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Medizinische Versorgung: Interview mit Amtsarzt: Ist die Vulkaneifel für die Coronakrise gewappnet?

Kostenpflichtiger Inhalt: Medizinische Versorgung : Interview mit Amtsarzt: Ist die Vulkaneifel für die Coronakrise gewappnet?

Er ist derzeit wohl der gefragteste und vielbeschäftigste Mensch im Kreis Vulkaneifel: Dr. Volker Schneiders, Leiter des Gesundheitsamts Daun. Im TV-Interview gibt er Einblick in die Arbeit seines Teams während der bereits mehrwöchigen Corona-Krise, zieht eine erste Bilanz und wagt einen Ausblick.

Dr. Schneiders, wie geht es Ihnen?

Dr. Volker Schneiders: „Gesundheitlich bin ich topfit. Was die Arbeit betrifft, sind wir mit dem gesamten Team an der  Belastungsgrenze. Seit sechs Wochen sind wir sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz inklusive ständiger Erreichbarkeit. In dieser Zeit gab es nicht einen Tag, an dem ich nicht im Büro war – auch samstags und sonntags. Abstriche machen, Kontaktpersonen-Management, Quarantäne-Verfügungen: Das alles läuft durch. Wenn uns ein positiver Fall gemeldet wird, erduldet das keinen Aufschub. Man ruft sofort an, und wenn man keinen erreicht, wird ein Hausbesuch gemacht. Wenn die Person dann einen systemrelevanten Job wie im medizinischen Bereich hat, geht es direkt weiter. Es bleibt kaum Zeit zum Luftholen.“

Und was sagen Ihre Kinder dazu?

Schneiders: (schmunzelt) „Die siezen mich bald. Das Thema ist ja nicht beendet, wenn ich nach Hause komme; mal um 7, mal um halb 11. Dann klingelt das Handy, die Leitstelle in Trier ruft an, wenn es Einsätze gibt, Fragen offen sind. Aber ansonsten freuen sich die Kinder, mich zu sehen. Und sie haben mit ihren 15 und 16 Jahren Fragen zu Corona, sind betroffen. Dann unterhalten wir uns. Wenn sie im Bett sind, lese ich noch die neuesten Studien und die letzten Updates. Mein Tag endet derzeit meistens zwischen eins und halb zwei.“

Was macht Ihr Team?

Schneiders: „Tolle Arbeit. Es ist aufgestockt worden und wird es weiter werden. Wir haben unter anderem zwei Ärzte im Ruhestand akquiriert, Mitarbeiter von anderen Feldern abgezogen und sechs zusätzliche Kräfte aus der Verwaltung bekommen. Zudem haben wir Medizinstudenten bekommen, die derzeit in den Corona-Ambulanzen arbeiten. Weitere sind vom Land in Aussicht gestellt. Alles in allem kommen wir auf 20 Mitarbeiter.“

Wie bewerten Sie die bisherige Corona-Entwicklung im Kreis?

Schneiders: „Ich sehe drei Phasen. In Phase I war es sehr stressig wegen der vielen Anfragen besorgter Bürger, Unternehmer, sozialer und medizinischer Einrichtungen, die wir alle beraten haben. Darüber hinaus haben wir die Pandemiepläne der Krankenhäuser scharf geschaltet, die niedergelassenen Ärzte sensibilisiert. In Phase II begann die Einschränkung des öffentlichen Lebens. Die war Gold wert, weil wir dadurch Zeit geschaffen haben: für uns, um die beiden Corona-Ambulanzen aufzuziehen, Schutzausrüstung zu besorgen und mit Partnern Apotheken- und Lebensmittelbringdienste zu installieren. Die Krankenhäuser haben sich in dieser Zeit vorbereitet, indem sie Operationen verschoben und Intensivbetten präpariert haben. In Gerolstein wurde ein Corona-Schwerpunktkrankenhaus geschaffen. Überlappend mit Ansteigen der Fallzahlen kommt jetzt die Phase des intensiven Kontaktpersonen-Managements.“

Wie sieht das aus?

Schneiders: „Nehmen Sie Person X, die positiv getestet wurde. Dann fragen wir, mit wem sie engen Kontakt hatte. Im gleichen Haushalt gehören sofort alle dazu und kommen in Quarantäne. Zeigt jemand Symptome, wird ein Abstrich gemacht. Dann der Job: Arbeitet die Person in einem sensiblen Bereich, dann wird ganz penibel nachgeforscht, mit wem sie in Kontakt war – und gegebenenfalls getestet. Um mal Zahlen zu nennen: 89 Menschen (Stand Mittwochabend) sind bei uns positiv getestet worden, wir haben rund 600 Quarantäne-Verfügungen ausgesprochen, etwa 1000 Kontaktpersonen gemanagt. Und die Menschen in Quarantäne werden alle ein bis zwei Tage von uns angerufen, die gesamten 14 Tage. Wir müssen ja wissen, wie es ihnen geht. Und wir dokumentieren alles. Da kommt eine Menge zusammen.“

Haben die vielen positiven Fälle im Seniorenheim in Hillesheim sowie der erste Corona-Todesfall im Kreis ihre Arbeit verändert?

