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Zweite Weltkrieg: Karl-Heinz Keiser aus Thomm erinnert sich

Kostenpflichtiger Inhalt: Zweiter Weltkrieg : Ein Zeitzeuge erinnert sich: Schon die Eltern haben als Kinder den Krieg erlebt

Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Karl-Heinz Keiser aus Thomm (Kreis Trier-Saarburg), bekannt als langjähriger Chef eines Busunternehmens, erinnert sich an die schlimmen Kriegsjahre.

„Die tragische Lüge in der Geschichte der Menschheit wird  am 1. September 80 Jahre alt“, erinnert Karl-Heinz Keiser – es ist auch sein Geburtstag, er wird 85 Jahre alt  –  an den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Und führt sich weiter die Tragik vor Augen: „Bis zu 60 Millionen Menschen verloren ihr Leben.“ Der Zeitzeuge erinnert sich an die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs, den er als Kind in seinem Heimatort  Thomm (Verbandsgemeinde Ruwer) miterlebte. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen am 1. September in Polen nahm die unsägliche Tragödie ihren Anfang.

Sorgenvolle Unterhaltungen
In der Familie Keiser sollte sich auf beklemmende Weise Geschichte wiederholen: Schon seine Eltern hatten als Kinder von 1914 bis 1918 einen Weltkrieg miterleben müssen. Sohn Karl-Heinz Keiser, zwar erst fünf Jahre alt bei Beginn des Zweiten Weltkriegs, erinnert sich nur zu gut an die sorgenvollen Unterhaltungen seiner Eltern und von weiteren Angehörigen aus dem verwandtschaftlichen Umfeld, obwohl der Krieg noch weit weg war und es kaum Beeinträchtigungen der gewohnten Lebensqualität gegeben habe, erzählt Karl-Heinz Keiser.

Ort von strategischer Wichtigkeit: Vom Kirchturm der Thommer Pfarrkirche aus konnte die Deutsche Wehrmacht bis nach Luxemburg schauen. Foto: LH

Sogar an Gespräche über die Reichspogromnacht ein Jahr zuvor (9. auf den 10. November 1938) kann sich der gebürtige Thommer noch erinnern. „Dass in Hermeskeil ganze Geschäfte von Juden durch die Nazis kaputt geschlagen wurden“, weiß das Kriegskind von Erzählungen seines Vaters Peter. Dieser kam viel herum „durch sein kleines Transportgeschäft“ mit zwei Lastwagen und seine Tätigkeit beim Bau der „Reichshöhenstraße“ (heutige Hunsrückhöhenstraße 327, 140 Kilometer von Koblenz bis Saarburg). „Die schlimmen Kriegsjahre sind mir nie aus dem Kopf gegangen und haben mich mein ganzes Leben lang begleitet“, reflektiert Karl-Heinz Keiser wenige Tage vor seinem Fünfundachtzigsten.

Bedingt durch den Krieg hatte er eine Schulzeit von gerade mal sechs Jahren, „und die teilweise nur mit halbem Dampf“. Das bewegt Karl-Heinz Keiser bis ins hohe Alter,  von den erlebten Kriegshandlungen vor der eigenen Haustüre ganz abgesehen: „Es war keine leichte Kindheit.“ Obwohl er Jahrzehnte später erfolgreicher Busunternehmer wurde, hätte sein beruflicher Werdegang mit „normaler“ Schulzeit ganz bestimmt eine andere Wendung genommen. Neben den schrecklichen Kriegserlebnissen seien die Kinder jener Jahre auch noch ihrer sonst behüteten Kindheit beraubt worden.

Ohrfeige und beten für den Führer
„1941 eingeschult mussten wir schon in den ersten Monaten die Daten des Krieges auswendig lernen.“ Es sei kein Schultag vergangen, wo nicht vor Beginn des Unterrichts für den Führer habe gebetet werden müssen. Von einer Ohrfeige, die er im Klassenraum bekam, weiß Karl- Heinz Keiser noch haargenau, wie es zu dieser gekommen war. Bei einer Begegnung im Dorf mit einem Lehrer grüßte das Kind mit Guten Tag. Das hieße „Heil Hitler“ hatte ihn der ohrfeigende Lehrer eines Besseren belehrt.

Im späteren (Berufs-)Leben dürfte Keiser ein wahres Organisationstalent gewesen sein – was er auch nicht abstreitet. Womöglich sei er damit in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Nachdem dieser in den Krieg ziehen musste, war der Sohn das einzige männliche Familienmitglied, das vielerlei Besorgungen des Alltags zu meistern hatte, um der Mutter und den vier Geschwistern beiseitezustehen. Wie schon sein Onkel Matthias, sollte auch sein Vater einen Lastwagen mitbringen, als er 1943 zum Militär eingezogen wurde.

