Wie viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg noch irgendwo verborgen im Boden schlummern, weiß niemand. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Bombe bei Bauarbeiten in Trier gefunden wird.

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