Schneiders: „Nein. Es zeigt aber, dass mit Ansteigen der Fallzahlen unweigerlich auch solch sensible Bereiche wie Altenheime oder Lebenshilfewohnheime getroffen werden – trotz aller Firewalls. Denn dort arbeiten Menschen, die das Virus hereintragen können. Man kann das nicht vermeiden. Denn der Trumpf des Virus ist: 80 Prozent der Erkrankten haben kaum oder nur milde Symptome, die auch von einer leichten Erkältung herrühren könnten. Für die 20 Prozent war es wichtig, dass wir mit der Eindämmungsstrategie Zeit geschaffen haben, um Versorgungsstrukturen für diese Menschen zu schaffen. Zeit ist Leben.“

Was wird noch kommen?

Schneiders: „Machen wir uns nichts vor: Die Einschläge werden kommen, auch in weitere Seniorenheime. Dann müssen wir fallbezogen agieren und sehen: Wer muss ins Krankenhaus, wer kann vor Ort versorgt werden – wie es jetzt glücklicherweise in Hillesheim überwiegend der Fall ist, wo nur zwei der 15 Betroffenen stationär behandelt werden müssen. Wir sollten mit allem rechnen. Ich bin aber fest davon überzeugt: Das deutsche Gesundheitssystem ist sehr stark.“

Wie können die Seniorenheime noch stärker geschützt werden?

Schneiders: „Wir propagieren die Bereichspflege, die die meisten auch machen. Das bedeutet, dass im Wohnbereich x nur noch eine Mannschaft samt Backup-Team arbeitet und die Pflegekräfte nicht von Etage zu Etage wechseln. So kann man einen Wohnbereich schnell hermetisch abriegeln. Sobald jemand vom Pflegepersonal eine Symptomatik hat, sollte er zuhause bleiben. Und: Die Bewohner sind vom Personal natürlich sorgsam zu beobachten. Alles andere ist die Basishygiene, die einzuhalten ist.“

Zurück zum Gesundheitssystem. Ist im Kreis ein Kollaps zu befürchten?

Schneiders: „Davon gehe ich nicht aus. Wir, und darunter verstehe ich auch unseren besonnenen und umsichtig agierenden Landrat, haben die Zeit genutzt und das, was wir präventiv machen konnten, gemacht. Zudem wurde eine Allianz der Krankenhäuser im Land gebildet. Wir gehören zum Versorgungsgebiet Trier mit den beiden Maximalversorgern in Trier: Mutterhaus und Brüder-Krankenhaus. Falls unsere Kliniken eine Belegung von 80 Prozent erreicht haben, wird alarmiert. Die Maximalversorger koordinieren dann, wohin zusätzliche Patienten gebracht werden.“

Wäre es vor dem aktuellen Hintergrund zu verantworten, das Krankenhaus in Gerolstein in Zeiten nach Corona zu schließen? Befürchtungen gibt es ja.

Schneiders: „Die jetzige Zeit zeigt die Wichtigkeit der Krankenhäuser in der Fläche. Das erkennt jeder.“

Was halten Sie von Lockerungsmaßnahmen – etwa die Schulen im Mai wieder zu öffnen?

Schneiders: „Der Shutdown kann nur über einen gewissen Zeitraum aufrechterhalten werden – wegen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akzeptanz und weil ansonsten die Kollateralschäden mindestens so stark sind wie die direkten Auswirkungen der Pandemie. Vielleicht ist das österreichische Modell ein Denkansatz: Man fängt an, in bestimmten Bereichen das Tor sukzessive hochzuziehen und den Stausee langsam abzulassen – und macht etwa den einfachen Mund-Nasen-Schutz zur Pflicht in der Öffentlichkeit. Natürlich weiß ich, dass dann die Fallzahlen ansteigen werden. Die Schulen würde ich in dieser Kaskade als letztes Tor hochziehen, denn dort ist vieles auf digitalem Weg möglich, und mit ihrer Öffnung wird die Fallzahl auf einen Schlag rasant steigen – und sie wären aufgrund des derzeit vom RKI noch vorgegebenen Kontaktpersonenmanagements ohnehin bald wieder von Schließung bedroht. Und viele Eltern wären wieder betroffen. Für wichtig halte ich, dass die Abi-Prüfungen in den G8-Schulen gemacht werden. Ebenso sollten Medizinstudenten ihr Examen schreiben können, denn diese Leute brauchen wir ja sehr dringend, wenn es ernst wird. Wenn zwei Drittel der Gesellschaft infiziert waren, haben wir eine Herdenimmunität. Bis dahin müssen wir sehr sorgsam vorgehen. Ich mache einen Vergleich: Das Einfrieren eines Stücks Fleisch geht schnell, das Auftauen dauert deutlich länger.“

Welchen Wunsch haben Sie an die Bürger – speziell zu Ostern?

Dr. Volker Schneiders (50), seit 2005 Leiter des Gesundheitsamts in Daun, managt die Corona-Krise im Kreis Vulkaneifel medizinsch - rund um die Uhr. Foto: TV/Mario Hübner

Schneiders: „Auch wenn die Sonne scheint, die Säfte steigen und es alle nach draußen drängt: Seien Sie vernünftig, gehen Sie achtsam miteinander um und nehmen Sie die Gefahr, die vom Virus vor allem für Risikogruppen ausgeht, nicht auf die leichte Schulter! Gegen einen Spaziergang zu zweit ist natürlich nichts einzuwenden, im Gegenteil: Er ist sogar gut. Und ja: Jetzt ist genau die richtige Zeit, um mit dem Rauchen aufzuhören.“