Das Gefährt aber hatte der Vater manipuliert und als nicht einsatzfähig gemeldet. Dies aber half nur für kurze Zeit. Wochen später sei das Fahrzeug dann trotzdem von Wehrmachtsangehörigen konfisziert worden. Und auch als die Front noch weit weg war von Keisers Heimatort, kam die Wehrmacht, um die Thommer Pfarrkirche ihrer Glocken zu berauben – „um daraus Kanonen zu schmelzen“, erfuhren die zuschauenden Kinder.

Die unmittelbaren Kriegsfolgen rückten mit dem Fortgang der Kämpfe auch in Thomm immer näher heran. Karl-Heinz Keiser: „Lebensmittelkarten und Bezugs-Scheine für Kleidung wurden immer spärlicher.“ Was die Karten an Wenigem hergaben, war oft nicht mehr zu bekommen. Mutter Johanna, bei allen als „Nanni“ bekannt, kam einmal vom „Einkauf“ zurück mit ganzen 70 Gramm Butter für eine erwachsene Person und fünf Kinder: „Sie nahm uns als ganze Truppe in die Arme, und ich werde die Träne, die ihr dabei über die Wange lief, nie vergessen.“

Der kleine Hochwaldort gewann – nur 30 Kilometer von der Westgrenze entfernt – zunehmend an strategischer Bedeutung. Für die Wehrmacht wohl nicht unbedeutend waren die geografische Lage von 450 Metern über dem Meeresspiegel und ein Kirchturm, von wo aus man bis nach Luxemburg sehen konnte. Keiser: „Funker und Beobachter hatten sich dort eingenistet.“ Auch sonst hatte sich die Wehrmacht mittlerweile fest etabliert in dem 600-Einwohner-Dorf mit Bunkern, Hallen und Panzersperren an den Eingängen. „Infanterie, Artillerie, Flak, Funker und Feldgendarmerie mit Kriegsfahrzeugen aller Art waren in Thomm stationiert“, erzählt Karl-Heinz Keiser. 

„Gerade mal 30 Meter vom Elternhaus entfernt befand sich ein Munitionsbunker.“ Dieser sei einem jungen Soldaten zum Verhängnis geworden, als beim Schärfen eine Handgranate plötzlich explodierte. Schrecklich genug, aber weitere Verletzte oder gar Tote etwa unter der Zivilbevölkerung gab es keine. Karl-Heinz Keiser: „Die Frontlinie rückte näher und näher. Von meinem Fenster im Elternhaus konnte ich sehen, wie Trier aus der Luft bombardiert wurde. Je nach Windrichtung waren auch Kampfhandlungen zu hören.“

Überleben in den Schiefergruben 
Kurz vor Kriegsende kam den zurückgebliebenen Thommern ein ganz spezieller Umstand zu Hilfe, der wohl das Überleben eines großen Teils der Zivilbevölkerung sicherte, ist Karl-Heinz Keiser überzeugt: die Schiefergruben rings um das Dorf. Meist ältere Männer hatten in weiser Vorausahnung nach und nach längst stillgelegte Stollen wieder freigelegt, um den Dorfbewohnern Schutz vor den drohenden Kämpfen zu bieten: „Das war unser Glück.“ Kanonendonner sei von Westen her schon zu hören gewesen und habe erahnen lassen, dass die Front näherrückt.

20 Tage lang harrte man in den dunklen und feuchten Gruben aus, die zuvor mit den allernötigsten Habseligkeiten ausgestattet worden waren. „Ganz gefährlich war es, wenn Männer bei Dunkelheit ins Dorf gingen, um das Vieh zu versorgen.“ 40 Leute hätten sich in seiner Grube befunden. In einer anderen habe es Tropfwasser gegeben, so dass wenigstens kein Wassermangel herrschte. Wieder in einem andern Stollen wurde ein Kind geboren. Manfred Müller erblickte am 15. März 1945 das Licht der Welt, „das in dem Stollen aber nur aus einem matten Schein einiger Karbidlampen bestand“, sagt Karl-Heinz Keiser.

Ein schlimmes Schicksal (50 Prozent von Thomm wurden zerstört) blieb der Zivilbevölkerung durch einen Hinweis von einem Militär-Beobachter vom Kirchturm auf einen Funkspruch  erspart: „Geht in den Wald. Ein Angriff auf Thomm steht bevor.“ Und genau das machten die Thommer auch.